Forscher und Proband
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Auch wenn das Gehirn früh Signale feuert - die Entscheidungen fällen wir wohl immer noch selbst.
Der Wille ist wieder frei
Ein Hirnsignal erleichtert Entscheidungen, aber löst sie nicht aus
Dass das Gehirn ein Signal abgibt, bevor es sich entscheidet, führt nicht dazu, dass es keinen freien Willen gebe. Das sagt der Freiburger Psychologe Prof. Stefan Schmidt.
Für Forscher ist in der Diskussion um den freien Willen das Bereitschaftspotenzial im Gehirn entscheidend - so der Stand der Forschung bisher. Doch anders als bislang gedacht sei dessen Anstieg nicht die Ursache von Entscheidung und Handlung, sondern ein Begleitphänomen.

Der freie Wille - seit 1984 nur noch eine Illusion
Zurück geht alles auf die Versuche auf ein Experiment des Physiologen Benjamin Libet aus dem Jahr 1984: Die Versuchspersonen sollten eine spontane Handbewegung machen und danach den Moment angeben, in dem sie sich für die Handlung entschieden hatten. Da die Probanden während des Experiments auf eine schnell laufende Uhr sahen, konnten sie den Zeitpunkt der Entscheidung sehr präzise benennen. Dieser lag 200 Millisekunden vor der Bewegung selbst. Die Forscher konnten aber schon eine Sekunde vor der Handbewegung ein spezifisches Hirnsignal messen, das Bereitschaftspotenzial. Dieses begann 1 bis 1,5 Sekunden vor der Bewegung, stieg dann an und erreichte mit der Bewegung seinen Höhepunkt. Viele interpretierten den Befund so, dass das subjektive Gefühl der freien Willensentscheidung eine Illusion sei, da das Gehirn die Handlung schon weit früher vorbereite.

Dass das Bereitschaftspotenzial und die Entscheidung weit weniger stark zusammenhängen als bislang gedacht, wiesen die Freiburger Psychologen bereits 2013 nach, indem sie selbst das Libet-Experiment durchführten. Anders als üblich werteten sie jeden experimentellen Durchgang einzeln aus, anstatt bis zu 40 Durchgänge zu mitteln. Es zeigte sich, dass das Hirnsignal in einem Drittel der Durchgänge positiv oder neutral war statt wie erwartet negativ. "Das widerspricht der gängigen Annahme, dass der Anstieg eine direkte Vorbereitung der Handlung ist", sagt Schmidt.

Das frühe Bereitschaftspotential bis 400 bis 500 Millisekunden vor Beginn der Handlung ergibt sich vermutlich aus sehr langsamen Hintergrundschwankungen in der Gehirnaktivität. "Wir wissen aus den Experimenten, dass ein negatives Bereitschaftspotenzial Entscheidungen erleichtert, sie aber nicht auslöst", so Schmidt. "Es ist einer von vielen Einflussfaktoren." Das Ansteigen des Bereitschaftspotenzials werde "offensichtlich als innerer Impuls oder Bedürfnis verspürt, sich für die Handlung zu entscheiden", sagt Prof. Schmidt.

Meditationsgeübte können Handlungsimpuls kontrollieren
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Meditation kann Gehirnströme beeinflussen.
Die Wissenschaftler führten das Experiment auch mehrfach mit meditationserfahrenen Versuchspersonen durch. Diese sind wegen der Stabilisierung ihrer Aufmerksamkeit besser als nicht Meditierende in der Lage, innere Vorgänge zu beobachten und zu berichten. Einem Meditationsmeister gelang es, den inneren Impuls zum Handeln, die negative Schwankung, zuverlässig zu identifizieren. Folgte er dem Impuls, verstärkte sich das Bereitschaftspotential wie erwartet. Handelte er ohne Impuls, wurde es schwächer. Verzögerte er die Handlung nach dem Impuls, verschob sich auch das Bereitschaftspotential entsprechend. "Wir werden nicht nur nicht vom Bereitschaftspotenzial bestimmt, wir können es sogar bewusst verändern", sagt. Schmidt.

Das Gehirn entscheidet
Vorhersehbar
Wenn man sich zwischen zwei Dingen entscheiden soll, neigt man dazu, die schon bekannte Alternative zu bevorzugen, sagt der Saarbrücker Psychologe Timm Rosburg.
Für Sie notiert
So treffen Sie die richtige Entscheidung
Vielen Menschen fällt es schwer, sich zu entscheiden. Hier einige Tipps, die Ihnen die Entscheidung erleichtern können.
Literatur
Schmidt S et al (2016) 'Catching the Waves' - Slow Cortical Potentials as Moderator of Voluntary Action. Neurosc Behav Rev 68: 639 - 650