Männliche Küken © dpa
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Rein wirtschaftlich lohnt sich die Aufzucht männlicher Küken nicht.
Das Töten vermeiden
Neue Methoden erkennen das Geschlecht bereits im Ei
Ein neues Verfahren für Brütereien soll das Töten männlicher Küken beenden. Tierschützer sind kritisch.
In Deutschland werden jährlich rund 45 Millionen Küken getötet, direkt nachdem sie geschlüpft sind. Betroffen sind die männlichen Küken von Legehennen-Rassen, denn sie legen später weder Eier, noch setzen sie genug Fleisch an, um interessant für Mastbetriebe zu sein. Weil sie der Industrie keinen Nutzen bieten, werden sie bei lebendigem Leib in einen Fleischwolf geworfen oder durch Kohlendioxid erstickt.

Geschlechtserkennung im Ei
Schon lange suchen Forscher nach Möglichkeiten zur Früherkennung des Geschlechts im Hühnerei, um diese ethisch höchst problematische Praxis zu beenden. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat die Entwicklung von Verfahren zur Geschlechtsbestimmung im Ei mit fünf Millionen Euro gefördert. Heute stellte die Bundesministerin Julia Klöckner ein weltweit neues Verfahren vor, welches das Kükenschreddern in Zukunft verhindert überflüssig machen soll. Dem Ei wird zwischen dem achten und zehnten Bruttag eine minimale Menge einer bestimmten Flüssigkeit entnommen. Das Innere des Eis wird durch die Prozedur weder verletzt noch berührt, ein Laser brennt ein winziges Loch in die Schale. Die entnommene Flüssigkeit wird auf ein bestimmtes Hormon untersucht, das ausschließlich bei weiblichen Küken auftritt. Eier mit männlichen Embryonen können im Anschluss aussortiert und verarbeitet werden.

Massentauglichkeit umstritten
Nun kommen tatsächlich die ersten Eier in den Handel, bei denen diese Methode angewendet wurde. Allerdings zunächst nur in 223 ausgewählten Berliner Supermärkten, die zur REWE Gruppe gehören. Die Firma Seleggt, die das Verfahren entwickelt hat, ist ein Joint Venture der REWE Group mit einem Technologie-Unternehmen, gefördert durch das BMEL. Ob es sich tatsächlich schon um einen "Durchbruch" für das Ende des Kükentötens handelt, ist noch umstritten. Insbesondere, weil unklar ist, ob die Technik schnell genug ist für die Massenproduktion. Juristisch ist das Kükentöten aber nur solange zulässig, wie keine Alternative für Brütereien existiert. Sobald ein Verfahren zur Verfügung steht, fällt auch die juristische Rechtfertigung für das Kükentöten weg.

Der Tierschutzbund lehnt die Methode ab
Der Deutsche Tierschutzbund lehnt das Verfahren ab und beruft sich dabei auch auf den Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages, der im noch Ende 2017 einen Sachstand zum Thema Schmerzempfinden von Hühnerembryonen veröffentlicht hatte: Spätestens ab dem 15. Bruttag sei danach von einem Schmerzempfinden auszugehen, frühestens ab dem siebten Tag. Da nicht mit Sicherheit bestätigt werden könne, dass kein Schmerzempfinden ab dem siebten Bruttag vorliegt, lehnt der Deutsche Tierschutzbund jegliche Methode ab, die nach dem sechsten Bruttag angewendet wird - und damit auch das Seleggt-Verfahren. Zu diesem Zeitpunkt könne die Leidensfähigkeit nicht sicher ausgeschlossen werden.

Der Deutsche Tierschutzbund bevorzugt in seiner heutigen Stellungnahme ein anderes Verfahren: "Eine andere Methode zur Geschlechtererkennung im Ei ist die spektroskopische Methode, die am dritten Tag durchgeführt wird - zu diesem Zeitpunkt kann eine Leidensfähigkeit ausgeschlossen werden. Alle Bemühungen sollten daher auf das Projekt zur spektroskopischen Methode ausgerichtet werden." Grundsätzlich aber böten beide Verfahren zur Geschlechterkennung nur eine technische Scheinlösung, die die eigentlichen Probleme nicht angeht: die wirtschaftliche Wertlosigkeit männlicher Küken, zeige, dass das System an sich krank sei. Auch die gesundheitlichen Probleme der Legehennen wie Eileitererkrankungen Entzündungen durch die enorme Legeleistung von etwa 300 Eiern pro Jahr werden dadurch natürlich nicht gelöst. Eine Alternative zur Vermeidung der Kükentötung ist unter anderem die Zucht von "Zweinutzunghühnern". Die Tiere können als Legehennen und als Masthähne genutzt werden. Die Tiere wachsen aber langsamer und kosten dadurch mehr.

Neue Wege
Bio-Küken dürfen leben
Zumindest im Bio-Bereich dürfen die Hähne in Österreich weiterleben.