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Medikamentendosen © dpa Lupe
Das Präparat "OxyContin" ist besonders gefährlich (Beitrag vom 6. Juni 2016)
Sucht auf Rezept
Suchtepidemie durch opioidhaltige Schmerzmittel
Zwei Millionen US-Amerikaner waren 2013 von opioidhaltigen Medikamenten abhängig, schätzt die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC.
Die Verschreibungen der Schmerzmittel haben sich seit der Jahrtausendwende verdreifacht - ebenso die Todesfälle. 2014 stieg die Zahl der Toten durch Opioid-Schmerzmittel und durch das Comeback des chemisch eng verwandten Heroins auf den traurigen Rekord von mehr als 28.400 an.

© ap Lupe
Der Popstar Prince starb an einer Überdosis Fentanyl
Unter den Opfern sind auch Prominente. Der Musiker Prince starb im April 2016 an einer Überdosis eines starken Schmerzmittels. Laut dem zuständigen Gerichtsmediziner nahm der Künstler versehentlich zu viel Fentanyl - ein besonders riskantes Mittel.

Auch der Schauspieler Heath Ledger ("Brokeback Mountain") fiel einer solchen Sucht 2008 zum Opfer. Schauspielerin Winona Ryder und Musikerin Courtney Love gestanden ihre Abhängigkeit ein - aber auch Cindy McCain, Ehefrau des Ex-Präsidentschaftsbewerbers John McCain. Sie sind die bekanntesten Betroffenen einer Sucht, die Millionen Amerikaner fest im Griff hat.

Das Suchtproblem wurde erst spät erkannt
Die starken Medikamente, in den 80ern fast ausschließlich nach Operationen oder bei Krebs verabreicht, wurden in den 90ern freizügiger verschrieben. Damals hatten einige mittlerweile widerlegte Studien Hinweise geliefert, dass die Suchtgefahr gar nicht so groß sei. Erst 2010, nachdem auch immer mehr Familien und Freunde der Erkrankten unbedarft zu den Schmerzpillen griffen und die US-Bevölkerung 80 Prozent der weltweit verkauften Opioid-Mittel konsumierte, wurde das Suchtproblem erkannt.

Danach wurde der Zugang zu den Medikamenten schwieriger, die Preise zogen an. Auch die Rezepturen wurden verändert, so dass Tabletten nicht mehr aufzulösen waren und in Spritzen gezogen werden konnten - eine Praxis, die die Wirkung der Substanzen noch erhöht. Jedoch hatte der Preisanstieg zufolge, dass seitdem immer mehr Abhängige auf das chemisch eng verwandte Heroin umsteigen, weil es, vor allem von Mexiko aus, um ein Vielfaches billiger auf den Markt gebracht wird.

Lange versuchte Präsident Barack Obama deshalb, zusätzliche Gelder in Hilfsprogramme für Opioid-Abhängige zu schleusen und die Bundesstaaten für mehr Zusammenarbeit in der Sache zu gewinnen. Jüngst segnete nun auch das republikanisch dominierte Repräsentantenhaus eine ganze Reihe von Gesetzesentwürfen ab, die dann an den Senat gingen. Sie versprechen Schmerzmittel-Süchtigen Hilfe. Insgesamt sieht der Haushaltsentwurf für 2017 zusätzliche 1,1 Milliarden US-Dollar dafür vor.

Das Medikament OxyContin ist besonders tückisch
Besonders gefährlich ist das Präparat OxyContin, ein Langzeitschmerzmittel, das deshalb hoch dosiert ist. Während herkömmliche Opioide wie Oxycodon oder Hydrocodon etwa sechs Stunden lang wirken, verspricht ein besonderes Wirkverfahren bei OxyContin zwölf Stunden Schmerzfreiheit. Die "Los Angeles Times" fand bei der Auswertung US-weiter Verschreibungsdaten jedoch heraus, dass mehr als die Hälfte der Langzeitnutzer von OxyContin nach Einschätzung von Gesundheitsexperten gefährlich hohe Dosen zu sich nehmen.

Viele Abhängige gelangen durch Doktor-Hopping an die erforderlichen Rezepte. Eine allgemeine Datenbank für verschreibungspflichtige Medikamente könnte hier helfen. Viele US-Bundesstaaten haben entsprechende Programme aufgesetzt, aber trotz neuer Richtlinien der CDC nutzt einer Studie zufolge nur die Hälfte der Ärzte diese Möglichkeit. Caleb Alexander, Co-Direktor des Johns Hopkins Center für Medikamentensicherheit, ist Mitautor der Studie: "Die meisten Allgemeinärzte wissen von diesen Monitoring-Programmen, aber viele finden den Zugang zu den Daten zu schwierig."

Babys kommen schon abhängig zur Welt
Eine lange kaum beachtete Gruppe von Opfern sind zudem die neugeborenen Babys abhängiger Mütter. Erste Kliniken stellen sich auf den wachsenden Bedarf nun mit eigenen, abgetrennten Behandlungsräumen für die extrem zitternden und schreienden Säuglinge ein. Einer Recherche des Senders NPR zufolge hat sich die Zahl der Opioid-abhängig geborenen Babys von 2000 bis 2012 auf 21.000 Kinder pro Jahr verfünffacht. Die Säuglinge müssen in ihren ersten Lebenswochen einen Methadon- oder Morphin-unterstützten Entzug durchstehen. Die Mütter brauchen besondere Hilfe.

In der breiten Öffentlichkeit kommen diese Facetten des Opioid-Problems erst langsam an. Eine Studie zeigt, dass immer noch etwa zwei Drittel aller Zeitungsberichte dazu einen kriminellen Zusammenhang herstellen und hartes juristisches Durchgreifen einfordern. "Wir als Amerikaner sind immer noch anfällig dafür, jede Art Drogenmissbrauch als moralische Verfehlung darzustellen", sagt die Studienautorin Prof. Emma McGinty von der "Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health". Der Arzt Stephen Patrick von der Vanderbilt University pflichtet bei: "Ich glaube, es ist für uns an der Zeit, die Art und Weise anzupassen, wie wir in den USA Sucht betrachten."

Literatur
Rutkow et al (2015) Most Primary Care Physicians Are Aware Of Prescription Drug Monitoring Programs, But Many Find The Data Difficult To Access. Health Aff vol 34 no 3, 484-492
Link
Informationen des CDC zu Todesfällen durch Medikamente und Heroin (Englisch)
Abhängig von Medikamenten
Verordnet süchtig
Mehr als eine Million deutsche Rentner sind nach offiziellen Schätzungen süchtig nach Medikamenten. Die Dunkelziffer liegt wohl höher, denn Sucht ist bei Senioren ein Tabuthema.
Schmerzmittelmissbrauch
Kontraproduktiv
Der Erlanger Pharmakologe Kai Brune warnt vor unbedachten, gar chronischem Schmerzmittelgebrauch. "Schmerzmittel, die keine Probleme aufwerfen, gibt es nicht."
Neue US-Drogenpolitik
Therapie statt Knast
Die Drogenpolitik der USA wandelt sich. Strafverfolgung ist nicht mehr der wichtigste Teil der Strategie, stattdessen setzt man auf Prävention und Therapie.