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Versuchstier Maus © reuters Video
Die Zahl der Tierversuche steigt an. Grund dafür ist die Grundlagenforschung
Zweifel an Sinnhaftigkeit
Aussagekraft von Tierversuchen ist oft fraglich
Durch die Grundlagenforschung ist die Zahl der Tierversuche in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Doch einige Forscher stellen den Sinn der Experimente in Frage.
So fallen etwa 92 Prozent aller in Tierversuchen erprobten Krebsmedikamente in klinischen Studien durch: Sie wirken nicht oder haben zu starke Nebenwirkungen. Auch bei der Suche nach HIV-Impfstoffen konnten Labormäuse nicht helfen: 100 Impfstoffe waren bei Tierstudien wirksam, jedoch nicht beim Menschen. Ähnliches gilt für Wirkstoffe gegen Rückenmarksverletzungen.

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Versuche zu Entzündungen lassen sich nicht auf den Menschen übertragen (nano-Beitrag vom 11. März 2013)
"Eine armselige Übereinstimmung" gebe es zwischen den genetischen Reaktionen einer Maus und eines Menschen, sagen Forscher um Junhee Seok von der Uni Stanford. Es scheine sich eher um zufällige Ähnlichkeiten zu handeln, schließt das Forscherteam. Bei Traumata, Verbrennungen und Bakteriengiften seien Tierversuche somit nicht aussagekräftig. Sie empfehlen: "Man muss neue Ansätze erforschen, um die Möglichkeiten zum Erforschen menschlicher Erkrankungen zu verbessern."

"Tier als Modellorganismus unverzichtbar"
"Wir haben ganz andere Ergebnisse", sagt dagegen Josef Zens vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. "Wir haben Modelle, die Krebs, Herz-Kreislauf oder Nieren- und Muskelerkrankungen untersuchen." Für die Forschung ist das Tier als Modellorganismus auch nach Angaben des Bundesforschungsministeriums bislang dennoch häufig unverzichtbar. So lieferten Tierversuche wichtige Informationen über die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Medikamenten, die Giftigkeit von Chemikalien oder die Unbedenklichkeit von Abwässern und Abfallstoffen. Daraus ergebe sich ein Dilemma zwischen dem Sicherheitsbedürfnis des Menschen auf der einen und dem Schutz des Tieres auf der anderen Seite.

Das Ministerium hat nach eigenen Angaben in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr als 400 Projekte zur Vermeidung oder Reduzierung von Tierversuchen mit rund 140 Millionen Euro gefördert. Die Vorhaben basieren auf dem "3R"-Konzept. Hauptziel ist es, Tierversuche durch alternative Methoden zu ersetzen ("Replacement"). Wenn dies nicht möglich ist, soll die Zahl der benötigten Tiere zumindest auf ein Minimum beschränkt werden ("Reduction"). Zudem geht es darum, das Leiden der eingesetzten Tiere zu verringern und aus dem einzelnen Tierversuch so viele Informationen wie möglich zu gewinnen ("Refinement"). Zu den bisherigen Erfolgen zählen zum Beispiel Zellkultur-Verfahren. Dabei werden Zellen von Tier oder Mensch im Labor so kultiviert, dass sie wie im Körper funktionieren.

Zentrale Stelle soll alternative Methoden erfassen
1989 wurde in Berlin die Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (Zebet) eingerichtet. Sie ist beim Bundesinstitut für Risikobewertung angesiedelt und setzt sich dafür ein, gesetzlich vorgeschriebene Tierversuche durch alternative Untersuchungsmethoden zu ersetzen.

Das betrifft zum Beispiel auch die Frage, ob Chemikalien oder Arzneimittel in der Schwangerschaft den Embryo schädigen können. Im Tierversuch werden dafür bisher trächtige Ratten oder Kaninchen mit der Prüfsubstanz behandelt - und dann getötet. Bei der Zebet entwickelten Forscher einen embryonalen Stammzelltest. Anstelle von trächtigen Tieren werden dabei embryonale Stammzellen der Maus genutzt, die in der Zellkultur gezüchtet und mit den zu prüfenden Substanzen behandelt werden. Dann wird geprüft, ob die Behandlung die Fähigkeit der embryonalen Stammzellen beeinträchtigt, sich in der Zellkultur in schlagende Herzmuskeln, Nerven- oder Knochenzellen zu entwickeln.

Tierversuchs-Kosmetika müssen draußen bleiben
Seit dem 13. März 2013 dürfen in Europa keine Kosmetika mehr verkauft werden, die an Tieren erprobt wurden: Das Verbot gilt für in Europa hergestellte Mittel genauso wie für Waren aus dem Rest der Welt. Bisher gab es noch Ausnahmen. Bereits 2003 hatten die EU-Staaten und das Europaparlament beschlossen, Tierversuche für die Körperpflege zu stoppen. Seit 2004 dürfen fertige Kosmetik-Produkte in Europa nicht mehr an Tieren getestet werden, seit 2009 gilt dies auch für einzelne Inhaltsstoffe. Produkte, deren einzelne Bestandteile an Hamsterm und anderen Tieren ausprobiert wurden, dürfen seit März 2009 nicht mehr verkauft werden. Die schrittweise Umstellung sollte der Industrie Zeit geben für die Forschung an tierfreien Testmethoden.

Allerdings gab es Ausnahmen: Der Verkaufsstopp galt nicht für Produkte, die auf besonders komplizierte Nebenwirkungen getestet wurden - etwa darauf, ob Mittel bei längerer Anwendung schädlich wirken, die Fortpflanzung beeinträchtigen können oder die Haut empfindlicher machen.

Vertreter der Kosmetikindustrie halten Begriffe wie tierversuchsfrei weiterhin für irreführend. "Die Sicherheit praktisch aller Inhaltsstoffe in Kosmetikprodukten beruht auf Daten, die zuvor an Tieren gewonnen wurden", erklärte der europäische Dachverband "Cosmetics Europe" im Dezember 2012. Und der Bundesverband der Tierversuchsgegner teilte mit: "Für Substanzen, die auch in anderen Bereichen wie z.B. der Industrie eingesetzt werden, gilt die Testung nach dem Chemikalienrecht, welches Tierversuche zulässt." Gänzlich ohne Tiertests ist Kosmetik auch weiterhin nicht immer zu haben.

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Die Zahl der Tierversuche in Deutschland ist gestiegen. Der Grund dafür sind aber nicht Tests für Kosmetika und Medikamente, sondern die Grundlagenforschung.
Mediathek
VideoWie jetzt?! - Aus die Maus
Versuche an Mäusen sagen wenig über Menschen aus, fand nano-Reporterin Karin Lanz heraus. Sie wollte mehr wissen über den Sinn und Unsinn von Tierversuchen. (nano-Beitrag vom 28. Oktober 2014)
Glossar
Tierversuche
2013 wurden in Deutschland drei Millionen Wirbeltiere für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke eingesetzt. 90 Prozent davon waren Nagetiere: Mäuse und Ratten.
Info
Versuchstier des Jahres 2015
Tierversuchsgegner haben das Kaninchen zum Versuchstier des Jahres 2015 erklärt. Obwohl es für viele Untersuchungen tierversuchsfreie Methoden gebe, sei die Zahl der in den Versuchslaboren sterbenden Kaninchen mit jährlich 95.000 unverändert hoch, kritisierte der Bundesverband Menschen für Tierrechte am 30. März 2015 in Aachen. In der Bundesversuchsstatistik rangiere das Kaninchen nach Mäusen, Ratten und Fischen an vierter Stelle. 43 Prozent der Versuchskaninchen sterben demnach für die Entwicklung von Impfstoffen, Seren und Antikörpern.
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