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Wie viele Mashco-Piro Indianer im Manu-Nationalpark leben, ist unbekannt.
Leben zwischen den Welten
Die indigenen Völker sind am verwundbarsten
Inzwischen haben fast alle indigenen Völker der Erde Kontakt zur westlichen Zivilisation. Das Amazonasbecken gilt als eine der ganz wenigen Regionen, wo unkontaktierte Indigene existieren.
Das Amazonas-Gebiet ist nicht nur ein riesiger CO2- und Süßwasserspeicher, es ist auch Heimat für 33 Millionen Menschen. Fast drei Millionen von ihnen sind Ureinwohner und gehören einer der 390 Ethnien Amazoniens an. Doch gerade das Land der Indigenen ist zum Spielball vieler Begehrlichkeiten geworden.

Große Firmen bekommen Rückendeckung von Regierungen
"Wir erleben eine dritte Welle des Kolonialismus", sagt die peruanische Juristin Raquel Yrigoyen. Sie ist auf Landrechte indigener Völker spezialisiert. Nach der ersten Welle des Goldrausches der spanischen Konquistadoren und einer zweiten Kolonisierung unter dem Vorzeichen der Unabhängigkeit, sei seit dem Ende des 20. Jahrhunderts eine dritte Kolonisierung im Gange. Aufgrund der hohen Rohstoffpreise und der Nachfrage nach Land, drängten immer mehr Bergbau- und Erdölfirmen, Plantagenbesitzer, aber auch illegale Goldschürfer in die Stammesgebiete der einheimischen Völker. Die großen Firmen könnten meist mit dem Rückhalt der jeweiligen Regierungen rechnen.

Der juristische Sachverhalt sei kompliziert, so die Expertin: "Die Ureinwohner haben in Peru zwar ein Recht auf kollektiven Landbesitz, aber viele Gemeinden haben dieses noch nicht ins Grundbuch eingetragen." Zudem seien die Bestimmungen in den vergangenen 20 Jahren sukzessive gelockert worden, um Großinvestoren anzuziehen. 2009 kam es zu einem gewaltsamen Zusammenstoß zwischen Indigenen und Polizei in Bagua, Nordperu, bei dem 33 Menschen starben. Grund für den Streit war ein Gesetz zur Erleichterung des Verkaufs von indigenem Gemeinschaftsland.

Während die nationale Gesetzgebung die Rechte der Indigenen weiter aufweicht, betonen internationale Statuten ihren Schutz. Besonders wichtig ist die UN-Konvention 169 der Weltarbeitsorganisation ILO zum Schutz ethnischer Minderheiten. Sie legt fest, dass indigene Völker gefragt werden müssen, bevor Infrastruktur- oder Ressourcenabbauprojekte in ihrem Gebiet genehmigt werden. Doch obwohl Peru die Konvention unterzeichnet hat, ist die Umsetzung bis heute mangelhaft.

Bolsonaro schränkt die Rechte der indigenen Einwohner ein

Wie in Peru sind auch in Brasilien die Rechte der indigenen Bevölkerung sehr stark eingeschränkt. Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) kritisiert den Umgang des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro mit Indigenen. Konkret bemängelte die Organisation, dass Bolsonaro das Agrarministerium mit der Verantwortung für indianische Schutzgebiete betraut hat: Dies sei ein "unverhohlenen Angriff auf die Landrechte der rund 300 indigenen Völker Brasiliens", erklärt die GfbV. Bisher habe die Indianerbehörde Funai diese Aufgabe übernommen.
"Damit hat Bolsonaro den Bock zum Gärtner gemacht, denn die mächtige Agrarlobby hat keine Skrupel, indigenen Gemeinschaften mit der Erschließung neuer Flächen die Existenzgrundlage zu rauben und ins Elend zu stürzen", sagte GfbV-Referentin Yvonne Bangert. Bolsonaro realisiere damit sein Wahlversprechen, sich auf die wirtschaftliche Erschließung des Amazonasgebietes zu konzentrieren - auf Kosten der Indigenen und der Umwelt. Die Direktorin der brasilianischen Umweltschutzbehörde Ibama, die den Regenwald vor illegaler Abholzung und Bergbau schützen wollte, ist bereits zurückgetreten.
Die Menschenrechtsorganisation fordert Bolsonaro auf, das Dialog-Angebot der indigenen Aruak, Baniwa und Apurina aus dem Amazonasgebiet anzunehmen und einen "Dialog auf Augenhöhe" mit den indigenen Völkern des Landes zu führen. Mit seiner Unterstellung, dass ausländische Nicht-Regierungsorganisationen und internationale Organisationen die Indigenen bewusst manipulierten, untergrabe Bolsonaro zudem wichtige Aspekte einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft.

Amazoniens unkontaktierte Völker akut gefährdet

Mehr als 150 unkontaktierte indigene Völker sind nach Einschätzung des kirchlichen Panamazonas-Netzwerks REPAM in Brasilien, Peru, Ecuador und Bolivien von der Auslöschung bedroht. Die Zerstörung des Regenwaldes, der industrielle und illegale Bergbau sowie eine sich immer weiter ausbreitende Agrarindustrie bedrohen die betroffenen Völker. Die Existenz dieser Gruppen werde aus wirtschaftlichen Gründen systematisch von den betroffenen Staaten geleugnet, so die REPAM-Erklärung.

Angehörige von isoliert lebenden Völkern geraten immer wieder in Gefahr, wenn sie in Kontakt mit anderen Menschen kommen. Häufig fangen sie sich Krankheiten ein, gegen die sie keine Abwehrkräfte besitzen. Menschenrechtler und Aktivisten drängen darauf, den Schutz der isolierten Ureinwohner zu verbessern. "Unkontaktierte Völker sind keine primitiven Relikte einer fernen Vergangenheit. Sie leben im Hier und Jetzt. Sie sind unsere Zeitgenossen und ein wesentlicher Teil der Vielfalt der Menschheit", sagt Stephen Corry, Direktor der Organisation Survival International, die sich für den Schutz indigener Völker einsetzt. "Doch ihnen droht eine Katastrophe, wenn ihr Land nicht geschützt wird."


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VideoZum Thema sprachen wir mit der Ethnologin Mona B. Suhrbier vom Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main.
Amazonas-Regenwald
Ist er noch zu retten?
Die Abholzungen im Amazonas erreichen das größte Ausmaß seit zehn Jahren - und Brasiliens neuer Präsident setzt auf weitere Ausbeutung des Regenwaldes. Protest kommt jetzt aber auch aus einem dafür ungewöhnlichen Lager.
Info
Als unkontaktierte Völker werden indigene Gruppen bezeichnet, die bislang noch keinen Kontakt zur westlich geprägten Zivilisation hatten.
Jahr der indigenen Sprachen
Weltweit gibt es mindestens 370 Millionen Indigene wie die Inuit in Kanada oder die Maya in Mexiko. Sie sprechen 4000 Sprachen, von denen nach UN-Angaben 2680 vom Aussterben bedroht sind. Diese müssten als kulturelles Erbe der Menschheit erhalten und wieder mit neuem Leben gefüllt werden, fordern die Vereinten Nationen und haben 2019 zum "Jahr der indigenen Sprachen" erklärt.
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