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Geschlecht, Alter, Herkunftsland, Muttersprache - der Algorithmus weiß aber noch mehr.
Statt Zufall
Algorithmen berücksichtigen die Unterschiede zwischen den Kantonen
Wer in der Schweiz Asyl beantragt, bekommt einen Wohnort zugewiesen. Wo, das ist Zufall, hat aber Folgen.
Das Zufallsprinzip hat ausgedient. Jetzt gibt es einen Algorithmus, der die Job-Chancen von Flüchtlingen erhöhen soll. Getestet wird er demnächst in einer Pilotstudie. Entwickelt wurde der Algorithmus von Forschern der ETH Zürich und der US-amerikanischen Stanford University. Er soll die Flüchtlinge so über die Kantone verteilen, dass sie bessere Chance haben, eine Stelle zu finden.

Der Algorithmus lernt, indem er zahlreiche Daten analysiert. Im Falle des Flüchtlings-Algorithmus waren das anonymisierte Angaben zu Geschlecht, Alter, Herkunftsland und Muttersprache von 22.‘000 Asylsuchenden. Außerdem: wann die Flüchtlinge in welchen Kanton geschickt wurden und wie lange es dauerte, bis sie dort eine Stelle fanden. Aus dieser Analyse erkannte der Algorithmus, welche Kombination aus Angaben in einem Kanton relativ rasch zur Erwerbstätigkeit führte und welche nicht. Für einen neu angekommenen Asylsuchenden kann der Algorithmus nun berechnen, wo die Wahrscheinlichkeit eine Stelle zu finden am größten ist. Gesetzliche Richtlinien der bisherigen Verteilung, etwa dass Migranten entsprechend ihrer Herkunft gleichmässig über die Kantone verteilt werden, haben die Forscher um den Politologen Dominik Hangartner von der ETH Zürich bei der Entwicklung ihres Algorithmus berücksichtigt. So wird verhindert, dass alle Eritreer oder Syrer in einem Kanton leben.

Warum wer wohin soll, ist nicht immer nachvollziehbar
Die Zuweisung verliert dadurch jedoch an Transparenz: "Der Algorithmus kann uns nicht sagen, wieso jemand in einem Kanton am ehesten eine Arbeitsstelle findet", sagt Hangartner. Die Undurchsichtigkeit weckt bei Kritikern Unbehagen. Algorithmen wird immer wieder vorgeworfen, dass sie einzelne Gruppen benachteiligen. Stefan Pabst, Physiker und Philosoph am Think Tank Wire in Zürich, beschäftigt sich mit dem Einsatz von Algorithmen im sozialen Bereich. Oft kann er die Kritik nachvollziehen. Beim Flüchtlings-Algorithmus jedoch nicht: "In diesem Fall sehe ich wenig bis keine Diskriminierungsgefahr, weil es darum geht, Menschen in Arbeit zu bringen und nicht darum, sie von Leistungen auszuschliessen oder zu sanktionieren."

Erstmalige Verteilung auf Kantone via Algorithmus
Laut der Studie hätten drei Jahre nach der Verteilung via Algorithmus 26 Prozent der Flüchtlinge einen Job. Mit dem bisherigen Zufalls-Prinzip sind es nur 15 Prozent. "Das ist eine Zahl, die der Computer am Ende ausspuckt", sagt Pabst, "jetzt geht es darum, sie unter Beweis zu stellen." Das Staatsekretariat für Migration tritt den Beweis nun an. Ab September sollen 1000 Flüchtlinge testweise via Algorithmus auf die Kantone verteilt werden. Die Pilotstudie ist die erste weltweit.

Literatur