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Jugendlicher auf dem Spielplatz Video
Pädophilie beginnt meist schon im Jugendalter. (Beitrag vom 11. Juli 2016)
Übergriffen vorbeugen
Charité richtet bis zu 100 Therapieplätze ein
Die Nachfrage ist groß beim Berliner "Präventionsprojekt für Jugendliche": Jugendlichen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, wird hier geholfen, ihre Impulse zu kontrollieren.
Bei dem Projekt von der Charité und Vivantes haben bereits 51 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 18 Jahren die Diagnostik abgeschlossen, 21 davon das erste Therapiejahr hinter sich gebracht. Die Nachfrage ist so groß, dass Prof. Klaus Beier, Leiter des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Charité, künftig eine Diagnostik für 300 Jugendliche und Therapieplätze für 80 bis 100 Jugendliche anbieten wird.

Seit dem Start Ende 2014 erreichen die Charité wöchentlich bis zu drei Anfragen, auch aus Spanien und den USA. Dies verdeutliche, wie sehr die Jugendlichen Hilfe suchen und dass es an vergleichbaren Angeboten mangele, sagt der Sexualmediziner Klaus Beier. Das Projekt profitiert von den Erfahrungen des seit elf Jahren laufenden Präventionsprojekts "Dunkelfeld - Kein Täter werden" für pädophile Erwachsene. Diese berichteten, dass ihre sexuellen Phantasien bereits im Jugendalter auf Kinder ausgerichtet waren.

Im Internet wirbt die Kampagne "Du träumst von ihnen" mit Slogans wie "Du bist der einzige, der weiß, wie es in Dir aussieht. Aber das heißt nicht, dass niemand Dir helfen kann." Jugendliche, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, können hier Rat bei Ärzten und Psychologen suchen. "Wir wollen nicht stigmatisieren und abschrecken, sondern unsere Zielgruppe erreichen, bevor sie gefährdet ist, sexuellen Kindesmissbrauch zu begehen oder Abbildungen missbrauchter Kinder zu konsumieren", erklärt Tobias Hellenschmidt, Oberarzt der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes-Klinikums im Friedrichshain.

Die sexuelle Präferenz ist nicht heilbar
"Wir sind überrascht, wie sehnsüchtig die Jugendlichen auf Hilfestellung warten, wie sie eine Art Geländer brauchen, um mit diesen Impulsen zurecht zu kommen und entsprechend auch dankbar sind für alle Hinweise, die wir geben können, damit sie diese Verhaltenskontrolle erzielen", sagt Sexualmediziner Beier. Soziale Isolation sei laut Beier einer der größten Risikofaktoren für Übergriffe - somit wirkt diese Öffnung vorbeugend.

Ziel des Präventionsprojekts für Jugendliche ist die primäre Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch und der Nutzung von Missbrauchsabbildungen. Jugendlichen mit einer sexuellen Präferenz für das kindliche Körperschema soll ein diagnostisches und therapeutisches Hilfsangebot unterbreitet werden. Das Therapieziel ist das Erlangen der Verhaltenskontrolle. Es gilt, das Ausleben von Kindesmissbrauchs-Fantasien zu verhindern. Von ihrer sexuellen Präferenz geheilt werden können die Jugendlichen aber nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand nicht.

Es kommen ausschließlich männliche Jugendliche im durchschnittlichen Alter von 15 Jahren, mehrheitlich von ihren Eltern, gesetzlichen Betreuern oder Psychotherapeuten angetrieben. Die meisten sind bereits durch übergriffiges Sexualverhalten gegenüber Kindern aufgefallen, richten ihre Masturbationsfantasien auf kindliche Körper aus und haben kinderpornographische Seiten im Internet konsumiert. Die Jugendlichen kommen aus allen sozialen Schichten. Einige haben in der Familie selbst sexuellen Missbrauch erlebt. Mehrheitlich leiden sie unter weiteren Störungen wie Verhaltensauffälligkeit, Entwicklungsverzögerung, Aufmerksamkeitsstörung, in sechs Fällen unter zusätzlichen sexuellen Störungen wie Fetischismus oder Sadismus.

Forscher suchen Ursachen der Pädophilie
Video
Pädophile geht auf Gene und Umwelt zurück. (Beitrag vom 17. September 2015)
Gene für die sexuelle Präferenz seien bei Patienten mit Pädophilie verändert, vermutet der Hannoveraner Psychiater Helge Frieling. 85 Prozent der Fälle von Pädophilie könnten jedoch auf Umweltfaktoren zurückgehen, zeigen Studien aus Finnland. Pädophilie werde durch verschiedene Faktoren begünstigt, meint auch der Regensburger Psychologe Matthias Butz. Forschung belege, dass biologische Faktoren wie Genetik, eigene Erlebnisse wie sexueller Missbrauch in der Kindheit und psychologische Faktoren wie Schüchternheit oder geringes Selbstwertgefühl eine Rolle spielen. "Wie diese Faktoren genau zusammen wirken, ist noch unklar", sagte der Experte.

Als gesichert gilt jedoch, dass sich pädophile Neigungen meist in der Pubertät manifestieren wie andere sexuelle Neigungen auch. Insgesamt sind Studien zufolge deutlich mehr Männer als Frauen pädophil. Schätzungen gehen davon aus, dass 0,5 Prozent bis ein Prozent der erwachsenen Männer eine pädophile Neigung besitzen, einige fühlen sich jedoch sowohl von Erwachsenen als auch von Kindern angezogen. Auf eine höhere Zahl kommt die Regensburger Psychologin Janina Neutze: "4,4 Prozent der Männer geben an, sexuelle Phantasien mit Kindern zu haben."

Link
"Du träumst von ihnen" heißt die Webseite des "Präventionsprojektes für Jugendliche" der Berliner Charité Berlin und der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Vivantes Klinikum Friedrichshain.
Wissenschaftsdoku
Unheilbar pädophil?
Pädophile werden von der Gesellschaft geächtet, von Eltern gefürchtet. Die Wissenschaft versucht zu ergründen, wie die sexuelle Präferenzstörung entsteht und ob sie therapierbar ist.
"Kein Täter werden"
Triebe kontrollieren
Das bundesweite Präventionsprojekt "Dunkelfeld - Kein Täter werden" bietet in sieben deutschen Städten Menschen Beratung und Therapie an, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen.
Glossar
Pädophilie
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Pädophilie als "Störung der Sexualpräferenz" von Erwachsenen.
Volksabstimmung über Pädophilie
Keinen Umgang mit Kindern - lebenslang
In der Schweiz kann einschlägig vorbestraften Pädophilen künftig lebenslänglich jedwede Tätigkeit mit Minderjährigen verboten werden.