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Chorprobe Lupe
Einer von zehn Menschen einer Gruppe ist statistisch gesehen gefühlsblind
Blind für Gefühle
Jeder zehnte Mensch ist an Alexithymie erkrankt
Gefühlsblindheit, Alexithymie, könnte mit einem niedrigen Cortisolspiegel zusammenhängen, vermutet die Psychologin Isabella Heuser von der Berliner Charité.
Fast alle Alexithymen wurden als Kinder emotional vernachlässigt. Um sich gegen diesen Stress zu schützen, fährt der Körper den Cortisolspiegel herunter, sagt Heuser. "Alexithymie selbst ist ein Persönlichkeitsmerkmal, keine Krankheit. Allerdings haben Menschen mit einer hohen Ausprägung an Alexithymie auch ein höheres Risiko, an seelischen Erkrankungen zu leiden."

"Schon beim Stillen spiegelt die Mutter in ihrer Mimik das Innenleben des Säuglings", erklärt der Mediziner Matthias Franz von der Universitätsklinik Düsseldorf. Und in der frühen Kindheit lernen Menschen dann allmählich, die anfangs diffusen körperlichen Gefühlsregungen - schneller Puls, Bauchgrummeln oder Schwitzen - mit konkreten Emotionen und Worten wie etwa Angst, Freude oder Wut zu verknüpfen. Franz spricht von einem "Tanz der Gefühle zwischen Mutter und Kind".

Alexithymie kann zu Gesundheitsproblemen führen
Werden solche Empfindungen allerdings in der Familie tabuisiert oder ignoriert, bleiben der Lernprozess aus und die eigene Innenwelt dem Betroffenen auch später noch fremd - häufig mit beträchtlichen Konsequenzen. "Gravierende Probleme verursacht die Alexithymie oft erst im mittleren Lebensalter", sagt Franz, "wenn es darum geht, vertrauensvolle Abhängigkeitsbeziehungen aufzubauen und eine Familie zu gründen". Während es im Beruf mitunter gut läuft, scheitern die Betroffenen meist in der Partnerschaft und leben auffällig oft allein.

Diese Entwicklung kann die Gesundheit gefährden. "Emotionale Kommunikation ist ein Schlüsselfaktor zur Regulation von Stress und zwischenmenschlichen Konflikten", erläutert Franz. Ohne dieses Ventil sind Menschen deutlich anfälliger für Depression oder Angststörungen.

Weil Alexithymiker ihre körperlichen Reaktionen auf Gefühle zwar durchaus spüren, aber nicht zuordnen können, deuten sie diffuse somatische Regungen oft als Zeichen von Krankheit. Pulsrasen interpretieren sie nicht als Signal von Aufregung, sondern als Symptom einer Herzerkrankung, Magengrummeln nicht als Hinweis auf Nervosität sondern als Bauchweh. Reizdarm, Herzneurosen oder chronische Schmerzbeschwerden sind unter Gefühlsblinden weit verbreitet.

"Diese Menschen sind körperlich nicht unbedingt kränker als andere Personen, aber sie gehen öfter zum Arzt", sagt Kessler. Wird der Mediziner dann bei der Untersuchung nicht fündig, fühlen sich die Patienten nicht ernst genommen. "Somatoforme Störungen können sich mit der Zeit verschlimmern", sagt Franz. "Wenn Ärzte die Probleme systematisch nicht verstehen, sind die Patienten zur Eskalation gezwungen", erklärt der Mediziner und erinnert an ein quengelndes Kind, das immer lauter schreit, wenn die Mutter nicht reagiert.

Viele finden den Weg zu einer psychotherapeutischen Behandlung erst unter immensem Leidensdruck - wenn die Ehe gescheitert ist, eine Depression sich nicht bessert oder die vermeintlich körperliche Erkrankung austherapiert ist. Weil klassische Ansätze wie Gesprächstherapien oft erfolglos bleiben, galt die Alexithymie lange Zeit als kaum behandelbar.

Gefühle spüren und benennen als Ziel der Therapie
Burkhard Brosig von der Universitätsklinik Gießen rät gefühlsblinden Menschen anfangs zu einer stationären Behandlung, um aus dem Alltagstrott auszubrechen. Sinnvoll seien zunächst nonverbale kreative Ansätze wie Mal- oder Musiktherapie. "Man muss den Patienten da abholen, wo er steht", sagt der Arzt für Psychosomatik. "Die Menschen sollen lernen, ihre Gefühle zunächst zu spüren und dann zu benennen." Gruppentherapien können die Betroffenen schulen, ihr Innenleben auszudrücken und gleichzeitig die Gefühlswelt ihrer Mitmenschen zu entdecken. Wenn jemand Zugang zu der verschütteten Emotionalität bekommen hat, sei eine ambulante Fortsetzung der Behandlung sinnvoll, meint Brosig.

Aber die Experten warnen vor der Hoffnung auf einen schnellen Erfolg. Zwar profitieren viele Patienten von einer Therapie. Aber das Alphabet der Gefühle lerne man nicht in wenigen Wochen. "Der Prozess ist sehr langwierig", sagt Franz. "Das kann manchmal Jahre dauern."

Männer leiden häufiger an Alexithymie als Frauen
Zehn Prozent der Bundesbürger sind laut Studien gefühlsblind, Männer häufiger als Frauen. "Diesen Menschen fällt es schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu beschreiben und zu interpretieren", erläutert Henrik Kessler von der Universitätsklinik Bonn. Die Betroffenen können mitunter komplexe mathematische Probleme lösen oder mit verbundenen Augen Motoren zerlegen, aber zu sich selbst fehlt ihnen der Zugang.

Und weil sie auch die Gefühle anderer Personen nicht spüren, leben sie weitgehend außerhalb jener sozialen Sphäre, die andere Menschen miteinander teilen. Manchmal schließt sich das Tor zur Innenwelt im Erwachsenenalter nach einem Trauma - etwa wenn das Opfer eines Verkehrsunfalls jede Empfindung scheut, die an das Ereignis erinnern könnte.

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