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Ärztin untersucht Haut Lupe
Die Forscher konnten einen hoffnungslos geglaubten Fall von Hautkrebs heilen
Eine persönliche Medizin
Medikamente an persönliche Bedürfnisse angepasst
Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg entwickeln Behandlungen gegen Krebs, die individuell auf den Patienten zugeschnitten sind.
Die Forscher sind überzeugt, die genauen Ursachen für Krebs unter anderem im Erbgut der bösartigen Zellen finden zu können. Sind die Ursachen erst einmal bekannt, könnten Medikamente entwickelt werden, die genau an die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten angepasst sind. Für personalisierte Therapien eignet sich die Krebsbehandlung nach Ansicht der Wissenschaftler besonders gut, weil gerade diese Krankheit individuell sehr unterschiedliche Verläufe hat.

"Es sollen alle 30.000 Gene eines Menschen analysiert werden, um eine wirklich umfassende Übersicht der Veränderungen zu bekommen", sagt der DKFZ-Vorstandsvorsitzende Otmar Wiestler. Heidelberg habe das größte Genom-Sequenzierzentrum in Deutschland. "Wir wollen künftig unseren Patienten eine komplette Erbgutanalyse anbieten." Die molekulare Untersuchung des Krebsgewebes betroffener Patienten werde in zehn bis zwanzig Jahren üblich sein, prognostiziert Wiestler.

Nicht nur bei der Behandlung, sondern auch bei der Prävention und Früherkennung könnten die Ergebnisse eine Rolle spielen. Die Vorbeugung bezeichnet Wiestler als enorme Herausforderung. Heute werde jeder zweite Krebspatient erst auf seine Erkrankung aufmerksam, wenn sie schon weit fortgeschritten und damit schlechter behandelbar sei. Es müsse systematischer untersucht werden, wer ein erhöhtes Risiko trägt.

Gen-Sequenzierung wirft Datenschutzprobleme auf
Bei der Analyse erhält man allerdings auch weitere Informationen, etwa über die Risiken für andere Krankheiten, wie der Heidelberger Molekulargenetiker Peter Lichter erläutert. Wie bei der klassischen humangenetischen Beratung spielen hier rechtliche und ethische Fragen eine Rolle. Welche Informationen gibt man an die Patienten weiter? Hier ist laut Lichter ein gesellschaftlicher Diskurs nötig, tragfähige Leitlinien müssten entwickelt werden.

"Die Herausforderung beginnt mit dem Einverständnis des Menschen, der über den Umfang der genetischen Analysen aufgeklärt werden muss." Dieser müsse danach entscheiden, ob und welche Informationen er haben will. Patienten hätten auch ein Recht auf Nichtwissen, so der Molekulargenetiker. Die Genomanalyse betreffe aber nicht nur den Patienten selbst, sondern auch Familienangehörige - etwa bei Erbkrankheiten.

Bereits heute können die Patienten in Heidelberg jederzeit der Nutzung und der Speicherung ihrer Daten widersprechen, diese würden dann vernichtet. Eine weitere Herausforderung sei auch der Status nicht-medizinischer Wissenschaftler, die sich bisher nicht auf die ärztliche Schweigepflicht berufen können. Auch Versicherungsträger könnten künftig Interesse an den gewonnenen Daten anmelden, befürchtet Lichter.

Der Wiesbadener Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler Michael Schlander fordert einen Diskurs darüber, ob es Grenzen der "sozialen Zahlungsbereitschaft" gibt. Denn: Onkologische Mittel seien das am stärksten wachsende Segment bei den Medikamenten. Neu entwickelte, spezialisierte Medikamente, die nur bei wenigen Menschen angewendet werden können, seien aber sehr teuer. Die Gesellschaft müsse daher klären, welche Kosten sie in der Krebstherapie zu tragen bereit sei.

Mediziner erfassen 1000 verschiedene Tumortypen
Video
Der Blick in die Gene soll exakt abgestimmte Krebstherapien erlauben
"In Zukunft wird durch genetische Untersuchungen eine ganz andere Klassifizierung von Krebs durchgeführt", sagt Peter Schlag von der Berliner Charité. Der Chirurg will den Krebs nicht mehr nach Organgruppen - Brust-, Dickdarm oder Prostatakrebs -, sondern nach genetischen Besonderheiten klassifizieren. Das Projekt "Treat 1000" erfasst die Tumorzellen von 1000 Krebspatienten. 50 Krebsarten sollen so entschlüsselt werden. "Jeder Tumor und jeder Patient ist verschieden", erläutert Hans Lehrach vom Max-Planck-Institut. "Es ist nicht zu erwarten, dass es einen anderen Krebspatienten gibt, der genau die gleichen Veränderungen des Tumors hat. Es ist anzunehmen, dass wir jeden einzelnen Patienten genau untersuchen müssen, um eine optimale individualisierte Behandlung möglich zu machen."

Die Forscher entwickeln eine Software, die die Daten zu Krebswachstum, Chemotherapien und Gendaten von Tumor sowie Patient auswertet. Sie soll simulieren, welche Medikamente wie wirken. "Bestimmte Medikamente docken nur an bestimmte Rezeptoren an", sagt Manfred Dietel, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pathologie. "Das bedeutet, dass diese Medikamente nur gegeben werden dürfen, wenn das entsprechende Molekül auch von Pathologen nachgewiesen wurde." In Deutschland leiden zwischen vier und fünf Millionen Menschen an Krebs, bis zu 380.000 erkranken jedes Jahr neu daran.

Gentest entscheidet über optimale Tumortherapie
Agarosegelektrophorese im UV Video
Das Genmuster verrrät den Ärzten, welche Krebstherapie anzuraten ist
Auch am Münchner Klinikum Rechts der Isar bestimmt der Charakter eines Tumors darüber, welche Therapie der Patient erhält. Zwölf verschiedene Gentypen unterscheiden die Ärzte dort, schildert der Pathologe Prof. Heinz Höfler. "Es ist zu erwarten, dass wir das in den nächsten Jahren verdoppeln." Irgendwann solle das gesamte Genom eines Tumors bekannt sein, hofft Prof. Christian Peschel. "Dann kann man die Therapie maßschneidern. Wenn Medikamente wie Chemotherapeutika nicht wirken, verkürzt sich die Lebenszeit."

Pharmahersteller Roche setzt auf personalisierte Medikamente, auch wenn der Markt kleiner ist, schildert Dr. Christian Meisel, Leiter der Onkologie von "Roche Pharma". "Wenn der Nutzen höher ist, sind wir zutiefst davon überzeugt, dass dieser Nutzen auch bezahlt werden wird." Roche hat seit der Einführung eines neuen Brustkrebsmedikaments 2000 - samt Analysegeräten - knapp vier Milliarden Euro Umsatz gemacht.

Mediathek
VideoViel Profit für wenig Heilung
Personalisierte Krebsmedikamente haben für die Patienten oft nur wenig Nutzen. Pharmafirmen verlegen sich trotzdem immer mehr darauf.
Literatur
Sjöblom T et al (2006) The Consensus Coding Sequences of Human Breast and Colorectal Cancers. Science DOI 10.1126 / science.1133427