Montag bis Freitag 18.30 Uhr
Kalender
Juli 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
27
28
29
30
01
02
03
0405060708
09
10
1112131415
16
17
1819202122
23
24
25
26
27
28
29
30
31
Schwangere Lupe
Alkohol gefährdet das ungeborene Kind in jeder Phase der Schwangerschaft
Schaden für das Kind
Ärzte warnen vor Alkohol in der Schwangerschaft
"Alkohol schädigt das Gehirn von der ersten Woche bis zur Geburt", betont der Kinderarzt Prof. Hans-Ludwig Spohr von der Berliner Charité.
"Die Schädigung durch Alkohol im Mutterleib ist die häufigste angeborene Schädigung überhaup", so Spohr. Die Kinder seien im Wachstum, im Verhalten und in der Intelligenz gestört. "Trinken in der Schwangerschaft ist die schwerste Misshandlung, die man einem Kind zufügen kann", sagte Spohr. Zugleich seien die Schädigungen durch Alkohol die einzigen, die sich absolut vermeiden ließen.

Betroffene Kinder sind ihr Leben lang gezeichnet
Lupe
Kinder von Alkoholikern leben oft in Pflegefamilien
Das Spektrum der Beeinträchtigungen reicht von leichten Konzentrationsproblemen bis zu starken Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung, Wachstumsstörungen und Gesichtsfehlbildungen. "Da wir nicht genau wissen, wann und wie stark Alkohol in der jeweiligen Phase der Schwangerschaft wirkt, sollten Frauen auf jedes Glas verzichten, sobald sie wissen, dass sie schwanger sind", warnt Spohr. Trinkt eine Frau am Anfang der Schwangerschaft, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Gaumenspalte, ein Herzfehler und andere organische Schäden auftreten. "Trinkt die Mutter aber am Schluss der Schwangerschaft, sind die Kinder körperlich nicht mehr auffällig. Dann entwickelt sich einzig noch das Gehirn und sie bekommen schwere Verhaltensstörungen."

Die älteren Kinder würden in der Schule oft gehänselt, sie seien unruhig und hyperaktiv. Oft würden sie aus ihren Familien herausgenommen und in Pflegefamilien gegeben, die mit den Kindern ebenfalls schwer zurechtkämen. Spohr sieht als Lösung nur mehr Aufklärung für werdende Mütter. "Man kann zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft aufhören zu trinken", meinte er. Ansonsten habe die Gesellschaft nur geringe Möglichkeiten einzugreifen.

Der Sozialpädagoge Prof. Matthias Müller von der Hochschule Neubrandenburg sieht Chancen in den frühen Hilfen und Netzwerken all derer, die mit Kindern zu tun haben. Einer trinkenden Schwangeren müsse Hilfe angeboten werden, etwa durch eine Familienhebamme, Ärzte oder Sozialarbeiter. Vor allem aber müssten mit Hilfe der Netzwerke aus Vertretern von Justiz, Polizei, Schulen, Gesundheitseinrichtungen sowie Kinder- und Jugendhilfe familienfreundliche Strukturen geschaffen werden. Netzwerke kosten Müller zufolge Arbeitszeit und damit Geld. Bei lohnenden Kooperationen gehe es nicht darum, die eigene Position durchzusetzen, sondern darum, die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten gewinnbringend zu bündeln und umzusetzen.

"Mittlerweile liegen Langzeitdaten vor. Die sind ernüchternd. Aus stark Alkohol-geschädigten Kindern werden Erwachsene, die selten mit dem Leben klar kommen. Und junge Männer haben es besonders schwer", sagt Spohr. Die Kinder leiden oft unter Ängsten, behalten Gelerntes kaum und können ihren Alltag nicht strukturieren, schildert Spohr. "Sie können Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen und machen Fehler, die sie nicht begreifen." Andere sind aggressiv und werden häufiger kriminell. 70 Prozent könnten als Erwachsene nicht ohne Betreuung leben. 30 Prozent lebten allein oder in einer Partnerschaft. Neun von zehn waren ohne Job.

Pflegeeltern haben häufig Schuldgefühle
Wiege Lupe
Viele betroffene Kinder landen in Pflegefamilien
Besonders gravierend ist das Problem in vielen Pflegefamilien: Eltern haben Kinder aufgenommen, die im Mutterbauch "mittrinken" mussten und die den leiblichen Eltern aus anderen Gründen vom Jugendamt entzogen wurden, ohne dass sie über den Alkoholmissbrauch bescheid wussten. "Die Diagnose wird so gut wie nie direkt nach der Geburt gestellt, sondern manchmal erst Jahre später, wenn die Pflegeeltern verzweifelt zu uns kommen, weil sie sich nicht mehr zu helfen wissen", sagt Spohr. Oft müsse dann in Detektivarbeit über die Jugendämter die Geschichte der Mutter eruiert werden.

Eine Therapie für angeborene Hirnschäden gibt es nicht, aber: "Für die Pflegeeltern ist die Diagnose schon eine Therapie", sagt Spohr. "Sie fühlen sich nicht mehr schuldig, dass sie ein Pflegekind genommen haben und unfähig sind es zu erziehen." 95 Prozent alkoholgeschädigter Kinder leben in Pflegefamilien, weil ihre leiblichen Eltern sie vernachlässigten.

Es gebe verschiedene Therapieansätze, um je nach Ausprägung der Behinderung den Alltag besser zu bewältigen: So hätten viele Kinder trotz eines normalen Intelligenzquotienten große Schwierigkeiten, in einer Regelschule mitzukommen, weil Konzentrations- und Merkfähigkeit gering seien. Auch Rechts- und Unrechtsbewusstsein ist nach Erfahrungen von Spohr manchmal kaum vorhanden. "Die Kinder brauchen oft einen extrem festgefügten Rahmen, kleine Klassen, manchmal sogar Eins-zu-Eins-Betreuung."

Zusammen mit dem Gynäkologen Prof. Joachim Dudenhausen leitet Spohr an der Berliner Charité eines der wenigen Beratungszentren für Kinder mit Fetalem Alkoholsyndrom (FAS) in Deutschland. Initiator ist die "Stiftung für das behinderte Kind". Dort versuchen die Ärzte zunächst, die Schädigung in einem aufwendigen Testverfahren zu diagnostizieren. "Es gibt mittlerweile dazu ein verlässliches Vier-Punkte-Untersuchungsprogramm", sagt Spohr, der seit über 20 Jahren mit Alkohol-geschädigten Kindern arbeitet.

10.000 Kinder jedes Jahr in Deutschland betroffen
Alkoholkonsum der Mutter in der Schwangerschaft ist in Deutschland die häufigste Ursache für körperliche und geistige Schäden bei Kindern. Das berichtete die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 2010 und riet werdenden Müttern, ganz auf Alkohol zu verzichten. Die Zahlen schwanken zwischen 3000 und 10.000 vom Fetalen Alkohol-Syndrom (FAS) betroffenen Kindern in Deutschland pro Jahr. Alkohol führt in 2000 Fällen zu schweren Störungen. Dazu zählen Gesichtsfehlbildung, Wachstumsstörungen im Mutterleib und auch nach der Geburt oder starken Schäden in der geistigen und motorischen Entwicklung. Für Österreich und die Schweiz wird die Zahl auf jeweils 700 bis 800 Fälle geschätzt.

Studien zufolge trinken dennoch 12 bis 15 Prozent der werdenden Mütter einmal oder mehrfach im Monat Alkohol. Es sollte "uneingeschränkt ein absoluter Alkoholverzicht" gelten, betonte BZgA-Direktorin Elisabeth Pott. Auch die Techniker-Krankenkasse (TK) warnte, dass schon kleinste Mengen Alkohol in jeder Schwangerschaftsphase gefährlich seien. "Es gibt kein unbedenkliches Gläschen in Ehren", sagte TK-Ärztin Andrea Hoppe. "Den Frauen muss klar sein: Jeder Schluck Alkohol ist Gift für das Kind."

nano spezial
Problem Alkohol – Wenn Kinder leiden
Kinder von alkoholabhängigen Eltern haben das sechsfache Risiko selbst süchtig zu werden. Angebote zur Prävention können dies verringern.
Info
Die weltweit vernetzte Selbsthilfegruppe "Fetal Alcohol Spectrum" hat den 9. September als "Tag des alkoholgeschädigten Kindes" ausgerufen. In der Gruppe haben sich Eltern, Pädagogen, Mediziner und Therapeuten zusammengeschlossen, um Aufklärungsarbeit zu leisten.
Glossar
Ethanol (C2H5OH) - der Alkohol lässt sich trinken
Der berauschende Bestandteil alkoholischer Getränke ist Ethanol (C2H5OH). In kleineren Mengen wirken alkoholische Getränke anregend, in größeren berauschend.
PDF
Leitfaden für Berater
Für Frauenärzte und Hebammen hat die Bundeszentrale ein Beratungskonzept entwickelt. Es hilft den Fachkräften, bei Beratungsgesprächen und medizinischen Vorsorgeuntersuchungen besser zu erkennen, ob Schwangere sorglos und riskant mit Alkohol umgehen. Mit dem Konzept "Alkoholfrei durch die Schwangerschaft" wird den Frauen geholfen, sich abstinent zu verhalten und nicht rückfällig zu werden.