Embryo Video
Nicht immer ist das Geschlecht eines Menschen von Geburt an festgelegt
Nicht Mann, nicht Frau
Intersexuelle müssen sich nicht mehr festlegen
In Deutschland wird von November 2013 an auf Wunsch auf die Eintragung des Geschlechts "weiblich" / "männlich" im Geburtsregister verzichtet.
Der Deutsche Ethikrat problematisiert in einem Bericht den Zwang zur Entscheidung für ein Geschlecht. Die Mitglieder schlagen zur Lösung die Kategorie "anderes" vor. Die überwiegende Mehrheit der Experten befürwortete zudem, Menschen mit dieser Einordnung die Lebenspartnerschaft zu ermöglichen. Eine Minderheit der Experten schlägt vor, Intersexuellen die Möglichkeit der Eheschließung zu eröffnen.

Ethikrat empfiehlt Entschädigung für Operierte
Der Ethikrat hat den Umgang mit intersexuellen Menschen in der Vergangenheit verurteilt und Entschädigungen für die Folgen von Operationen empfohlen. Viele Betroffene seien in ihrer Identität "aufs Tiefste verletzt" durch frühere Behandlungen, die nicht mehr dem heutigen Stand der Medizin entsprächen, heißt es in Stellungnahme des Ethikrats.

Für die künftige Behandlung empfiehlt das Gremium Kompetenzzentren, Betreuungsstellen sowie Aus- und Weiterbildung für medizinisches Personal. Für die Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen wird eine Ombudsperson empfohlen. Zudem sollten die Verjährungsfristen für straf- oder zivilrechtliche Ansprüche nach Operationen, die die sexuelle Selbstbestimmung verletzt haben, bis zur Vollendung des 18. beziehungsweise 21. Lebensjahres ausgedehnt werden.

Die Experten mahnen in ihrem Bericht einen zurückhaltenderen Einsatz geschlechtszuordnender Operationen an. Unumkehrbare medizinische Maßnahmen stellten unter anderem einen Eingriff in das Recht der körperlichen Unversehrtheit dar. Die Entscheidung für oder gegen einen Eingriff sollte vom Betroffenen selbst gefällt werden. Bei noch nicht entscheidungsfähigen Minderjährigen sollten Operationen nur erfolgen, wenn das Kindeswohl in Gefahr ist, heißt es.

Studie: Intersexuelle werden weltweit diskriminiert
Intersexuelle Menschen werden einer Studie zufolge weltweit diskriminiert. Oftmals würden sie als "krank" oder "abnorm" wahrgenommen und Menschenrechtsverletzungen an ihnen seien leider die Regel, heißt es in der von der Heinrich-Böll-Stiftung im Oktober 2013 veröffentlichten Untersuchung "Menschenrechte zwischen den Geschlechtern. Vorstudie zur Lebenssituation von Inter Personen". Das betreffe auch ihre Situation in Deutschland.

Nicht wenigen wird laut der Studie schon im Säuglingsalter durch operative Eingriffe das männliche oder weibliche Geschlecht zugewiesen. Eine medizinische Notwendigkeit bestehe jedoch nicht, erklärte Autor Dan Christian Ghattas. In der Regel seien intergeschlechtliche Menschen völlig gesund. Die medizinischen Behandlungen fänden - gerade wenn sie in jungen Jahren vorgenommen werden - so gut wie immer ohne Zustimmung der Betroffenen statt. Häufig würden diese später schwer an den psychischen und physischen Folgen der ärztlichen Eingriffe leiden.

Die Ausbildung einer eigenen geschlechtlichen Identität, die sich zwischen dem gesellschaftlich dominierenden bipolaren Geschlechtermodell männlich/weiblich verorten kann, bleibe ihnen so meist versagt, kritisiert Ghattas. Dass Intergeschlechtlichkeit als medizinisches Thema verhandelt werde, bezeichnet er als fatal: "Die Frage, ob man menschliche Körper mit medizinischen Mitteln an Normvorstellungen der Gesellschaft anpassen darf, wenn dies nicht von der betroffenen Person ausdrücklich gewünscht wird, geht weit über die Kompetenz der Medizin hinaus und ist zweifelsfrei ein Menschenrechtsthema."

Intersexuelle
Zum Geschlecht operiert
2007 gewann Christiane V. vor Gericht gegen ihren Chirurgen: Dieser hatte der Intersexuellen geraten, krebgsfährdetes Hodengewebe entfernen zu lassen.
Mediathek
VideoEin Leben zwischen den Geschlechterwelten
Die intersexuelle Inge wächst zunächst wie ein Mädchen auf. Später soll das Kind selbst entscheiden, mit welchem Geschlecht es leben will. (Beitrag vom 23. Februar 2012)
Ethikrat hat entschieden
Ethikrat fordert mehr Rechte für Intersexuelle
Angesichts des großen Leids der Betroffenen hat der Deutsche Ethikrat einen Hilfsfonds für Menschen ohne eindeutiges Geschlecht verlangt.
Info
Im Oktober 2013 hat der Europarat in einer Resolution zur körperlichen Unversehrtheit von Kindern "die frühkindliche medizinische Intervention bei intersexuellen Kindern" als "problematisch" bezeichnet.
Info
Der Autor Dan Christian Ghattas hat für die Studie intersexuelle Aktivisten in zwölf Ländern nach den Lebenslagen von intergeschlechtlichen Menschen befragt und Handlungsempfehlungen zur Verbesserung ihrer Situation zusammengefasst.