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Affenversuch © BUAV, Soko-Tierschutz Video
Logothetis experimentiert mit Affen, um das menschliche Gehirn zu verstehen
Eine Affenschande
Forscher beleidigt, beschimpft und bedroht
Die Max-Planck-Gesellschaft will sich nach eigenen Angaben nicht von Drohungen und Beschimpfungen wegen Affenversuchen in der Forschung beeinflussen lassen.
Im Herbst 2015 wolle die Gesellschaft über die zukünftige Ausrichtung des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen beraten, teilte Sprecherin Christina Beck am 4. Mai 2015 mit. "Diese Beratungen sind völlig unabhängig davon, was bisher dort geforscht wurde und frei von den Debatten im Bezug auf die Primatenforschung", sagte sie . Weitere Versuche an Affen seien ebenso möglich wie eine neue Ausrichtung des Instituts.

Der Institutsdirektor Nikos Logothetis hatte vor wenigen Tagen erklärt, die Versuche an Primaten in Tübingen vorerst einstellen und künftig nur noch mit Nagetieren arbeiten zu wollen. Grund waren den Angaben zufolge monatelange Anfeindungen und Hass-Mails von Tierschutzaktivisten. "Monster", "Mörder" oder "Dreckschweine" wurden er und seine Tübinger Forscher in Briefen und Mails beschimpft. "Es kamen viele schlimmen Sachen", sagt Beck.

Direktor ist gesundheitlich angeschlagen
Nikos Logothetis ist vor der Presse abgetaucht. Dem Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik in Tübingen soll es nicht gut gehen. "Er ist gesundheitlich angeschlagen, an den Grenzen der psychischen und physischen Belastbarkeit", heißt es in der Münchner Max-Planck-Gesellschaft. Der Neurowissenschaftler wurde monatelang beschimpft, bedroht und angefeindet.

Logothetis experimentiert mit Affen, um das menschliche Gehirn besser zu verstehen. Nach einem Fernsehbericht geriet sein Tübinger Institut im vergangenen September in die Kritik. Ein Tierschützer hatte sich für die Aufnahmen als Pfleger in das Institut eingeschleust. Die Aufnahmen zeigen Affen mit Gehirn-Implantaten, eines der Tiere hat einen blutverschmierten Kopf, einem anderen läuft Spucke oder Erbrochenes aus dem Mund. Tierschützer riefen deshalb zu Kampagnen und Demonstrationen auf. Die Tübinger Staatsanwaltschaft schaltete sich wegen möglicher Verstöße gegen den Tierschutz ein.

Ein "schwerer Rückschlag für die Forschung"
Nicht nur Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) bedauerte die Entscheidung des Tübinger Wissenschaftlers und sprach von einem "schweren Rückschlag für die Forschung". Wissenschaftler warnen vor Stimmungsmache und sehen die Spitzenforschung bedroht. "Das macht uns allen sehr viel Sorgen", sagt Stefan Treue, Direktor des Deutsches Primatenzentrums in Göttingen. Die Wissenschaft dürfe nicht tolerieren, dass "wichtige Themen von radikalen Minderheiten mit Ausschreitungen, Bedrohungen und kriminellen Aktivitäten entschieden werden". Jedes Jahr werden laut Treue 1500 bis 2000 Versuchsaffen in Deutschland eingeschläfert. Es handle sich aber um alternativlose Versuche zum Beispiel gegen unheilbare Krebsleiden.

"Wir müssen jeden Tierversuch beantragen und begründen", sagt Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller. Maßstab sei immer auch, ob es Alternativen gebe. Die Pharmaindustrie komme heute zudem mit wesentlich weniger Versuchstieren aus; 80 Prozent der Versuchstiere seien Mäuse und Ratten, nur 0,16 Prozent Affen.

Auch die Max-Planck-Gesellschaft will nicht von Affenversuchen abrücken. "Wir dürfen nicht zulassen, dass gesetzlich legitimierte und international anerkannte Forschung durch fragwürdige Kampagnen beschädigt wird", sagt Beck. Primatenforschung sei nach wie vor notwendig im Kampf gegen Alzheimer, Demenz oder Schizophrenie.

Tierschützer sehen keinen nutzbaren "Output"
Nach Meinung von Tierschützern sind die Versuche nicht nur grausam, sondern auch ergebnislos. Die Affen würden bei den Versuchen am Kopf festgeschraubt und am Körper gefesselt. Tage vorher würden sie nichts zu trinken bekommen, damit sie bei den Versuchen kooperieren. "Und der Output an nutzbaren Ergebnissen ist gleich Null", sagt Friedrich Mülln von der "SOKO Tierschutz". Für die Tierschützer ist in Tübingen nur ein Etappenziel erreicht. Sie wollen in im Juni wieder auf die Straße gehen, auch für einen tiergerechten Verbleib der 45 Tübinger Versuchsaffen. Und: "Und Ratten und Mäuse sind auch fühlende Wesen."

Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums in Baden-Württemberg wurden 2013 allein im Südwesten mehr als 495.300 Tiere in Versuchen verwendet oder für wissenschaftliche Zwecke getötet, bundesweit sind es Millionen. Die Abwägung, welches Recht schwerer wiegt - die Forschungsfreiheit oder der ebenfalls im Grundgesetz als Staatsziel verankerte Tierschutz - ist schwierig und häufig emotional. Immer wieder ernten Forscher heftige Anfeindungen und Todesdrohungen.

Der Bremer Hirnforscher Andreas Kreiter wurden wegen seiner Primatenversuche bereits unter Polizeischutz gestellt, seine Labore verwüstet. Kreiter forschte trotzdem weiter.

Gespräch
VideoZum Thema sprachen wir am 6. Mai 2015 mit dem Göttinger Neurowissenschaftler Prof. Stefan Treue.
Glossar
Tierversuche
2013 wurden in Deutschland drei Millionen Wirbeltiere für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke eingesetzt. 90 Prozent davon waren Nagetiere: Mäuse und Ratten.
Tierversuche
Zweifel an Sinnhaftigkeit
Durch die Grundlagenforschung ist die Zahl der Tierversuche in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Doch einige Forscher stellen den Sinn der Experimente in Frage.
Tierversuche
Unattraktive Alternative
Für viele Forscher sei es nicht attraktiv, Alternativen zu Tierversuchen zu entwickeln, meint der Biologe Roman Kolar.