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Bald wollen die Krankenkassen Broschüren zur Organspende verschicken
Spender gesucht
Deutschland will Bürger zu Organspenden bewegen
Trotz des Transplantationsskandals startet die Techniker Krankenkasse (TK) als erste große Kasse am 31. Oktober 2012 ihre Kampagne für die Organspende.
Alle rund 7 Millionen Versicherten über 16 Jahre erhalten dann nach und nach eine Sonderausgabe des Kundenmagazins zum Thema Organspende mitsamt einem Organspendeausweis. Der Versand soll zunächst in Hamburg und Berlin beginnen. Insgesamt sind vier Tranchen vorgesehen. Die Kosten belaufen sich nach TK-Angaben auf rund vier Millionen Euro.

Am 1. November 2012 tritt eine Reform des Transplantationsgesetzes in Kraft. Nach der dann geltenden "Entscheidungslösung" werden künftig alle Bürger über 16 Jahre regelmäßig über ihre Organspendebereitschaft befragt. Die privaten und gesetzlichen Krankenkassen wurden verpflichtet, innerhalb von zwölf Monaten die Spendebereitschaft ihrer Mitglieder abzufragen und Organspendeausweise zur Verfügung zu stellen. Die Versicherten können dabei einer Organspende zustimmen, sie ablehnen oder erklären, dass sie sich zunächst nicht entscheiden möchten. Die Kassen sind zudem verpflichtet, qualifizierte Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen.

Die übrigen Krankenkassen lassen sich mehr Zeit
Andere große Krankenkassen wie die Barmer GEK und die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) wollen ihren Mitgliedern erst 2013 gesonderte Informationen und einen Spenderausweis zuschicken. Die AOK will gegen Jahresende in einigen Regionen beginnen. Der Grund: die Verunsicherung, die die Organspendeskandale in Regensburg, Göttingen und München bei der Bevölkerung ausgelöst haben. Dort waren Daten manipuliert worden, um gezielt die Chancen von Patienten auf der Warteliste zu verbessern. Deutschlands größte Betriebskrankenkasse, die Siemens BK, hatte im Sommer die geplante Versorgung ihrer eine Million Versicherter mit Organspendeausweisen gestoppt.

Die Techniker Krankenkasse begründet dagegen ihr schnelles Vorgehen gerade mit der herrschenden Verunsicherung. Die zuständige Pressereferentin Michaela Hombrecher verwies auf Erkenntnisse einer Kampagne für mehr Organspenden, die die TK seit dem Frühjahr mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchführt: "Das Wissen der Bürger über die Organspende ist sehr gering", analysiert Hombrecher. "Den meisten ist nicht einmal klar, dass man auf dem Spenderausweis auch sein Nein zur Organspende dokumentieren kann." Auch, dass vor einer Entnahme erst in einem komplizierten Verfahren der Hirntod festgestellt werden müsse, sei weithin unbekannt.

Hintergrund der Reform des Transplantationsgesetzes ist es, dass Deutschland mit 14,7 Organspendern pro einer Million Einwohner europaweit im hinteren Drittel liegt. Die Zahl der Spender und der gespendeten Organe stagniert seit langem, während 12.000 Menschen auf der Warteliste händeringend auf ein neues Organ warten. Pro Tag sterben drei von ihnen.

Spendenbereitschaft ist stark zurück gegangen
Tatsächlich hatte der Verdacht auf kriminelle Tricksereien bei der Vergabe von Organen in Göttingen und Regensburg laut Umfragen zu einem Rückgang der Spendebereitschaft geführt. Bei einem Treffen von Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) mit Vertretern von Ländern, Ärzten, Kassen und Kliniken waren im August schärfere Kontrollen und Sanktionsmöglichkeiten vereinbart worden. In der Koalition, vor allem aber bei SPD, Linken und Grünen blieben jedoch Zweifel und Forderungen nach mehr staatlicher Aufsicht. Von Januar bis September 2012 zählte die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) 829 Organspender. Das sind knapp acht Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

TK-Chef Jens Baas räumte ein, die verschickten Briefe allein könnten die Probleme nicht deutlich abmildern. Wieviele Menschen einen Ausweis ausfüllen, werde auch nicht ermittelt. Es komme auf die ebenfalls beschlossene Neuerung an, dass sich in den einzelnen Kliniken jemand darum kümmert und Spenden vorbereitet.

Überraschend dürfte für viele Empfänger des Kassen-Materials sein, dass sie sich auch über Patientenverfügungen Gedanken machen sollen. Baas erläuterte: "Wenn ich ausschließe, dass ich Apparatemedizin bekomme, schließe ich damit auch die Organspende aus." Denn ist der Hirntod eingetreten, müssen Betroffene an Apparate angeschlossen werden, damit die Organe bis zur Entnahme funktionsfähig bleiben.

Glossar
Organspenden
In Deutschland warten mehr als 12.000 registrierte Patienten auf ein Spenderorgan, in Österreich und der Schweiz stehen jeweils 1000 Menschen auf der Warteliste.
Organspende-Informationen
Keine Pflicht
Alle Deutschen über 16 Jahre sollen kühnfig alle zwei Jahre von den Krankenkassen befragt werden, ob sie zur Organspende bereit sind. Entscheiden muss man sich nicht.
Angehörigengespräch
Spenden mit Druck
Mediziner kritisieren, dass einige ihrer Kollegen auf manipulierende Gesprächstechniken setzen, um Angehörige Verstorbener zur Organspende zu überreden.
Organtransplantationen
Gezielt nach möglichen Spendern suchen
Mit einem Computerprogramm sucht Ulrike Wirges von der Deutschen Stiftung Organtransplantation geeignete Spender.
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