Arzt mit Röntgenbild der Hüfte Lupe
Oft müssen Mediziner künstliche Hüftgelenke nach wenigen Jahren ersetzen
Künstliche Hüften brechen allzu oft
Fehlerhafte Prothesen mit CE-Zertifikat
"Die Zulassungsvoraussetzungen für Medizinprodukte sind nach wie vor nicht ausreichend", sagt Medizinrechtler Jörg Heynemann.
"Medizinprodukte-Hersteller können sich ein CE-Zertifikat irgendwo besorgen, meinetwegen auch im Ausland. Da ist dringend Reformbedarf. Es gibt mehrere Hersteller, die entsprechend fehlerhafte Produkte herstellen." Eva Maria Bitzer, die für die Barmer-Krankenkasse Knieoperationen untersucht hat, schildert: "3 von 100 Hüften sind nach drei Jahren ein weiteres Mal operiert worden." Bei Knien seien dies 6 von 100.

Allerdings seien die Menschen seit 2003 trotz kürzerer Klinikaufenthalte mit ihren Prothesen nicht minder zufrieden. Mehr als die Hälfte der Patienten mit neuer Hüfte seien 75 Jahre und älter. In jedem zehnten Fall kämen über 90-Jährige unters Messer.

Orthopäden fordern Register für künstliche Gelenke
Prothesen Video
Ärzte: "Nur mit einem Register lassen sich fehlerhafte Prothesen erkennen"
Orthopäden haben ein nationales Register für alle operierten Kunstgelenke gefordert. Mit einem solchen Endoprothesenregister, das in den skandinavischen Ländern bereits existiere, könne man fehlerhafte Produkte und Defizite in der Behandlung erkennen, sagt der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Joachim Hassenpflug. Häufig werde ein Fehler erst bemerkt, wenn sich die Prothese vom Knochen gelöst habe und ausgetauscht werden müsse.

Wechseloperationen seien immer mit Risiken für den Patienten verbunden. Deshalb müsse alles getan werden, sie zu vermeiden, betont Hassenpflug. In Deutschland würden pro Jahr 171.000 Kunstgelenke in der Hüfte und 90.000 Kunstgelenke im Knie eingesetzt. 2003 seien 23.574 Kunstgelenke im Hüft- und 8575 im Kniebereich noch einmal operiert und ausgetauscht worden.

"Es gibt Serienschäden bei Prothesen, bei denen es zu einer Vielzahl von Brüchen kommt", sagt Jörg Heynemann. Stammt ein Implantat aus einer solchen Serie, lässt sich nicht ermitteln, welche Patienten es tragen - bis es dann der Belastung nicht mehr standhält und ein weiterer Eingriff notwendig wird. "Im Gegensatz zu 2003 melden die Hersteller mehr und mehr ihre Vorkommnisse", weiß Sachverständiger Ulrich Holzwarth. "Trotzdem haben wir immer noch zu wenig Meldungen - vor allem von Seiten der Operateure, die gebrochene Implantate explantieren." Hersteller müssen prinzipiell Materialfehler beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn (BfArM) melden.

Nur Arzt und Patient wissen, welche Prothese implantiert worden ist. Die Krankenhäuser zahlen eine Fallpauschale von 8000 Euro. "Manche Krankenhäuser beziehen nur Produkte von einem Hersteller, weil sie von dem Mengenrabatt bekommen", sagt Heynemann. "Es gibt sogar Fälle, in denen Chirurgen an der Entwicklung einzelner Produkte beteiligt sind. Das halte ich für problematisch, weil nicht alle Produkte dieses Herstellers gut sein müssen. Der Patient hat dort keine Wahl mehr."

Hüftgelenke vor allem in Deutschland eingesetzt
Künstliche Knie- und Hüftgelenke werden in Deutschland so häufig eingesetzt wie in kaum einem anderen Land. 2008 implantierten europäische Chirurgen nach einem Bericht des Apothekenmagazins "Senioren Ratgeber" eine halbe Million künstliche Hüftgelenke, fast jedes zweite davon in Deutschland. Der Chef der Orthopädie der Universitätsklinik Regensburg in Bad Abbach, Prof. Joachim Grifka, bemängelt, dass in Deutschland "mitunter vorschnell Gelenkersatz implantiert" werde, vor allem an der Hüfte. "Wir brauchen eine feiner abgestufte Therapie", fordert er. Man solle nicht allein auf die Reparaturmedizin setzen: "Arthrose ist keine Krankheit, bei der man sagen kann: Jetzt wird mir geholfen. Man sollte aktiv werden - und lernen, mit Arthrose zu leben."

Barmer beklagt Anstieg bei Knie- und Hüftprothesen
"Wenn das so weitergeht, haben bald alle 60- bis 65-jährigen Rentner ein neues Knie oder eine neue Hüfte", sagte der Vizechef der Barmer GEK, Rolf- Ulrich Schlenker, im Juli 2010. In den sieben Jahren zuvor stieg die Zahl der neuen Hüft-Prothesen um 18, die der Knie-Implantationen um 52 Prozent. 2009 bekamen 209.000 Patienten eine neue Hüfte, 175.000 eine Knieprothese, wie aus dem Krankenhaus-Report 2010 der Kasse hervorgeht. Als einen Grund für die Zunahme nannten die Experten das immer stärker um sich greifende Übergewicht, das die Gelenke schädige.

Inklusive Nachbehandlungen hätten diese Eingriffe pro Jahr Kosten von 3,5 Milliarden Euro verursacht - zwei Prozent aller Ausgaben der gesetzlichen Kassen. "Wenn man das weiterrechnet, wird es einem als Kassenvertreter Angst und Bange", sagte Schlenker.

Man müsse die Frage stellen, ob Ärzte nicht zu schnell operierten, mahnte Schlenker. Das flächendeckende Netz an geeigneten Kliniken für solche Eingriffe produziere möglicherweise eine große Nachfrage. Hätten Versicherte Zweifel an der Notwendigkeit einer Operation, sollten sie einen zweiten Arzt konsultieren - tatsächlich täten das wohl die wenigsten der meist betagten Patienten.

Rechne man heraus, dass die Gesellschaft auch im Schnitt älter wurde, sei seit 2003 immer noch ein altersbereinigtes Wachstum von 9 Prozent bei den Hüftprothesen und 43 Prozent bei neuen Knien zu verzeichnen, sagte Schlenker. Pro Fall bekämen die Kliniken 7500 Euro. Sie seien kaum bereit, mit den Kassen günstigere Verträge auszuhandeln. Mit je 3000 Euro schlügen die Reha-Aufenthalte nach der Operation zu Buche.

Die Patienten werden laut Report immer früher entlassen. So sank die Dauer je Klinikaufenthalt seit 1990 von im Schnitt 13,4 auf 8,5 Tage. Psychische Erkrankungen hätten Kreislauferkrankungen als häufigste Diagnosegruppe abgelöst. Alkoholmissbrauch führe zu immer mehr Klinikaufenthalten wegen Depression, so Schwartz. Die Forscher betonten, ihre Berechnungen seien repräsentativ für alle Versicherten.

Medizinprodukte
Ungeprüft im Menschen
Prof. Harald Schweim fordert ein Register für Medizinprodukte. So könne man Todesfälle durch mangelhafte Geräte verhindern.
Hüftgelenke
Rückruf am Menschen
Nach der Operation mit fehlerhaften künstlichen Hüftgelenken müssen 125 Patienten eines Krankenhauses in Freiburg erneut unters Messer.
Links
mehr zum Thema