Montag bis Freitag 18.30 Uhr
Kalender
Dezember 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
28
29
30
0102
03
04
0506
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
Medikamente Video
Anwendungsbeobachtungen: Kontrolle fehlt (Beitrag vom 29. Februar 2016)
Einfallstor für Korruption
Kritiker prangern "Scheinforschung" durch Ärzte an
Arzneimittelstudien im Auftrag von Pharmaunternehmen sind nach Einschätzung von "Transparency International" ein Einfallstor für Korruption im Gesundheitswesen.
Die Anti-Korruptionsorganisation hat gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Informationsfreiheit bislang nichtöffentliche Unterlagen über Anwendungsbeobachtungen eingefordert und auch ausgewertet. Dabei habe sie festgestellt, dass diese lediglich "Scheinforschung" und "ein mögliches Instrument für unzulässige Einflussnahme" seien, teilte die Organisation mit.

Die umstrittenen Studien sollen nach dem deutschen Arzneimittelgesetz der Gewinnung von Erkenntnissen über bereits zugelassene oder registrierte Arzneimittel dienen und müssen exakt dokumentiert werden. Nach Angaben des Transparency-Mitarbeiters Ulrich Keil ist aber der wissenschaftliche Nutzen für die Allgemeinheit "gleich null". Eine verlässliche öffentliche Registrierung sowie wissenschaftlich adäquate Veröffentlichungen der Ergebnisse seien nicht gegeben, geschweige denn Transparenz über Nebenwirkungsmeldungen aus diesen Studien, kritisierte der Epidemiologe. Transparency International fordert deshalb eine Änderung des Arzneimittelgesetzes.

Ein "Instrument von unzulässiger Einflussnahme"
Nach Angaben der Korruptionsbekämpfer waren in den Jahren 2008 bis 2010 über eine Million Patienten und 126.764 Ärzte an entsprechenden Studien beteiligt. Dafür wurden pro Studie durchschnittlich eine halbe Million Euro an Honorarkosten veranschlagt. Demnach habe sich nach den vorliegenden Daten das Honorar für den einzelnen Arzt auf 19.000 Euro im Durchschnitt belaufen. "Damit könnenAnwendungsbeobachtungen als ein Instrument von unzulässiger Einflussnahme auf Ärzte und Korruption im Gesundheitswesen angesehen werden", so das Fazit.

Die Anti-Korruptionsorganisation beklagte außerdem unvollständige Dokumentationen und fehlende Kontrollen der Arzneimittelstudien durch die Behörden. So fehlten in den Unterlagen häufig gesetzlich vorgeschriebene Beobachtungspläne oder Angaben zu Honoraren, Ärzten und Patienten. Auch erfolge zwischen den beteiligten Institutionen wie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dem Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen und dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte kein Abgleich untereinander. Ebenso wenig interessierten sich die Institutionen für den Verlauf oder die Ergebnisse der Studien, vor allem hinsichtlich der Arzneimittelsicherheit, so der Vorwurf.

Glossar
Klinische Studie - Jahre bis zur Zulassung
Arzneimittel, die in Deutschland neu auf den Markt kommen sollen, müssen seit 1978 ein Zulassungsverfahren durchlaufen.