© getty_images
VideoVideo
Jedes Jahr sind 4 Millionen Mädchen in Gefahr, genitalverstümmelt zu werden.
Fürs Leben gezeichnet
Grausame Praxis in vielen Ländern noch weit verbreitet
Mit Messern, Scherben, spitzen Steinen oder Rasierklingen werden jungen Mädchen die äußeren Geschlechtsorgane teilweise oder ganz abgeschnitten.
Der blutige Eingriff raubt den Opfern ihre Würde, gefährdet ihre Gesundheit, verursacht schreckliche Schmerzen und führt auch zum Tod. Meist ohne Narkose werden Klitoris und Schamlippen beschnitten. Die Eingriffe haben Folgen: Sie ziehen Blutvergiftungen, Blutverlust , Fieber, Infektionen nach sich. Wer sie überlebt, hat lebenslang schreckliche Schmerzen: beim Wasserlassen, bei der Periode, beim Sex, bei Geburten. Die Weltgesundheitsorganisation betont, dass es keinerlei medizinische Rechtfertigung für die Verstümmelung gebe.

Anlässlich des Internationalen Tages gegen Genitalverstümmelung hat UN-Generalsekretär António Guterres dazu aufgerufen, weltweit stärker gegen Genitalverstümmelungen von Mädchen und jungen Frauen vorzugehen. Genitalverstümmelung sei eine abscheuliche Verletzung der Menschenrechte. Die UN hat das Ziel ausgegeben, dass die blutige Praxis bis spätestens 2030 abgeschafft sein müsse. Diskriminierung und Machtlosigkeit der Frauen in vielen Ländern machten die Verstümmlung erst möglich.

Verstöße werden zu wenig kontrolliert und geahndet
Laut der Deutsche Stiftung Weltbevölkerung leiden rund 200 Millionen Mädchen und Frauen an den Eingriffen. Geschäftsführerin Renate Bähr sagte, die Praxis sei vor allem in geburtenstarken Ländern in Afrika verbreitet. Viele Mädchen seien bei dem Eingriff meist nicht einmal 15 Jahre alt. Etliche Länder hätten Gesetze erlassen, die Genitalverstümmelung verbieten oder einschränken. Doch Regierungen klärten bislang zu selten über diese Gesetze auf oder kontrollierten kaum deren Umsetzung, kritisiert Bähr. Der Eingriff ist verbreitet in etwa 30 Ländern in Teilen Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens.

WHO-Richtlinien für die Behandlung der Verletzungen
Die Hälfte der betroffenen Frauen lebt nach Angaben der UN-Kinderhilfswerks Unicef in Indonesien, Ägypten und Äthiopien. Die WHO ruft Ärzte und medizinisches Personal auf, solche Eingriffe niemals durchzuführen. Sie hat Richtlinien veröffentlicht, wie Ärzte Verletzungen durch Female Genital Mutilation (FGM) am besten behandeln können.

Zunehmende "Ferienbeschneidungen" in Deutschland
In Deutschland drohen für Genitalverstümmelung bis zu 15 Jahre Haft, auch wenn die Mädchen heimlich im Ausland verstümmelt werden. Wenn in Deutschland gemeldete Mädchen zur Genitalverstümmelung vorübergehend ins Ausland gebracht werden, bleibt diese Tat unabhängig vom Recht des Tatorts strafbar. Vor allem gegen die Eltern kann wegen Beihilfe ermittelt werden.

Laut einer Studie die das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben hatte, lebten 2016 knapp 50.000 Frauen in der Bundesrepublik, die Opfer einer Genitalverstümmelung geworden sind. Nach Schätzungen seien hierzulande zwischen 1500 und 5700 Mädchen davon bedroht. Die Anzahl der in Deutschland lebenden Betroffenen nimmt auch deshalb zu, weil viele geflüchtete Frauen in ihrer Heimat Opfer dieser Tradition geworden waren.

Die Praxis ist älter als Christentum und Islam. Mädchen werden sowohl in christlichen als auch in islamischen Ländern beschnitten. In einigen Kulturen markiert sie als eine Art Initiationsritus den Übergang vom Kind zur Frau. Ein tiefverwurzelter Grund: Frauen und Mädchen gelten als nicht vermittelbar auf dem Heiratsmarkt, wenn sie nicht beschnitten sind. Die Verstümmelung soll unter anderem die Lust am Sex einschränken. Der UN-Bevölkerungsfond (UNFPA) gibt zwar an, die Praxis gehe tendenziell zurück. Durch das Bevölkerungswachstum in den betroffenen Ländern sinke die absolute Zahl aber dennoch kaum.

Links
International Day of Zero Tolerance for FemaleGenital Mutilation, 6 February Born complete. Website des United Nations Population Fund (UNFPA) zu GenitalverstümmelungWebsite der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung. Die DSW ist eine international tätige Entwicklungsorganisation. Ziel der Arbeit ist nach eigenen Angaben, allen Menschen den Zugang zu Sexualaufklärung und Verhütung zu ermöglichen. Hier: Fragen & Antworten zu Genitalverstümmelung.Im Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie des Krankenhauses Waldfriede in Berlin-Zehlendorf finden von Genitalverstümmelung betroffene Frauen medizinische Hilfe im Desert Flower Center Waldfriede (DFC). Das DFC wurde 2013 gemeinsam mit der Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie gegründet. Desert Flower Center Waldfriede (DFC):Medizinische Hilfe und psychosoziale Betreuung für mehr Lebensqualität nach Genitalverstümmelung. Ganzheitliches Angebot und Selbsthilfegruppe für Frauen mit Female Genitale Mutilation (FGM) im Krankenhaus Waldfriede, Berlin.
Aktuell
Ein Gericht hat am 1. Februar 2019 zum ersten Mal in Großbritannien eine Verurteilung wegen weiblicher Genitalverstümmelung ausgesprochen. Eine 37-jährige Frau aus Uganda wurde am Freitag schuldig befunden, ihre damals drei Jahre alte Tochter im Jahr 2017 an ihren Geschlechtsorganen verstümmelt zu haben. Das berichtete die britische Nachrichtenagentur PA aus dem Gerichtssaal am Strafgerichtshof Old Bailey in London. Die Frau erwartet der BBC zufolge nun eine Haftstrafe von bis zu 14 Jahren. Das Strafmaß soll am 8. März 2019 verkündet werden.
Gegen Genitalbeschneidung
Unterhalten und informieren
Mit Filmen wollen Schweizer Forscher gegen die Beschneidung von Frauen angehen: Die Diskussion darüber verändert die Einstellung dazu.