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Kinderhand Video
"Deutschland ist kinderfeindlich", sagt der Kindermediziner Boris Zernikow
Fokus auf die Kinder
Communicator-Preis für Kindermediziner Zernikow
Der Kindermediziner Boris Zernikow erhält den Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft.
Mit der Auszeichnung werde der Kinder- und Palliativmediziner für seine vielfältige Vermittlung der Themen Schmerz, Schmerztherapie und Palliativversorgung bei Kindern geehrt, gab die DFG bekannt. Die Preisverleihung findet während der DFG-Jahresversammlung am 30. Juni 2015 in Bochum statt.

Zernikow verknüpfe Wissenschaft und Kommunikation auf einem sensiblen Gebiet, lautete die Begründung der Jury. Durch einen Zeichentrickfilm, Internetauftritte oder Interviews habe der Wissenschaftler zu einer öffentlichen Wahrnehmung der Themen Schmerztherapie und Palliativversorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland beigetragen.

"Mir macht die Arbeit mit Kindern viel Freude"
Sie haben bereits Ihren Zivildienst auf einer Kinderkrebsstation gemacht. Was bedeutet Ihnen die Arbeit mit Kindern?
Mir macht die Arbeit mit Kindern und ihren Familien viel Freude. Ich könnte mir keinen schöneren Job vorstellen.

Treibt er Sie nicht manchmal über die Schmerzgrenze?
Ich habe meinen Beruf selber gewählt, wie die meisten Menschen. Dann sollte man nicht zu viel über die eigenen Befindlichkeiten sprechen. Darum geht es nicht. Im Mittelpunkt stehen die Patienten, nicht der, der sie betreut. Zudem ermöglichen es emotional schwierige Situationen, einander menschlich sehr nah zu kommen. Das ist viel mehr ein Geschenk als eine Belastung.

Hilft Ihnen der Glaube im Beruf?
Der Glaube, ja, aber auch so eine Art Grundsozialisation. Wir christlichen Menschen denken ja nicht ständig aktiv über den Glauben nach, sondern denken und fühlen in gewissen Formen. In krisenhaften Situationen zum Beispiel kommt der Gedanke an Gott automatisch, ohne dass man dafür viel tun muss. Ich erlebe das in der täglichen Arbeit als ein Fundament: Wenn man über eine Straße geht, fällt einem nicht auf, dass unter den Platten ein Unterbau von 1,5 Metern ist. Das bemerkt man erst im Vergleich, wenn man etwa am Strand entlangläuft. Diese 1,5 Meter Unterbau - das ist der Glaube.

Deutschland galt lange als kinderfeindliches Land. Zuletzt hat sich in der Bildungs- und Baupolitik einiges getan. Wie schätzen Sie die aktuelle Kinderfreundlichkeit ein?
Deutschland ist kinderfeindlich. Allerdings kommt diese Haltung heute in einem Schafspelz daher - was noch schlimmer ist als offensive Feindlichkeit. Kinderfreundlich bedeutet, dass man Kinder wahrnimmt als handelnde Personen mit Wünschen, Ideen, Träumen, Bedürfnissen. In Deutschland nimmt man Kinder eher als Objekte der Erwachsenen-Bedürfnisse wahr.

Was meinen Sie damit?
Durch den demografischen Wandel brauchen wir künftig Pflegekräfte, Ärzte, Ingenieure. Wir Erwachsenen planen im Kopf bereits die Zukunft und bauen eine Welt, aus der möglichst viele dieser für uns nützlichen Menschen entstehen sollen. Da wird das Kind zum Objekt. Das zeigt sich in vielen Bereichen - als getarnte Kinderfreundlichkeit.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Etwa die frühe Förderung von Kindern: Das hört sich schön an. Aber gemeint ist häufig, dass man ein Bildungsziel erreichen will - nicht, damit die Kinder glücklich sind, sondern, weil es gesellschaftlich gebraucht wird. Ein konkretes Beispiel ist das Turbo-Abitur: Es wurde nicht erfunden, weil Kinder ein Problem mit dem Abitur nach neun Jahren gehabt hätten. Vielmehr wollte die Gesellschaft Abiturienten, die ein Jahr früher fertig sind. Also übt sie Druck auf Kinder aus. Sie haben kaum noch Freizeit und können viele Dinge nicht mehr machen, die in den letzten dreißig Jahren zu einer normalen Kindheit und Jugend dazugehört haben.

Offenbar leiden immer mehr Kinder unter Krankheiten wie ADHS oder chronischen Schmerzen. Sehen Sie einen Zusammenhang?
Unbedingt. Der Stress für Kinder nimmt enorm zu, und zugleich sinkt die Resilienz. Das heißt, dass Kinder weniger Zeiten haben, in denen sie auftanken könnten; sie erleben weniger Dinge, die ihnen Kraft geben. Auch die Freizeit vieler Kinder ist nicht mehr mit kindgerechten Dingen angefüllt. Dafür kann man nicht immer jemanden persönlich verantwortlich machen, aber ich glaube, dass es für ein Kind sinnvoller ist, auf einen Baum zu klettern, als einen "iPod" zu bedienen.

Was müsste geschehen?
Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin fordert derzeit einen Kinderbeauftragten im Deutschen Bundestag. Deutsche Kinder- und Jugendärzte unterstützen die Initiative unter dem Motto "Auch Superhelden brauchen Helfer". Es wäre wichtig, dass alles, was vom Parlament beschlossen wird, auf Auswirkungen und Beeinträchtigungen für Kinder und Jugendliche geprüft wird. Ein Beispiel: Laut Gesetz hat jeder Versicherte in Deutschland ein Recht auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung, wenn er sterbenskrank ist. Laut Gesetz sind die Besonderheiten bei Kindern zu berücksichtigen. Aber mehr steht nicht im Gesetz. Es hat lange gedauert, bis sich jemand Gedanken gemacht hat, was das überhaupt bedeutet. Nach wie vor arbeiten die Teams für Kinder und Jugendliche in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung extrem defizitär.

Über Palliativversorgung geht es am Rande der Sterbehilfe-Debatte immer wieder. Wie beobachten Sie als Kinderarzt diese Diskussionen?
Zernikow: Im Moment geht es vor allem um den ärztlich assistierten Suizid. Und da sehe ich für Kinder und Jugendliche überhaupt keinen Bedarf. In Belgien, wo das Gesetz erweitert wurde, ist seit Verabschiedung des Gesetzes kein einziges Mal die "Tötung auf Verlangen" oder der "ärztlich assistiere Suizid" von Kindern und Jugendlichen in Anspruch genommen worden. In Holland gab es fünf betroffene Jugendliche in zehn Jahren. Das zeigt, dass dieses Problem sich für Kinder und Jugendliche nicht stellt. Es ist ein Problem der Erwachsenen, das Kindern übergestülpt wird.

Was wären dann wichtige "Kinderthemen"?
Zernikow: Für Kinder und Jugendliche ist ein großes Problem, wie behinderte Kinder aufwachsen. Ist Inklusion überhaupt für alle Kinder das Richtige? Brauchen wir nicht, wenn wir Inklusion in Normalschulen umsetzen wollen, viel mehr Förderung und Hilfe? Wie stehen Familien da, die schwerstmehrfachbehinderte Kinder zuhause pflegen, wer hilft Eltern, die selber psychisch krank sind, wer kümmert sich um Kinder, wenn alleinerziehende Mütter und Väter krank werden, wie kann Verwahrlosung und Missbrauch von Kindern in armen wie in reichen Familien verhindert werden? Darüber müssten wir stärker diskutieren. Doch die wichtigen Themen für Kinder betreffen nur wenige oder sind abschreckend komplex, also werden sie kaum diskutiert.

Was bedeutet Ihnen der Communicator-Preis in diesem Zusammenhang?
Durch diese Auszeichnung können wir uns noch mehr für wichtige Themen einsetzen, also beispielsweise die Forschungsförderung für Kinder, die schwer chronisch krank sind oder an chronischen Schmerzen leiden. Für sie, die sonst wenig gesehen werden, möchten wir Öffentlichkeit herstellen. Dabei hilft der Communicator-Preis enorm und ich bin der Deutschen Forschungsgemeinschaft dankbar, dass sie diesen wichtigen Themen Beachtung verschafft.

Der Communicator-Preis
Ein Preis, viel Ehr
Der Communicator-Preis wird seit dem Jahr 2000 von der DFG verliehen. Er ist mit 50.000 Euro dotiert. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderen der katholische Theologe Hubert Wolf aus Münster, der Münchner Astrophysiker Harald Lesch sowie die in Berlin tätige Sozialwissenschaftlerin Jutta Allmendinger.