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Eine Therapie mit Tageslichtlampen hilft gegen eine Winterdepression
Licht in die dunkle Stimmung bringen
Zu viel Melatonin macht Menschen depressiv
Tageslichtlampen wirken genauso gut wie das Antidepressivum Fluoxetin, hat eine Studie der "Stiftung Warentest" ergeben.
Allerdings hatte eine britische Studie 2008 hatte ergeben, dass Antidepressiva der neuen Generation auf die meisten Menschen mit mittelschweren Depressionen keinen anderen Effekt haben als Placebos. Die Forscher der Universität Hull berichteten, Wirkung hätten die Medikamente nur bei einer sehr kleinen Gruppe von Patienten, die an schwersten Depressionen litten. Die Wissenschaftler um Irving Kirsch hatten vier häufig verschriebene Medikamente untersucht, die unter anderem die Wirkstoffe Fluoxetin, Venlafaxin und Paroxetin enthielten.

Wird es nicht hell, bleibt die Stimmung duster
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Kaum noch Sonne - das hebt den Hormonspiegel und lässt die Laune sinken
Wenn es nicht hell wird, ist der Spiegel des Hormons Melatonin erhöht - und das verdirbt uns im Winter gründlich die Stimmung. "Das fehlende Sonnenlicht führt zu einer verstärkten Ausschüttung des Hormons Melatonin", sagt Prof. Jürgen Zulley vom Schlafmedizinischen Zentrum der Universität Regensburg. "Dieses Hormon produziert der Körper normalerweise nachts, wenn es dunkel ist, in verstärktem Maß." Wird es auch tagsüber nicht richtig hell, bleibt der Melatonin-Spiegel erhöht.

Doch nicht alle, die im Winter über gedrückte Stimmung klagen und schwer aus dem Bett kommen, sind depressiv. Generell ist es unter Psychologen umstritten, ob es eine Herbstdepression gibt. "In geringem Ausmaß hat jeder Mensch mit den Folgen des reduzierten Tageslichts zu kämpfen", erläutert Zulley. Nur zwei Prozent der Bevölkerung leiden nach Angaben des Forschers an einer therapiebedürftigen Form der Herbstdepression. Dabei seien Frauen drei Mal so häufig betroffen wie Männer - die Gründe seien unklar.

Obwohl der Übergang von leichten Verstimmungen zu echten Depressionen fließend sei, gebe es Unterschiede, sagt Zulley. So schlafen die Betroffenen meist überdurchschnittlich viel, wirklich Kranke kämpfen hingegen mit Schlafstörungen. Und während Depressive oft lustlos im Essen herumstochern, überfällt Herbstdepressive nicht selten ein Heißhunger, der dann mit Süßigkeiten gestillt wird. "Dadurch erklärt sich auch die Gewichtszunahme, die bei diesen Personen oft beobachtet wird", sagt Zulley.

Oft sind die Symptome nicht leicht zu deuten
Menschen in weiß Lupe
Stimmungs-Aufheller
Die Schwierigkeiten beim Erkennen der Herbstdepression kennt auch der Allgemeinmediziner Thomas Marx aus Rüdenhausen. Die Beschwerden der Patienten seien "diffus und oft nicht eindeutig fassbar". Marx verlässt sich bei der Diagnose auf seine langjährige Erfahrung. Mit dem Begriff 'Depression' müsse man allerdings vorsichtig umgehen, warnt Marx, "denn die Leute wollen nicht als verrückt gelten". Zur Behandlung der winterlichen Stimmungstiefs verschreibt der Mediziner oft Johanniskraut. Das pflanzliche Präparat habe kaum Nebenwirkungen und helfe in den meisten Fällen, die Beschwerden zu lindern.

Eine Behandlung ganz ohne Medikamente empfiehlt Jürgen Zulley bereits seit mehreren Jahren. Dabei wird dem Körper einfach das zugeführt, was ihm fehlt: Licht. "Der Patient bekommt eine spezielle Therapielampe mit nach Hause, deren 10.000 Lux starkem Licht er sich täglich etwa vierzig Minuten lang aussetzten muss", erläutert der Schlafforscher.

Am besten erfolgt die Lichtkur am Morgen gleich nach dem Aufstehen. Während der Therapie kann das Patient Zeitung lesen oder auch frühstücken. "Wichtig ist nur, dass das Licht in die Augen fällt", sagt Zulley. Bereits nach wenigen Tagen bessere sich die Gemütslage der Betroffenen. Da die Lichtkur keinerlei schädliche Nebenwirkungen mit sich bringe, könne sie - falls nötig- auch den ganzen Winter über angewandt werden.

Grundsätzlich aber gilt laut Zulley: Das natürliche Licht nützen, wann immer es möglich ist. Wer sich müde und schlapp fühlt, sollte sich viel in der frische Luft bewegen, auch wenn das Wetter mal nicht so gut ist. Selbst an dunklen Wintertagen strahlt die Sonne mit bis zu 1500 Lux durch die Wolkendecke. In der Wohnung beträgt die durchschnittliche Lichtintensität gerade mal 500 Lux.

"Die Winterdepression ist eine erfundene Krankheit"
Grafik Lupe
Nicht jeder glaubt daran, dass die Sonne zum Glück fehlt
Es gibt keine Winterdepression, glaubt der Psychiater Prof. Vidje Hansen von der Universitätsklinik Tromsø: "Das ist eine erfundene Krankheit. Als diese These 1984 in Amerika aufgestellt wurde, waren wir im Norden Norwegens sehr überrascht, denn wir Psychiater sehen nicht, dass die Menschen im Winter häufiger über Depressionen klagen als in anderen Jahreszeiten." Die norwegische Stadt liegt zwei Monate im Jahr im anhaltenden Dunkel der Polarnacht.

"Seit 1980 haben wir 30.000 Leute nach ihren Problemen in der Winterzeit befragt", erinnert sich Hansen. "Ein Fünftel leidet unter Schlafstörungen und dauernder Müdigkeit, aber für Depressionen fanden wir keinerlei Anzeichen." Er glaubt, dass die früheren Studien einfach ungenau waren. "Wenn überhaupt, könnte die Stimmung vom Klima abhängen, nicht so sehr von der Dunkelheit."

1998 kamen andere Forscher in Tromsø noch zu einem anderen Ergebnis: Im Raum Oslo litten 16,9 Prozent der Bewohner unter Winterdepressionen, jenseits des Polarkreises 21,2 Prozent, stellenweise bis zu 37 Prozent. Viele Menschen mögen schlicht bestimmte Witterungen nicht, meint Hansen: "Im Oktober und November - da ist das Wetter in Italien schlecht - erscheinen Italiener stärker winterdepressiv als die Menschen in Tromsø."

Rentiere haben sich im Laufe der Evolution an die Dunkelheit angepasst, weiß Prof. Karl-Arne Stokkan vom Institut für arktische Biologie der Universität Tromsø: "Sie sind jeweils sechs bis acht Stunden aktiv und schlafen dann drei, vier oder sechs Stunden. Sie haben keine regelmäßigen Schlafphasen alle 24 Stunden wie wir Menschen."

Bei Dunkelheit schüttet der menschliche Körper das "Schlafhormon" Melatonin aus. Daran hat sich der Mensch - anders als die Rentiere - noch nicht angepasst, sagt Stokkan: "Wir sind keine arktischen Tiere. Wir sind quasi tropische oder subtropische Tiere und erst vor kurzem hier eingewandert."

Psychologen definieren die "Winterdepression" als "von der Jahreszeit abhängige affektive Verhaltensstörungen". Sie nennen sechs starke Symptome: ständiges Stimmungstief, bis zu zwei Stunden mehr Schlafbedarf, mehr Appetit auf Süßigkeiten, geringe soziale Aktivität, Schlappheit und Energielosigkeit.

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Winterdepression
Sechs Symptome
Psychologen definieren die "Winterdepression" als "von der Jahreszeit abhängige affektive Verhaltensstörungen". Sie nennen sechs starke Symptome: ständiges Stimmungstief, bis zu zwei Stunden mehr Schlafbedarf, mehr Appetit auf Süßigkeiten, geringe soziale Aktivität, Schlappheit und Energielosigkeit.
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