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Peter Gøtzsche fordert die vollständige Offenlegung pharmazeutischer Studien
Der Pharma-Held
Medikamente sind dritthäufigste Todesursache
Peter Gøtzsche kämpft für mehr Transparenz bei der Medikamentenzulassung und klärt über gängige Praktiken der Pharmabranche auf.
Der Professor für Klinische Studien an der Uniklinik Kopenhagen leitet ein unabhängiges Institut zur Bewertung von pharmazeutischen Studien, das "Nordic Cochrane Center". Er will, sagt er, "die Leute darauf hinweisen, dass Medikamente die dritthäufigste Todesursache sind. Nach Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs."Der Pharma-Kritiker kennt die Branche von innen. Gøtzsche hat vor 40 Jahren als Außendienstmitarbeiter beim schwedischen Pharmaunternehmen Astra begonnen.

Heute sagt er, dass die Pharmaindustrie die Öffentlichkeit mit falschen Informationen in die Irre führe. Pharmazeutische Studien, die nicht die gewünschten Ergebnisse erbringen, würden geheim gehalten oder manipuliert. Insidern sei das längst bekannt. Aber es müsse endlich ein Thema werden, das breit in der Öffentlichkeit diskutiert wird. "Ich wundere mich, dass das kein öffentliches Thema ist, wenn wir so viele Leute mit Arzneien umbringen. Wenn ein neues Virus nur einen Bruchteil dieser Leute umbringen würde, würden wir uns sehr anstrengen, um das Virus zu bekämpfen. Aber wenn es sich um Medikamente handelt, tun wir praktisch nichts. Der Grund dafür ist, dass die Pharmaindustrie unglaublich mächtig und reich ist und weite Bereiche unserer Gesellschaft korrumpiert hat."

Er kennt einige Beispiele für Medikamente mit tödlichen Nebenwirkungen. Wie etwa das bereits vom Markt genommene Rheuma- und Schmerzmittel "Vioxx": "Ich habe berechnet, dass Vioxx 125.000 Leute umgebracht hat. Wir haben auch Psychopharmaka. Eins der populärsten ist Olanzapin (Zyprexa), das zum Beispiel bei Schizophrenie verschrieben wird. Nach meinen Schätzungen hat allein dieses Medikament 200.000 Leute umgebracht."Auch in seinen Vorträgen weltweit geht es darum, wie die Industrie gefährliche Nebenwirkungen zum Beispiel von Psychopharmaka vertuscht. So führte ein Mittel gegen Depression zur Steigerung von Selbstmordversuchen. Peter Gøtzsche: "Der Pharmahersteller Eli Lilly hat seine Mitarbeiter angewiesen, nicht von Selbstmordversuchen zu sprechen. Sie sollten von Krankenhauseinweisungen sprechen, von emotionaler Labilität, fehlender Wirkung, Depression, was auch immer, - aber nicht von suizidalem Verhalten."

Ein bisschen mehr Transparenz bei Studien
Seit Jahren schon fordern unter anderen das internationale Netzwerk "Cochrane Zentrum" die vollständige Offenlegung pharmazeutischer Studien. Nach einer Reihe von Medikamenten-Skandalen und jahrelangen Diskussionen um mehr Transparenz reagiert nun die Europäische Arzneimittelbehörde EMA: Klinische Studien für alle zur Zulassung eingereichten Arzneien werden seit dem 1. Januar 2015 veröffentlicht. Untersuchungen für eine breitere Anwendung bereits zugelassener Mittel sollen ab dem 1. Juli 2015 publik gemacht werden. Dabei kam die EMA auch Kritikern der Pharmabranche entgegen. Sie ermöglicht entgegen ihrer ersten Absicht nun doch ein Herunterladen, Abspeichern und Ausdrucken der Daten für eine wissenschaftliche Auswertung. Dies hatte etwa das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) gefordert, das in Deutschland für die Nutzenbewertung von Medikamenten zuständig ist.

Abblitzen ließ die EMA dagegen Forderungen nach einer uneingeschränkten Transparenz. Denn in "begrenztem Maße" könnten Informationen zurückgehalten werden, die von einem Medikamenten-Hersteller als Geschäftsgeheimnis eingestuft würden, erklärte die Londoner Behörde. Bei vielen Herstellern stießen die Pläne von Anfang an auf Vorbehalte. So befürchten Firmen, dass Know-how kopiert wird - mit entsprechenden wirtschaftlichen Folgeschäden. Vor allem US-Branchenverbände hatten die Veröffentlichungspläne in Europa scharf kritisiert.

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