Jane Goodall © dpa
Jane Goodall ist auch mit 83 als Botschafterin für den Artenschutz auf der ganzen Welt unterwegs.
Jane Goodall ist auch mit 83 als Botschafterin für den Artenschutz auf der ganzen Welt unterwegs.
Die Macht des Einzelnen
Ihre Empathie machte aus der Forscherin eine entschlossene Aktivistin
Regenwaldrodung, Klimawandel, die Meere voller Plastik: Jane Goodall bleibt optimistisch.
Wer als Wissenschaftsjournalist Jane Goodall trifft, hat ein Problem: nicht gleich vor Ehrfurcht zu erstarren. Sie ist bekannt wie ein Popstar, ihre Erkenntnisse über wilde Schimpansen in den 1960er Jahren sind bahnbrechend. Sie hat sich durch Beharrlichkeit und Optimismus gegen viele Widerstände durchgesetzt.

2015 in Paris auf der Weltklimakonferenz © ap 2015 in Paris auf der Weltklimakonferenz
Wiedersehen mit einem alten Bekannten in Gombe  © ap Wiedersehen mit einem alten Bekannten in Gombe
In Gombe, Tansania. Foto aus dem Film Jane's Journey, 2010.  © pr In Gombe, Tansania. Foto aus dem Film Jane's Journey, 2010.


Goodall: Okay, nehmen wir den Klimawandel und die Leugner. Wir wollen den Leugnern doch helfen, ihren Fehler zu verstehen. Als Einzelner ist das natürlich schwer, aber dank der sozialen Medien können wir die Stimmen von Milliarden von Menschen zusammenbringen. Und dann werden diese Stimmen vielleicht so viele und so laut, dass sie Veränderung erzwingen. Wenn man in einer Demokratie lebt, kann man die Schuld nicht nur auf die Politiker schieben, da ist auch die Gesellschaft gefragt, die Politiker werden ja schließlich gewählt. Manchmal wird ja auch der richtige gewählt, aber wenn er Veränderungen will, die etwas mehr kosten, verliert er den Rückhalt aus der Bevölkerung. So kommt es, dass die falschen Leute an der Macht sind. Die Leute zeigen mit dem Finger auf Firmen, die ihre Produkte auf unethische Weise erzeugen, aber solange wir diese Produkte kaufen, funktioniert das alles nicht. Es gibt nun mal eine Verantwortung von Konsumenten und auch eine Verantwortung der Wähler.


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"Intellektuelle Tiere"
Goodall:Ja, ich glaube die sozialen Medien machen einen riesen Unterschied! Ich habe einmal an einer Veranstaltung teilgenommen. Die Organisatoren eines Klima-Marsches in New York mit Al Gore hatten mit 80.000 Menschen gerechnet. Tatsächlich kamen 800.000 Leute. Was war passiert? Die Leute haben sich über Smartphones mit anderen Menschen verbunden. Ich habe gehört, wie sie zu anderen gesagt haben: Komm' auch, das ist eine gute Sache, das Wetter ist schön und es sind lauter berühmte Leute da!, oder: Ich hab gerade Al Gore gesehen, ich hab gerade Leonardo di Caprio gesehen, einer hat sogar gesagt: ich habe Jane Goodall gesehen! (lacht).Das ist in Ländern auf der ganzen Welt passiert, sodass die Menschen gemerkt haben: wir sind nicht die Einzigen, wir sind Teil einer wachsenden Gruppe von Menschen, die verstanden haben und etwas tun wollen. Natürlich ist das nicht genug. Die Leute müssen verstehen, dass jeder von uns eine Rolle spielt. Deswegen ist das Programm "Roots and Shoots" so stark. Wir sind jetzt in 100 Ländern mit jungen Menschen vom Kindergartenalter bis zur Uni. Das sind junge Leute, die mit dem Verständnis von sozialen Medien aufwachsen und sie nutzen. Dadurch empfinden sie ein Gefühl von Solidarität für die ganze Welt.


Goodall: Ja - aber andererseits holt zum Beispiel China gerade sehr im Bereich erneuerbare Energien auf! Trump hat ja die USA aus dem Rennen genommen. China führt in den Bereichen Solarenergie und Windenergie. China ist gerade dabei, seine eigene Umwelt aufzuräumen, macht allerdings aber auch, was früher die europäischen Kolonialherren taten und heute einige internationale Konzerne tun: in andere Länder gehen, und dort die natürlichen Ressourcen ausbeuten, die sie für ihre eigene Entwicklung zuhause brauchen.

Und es gibt auch ein anderes großes Problem: Die Leute denken, dass sie zum Beispiel gerne ökologisch erzeugte Nahrungsmittel kaufen würden - dass die aber zu teuer seien. Ich rede hier nicht von Leuten, die wirklich in Armut leben. Sondern vom Durchschnittsbürger. Und billiges Essen zum Beispiel verursacht doch auch Kosten! Es geht auf Kosten der Umwelt, es verursacht Tierleid. Wir kaufen es, weil es billig ist, deswegen schätzen wir es nicht wert, deswegen verschwenden wir so viel! Wir brauchen eine andere Art, über Nahrung nachzudenken.



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"Es gibt so viel zu entdecken"
Goodall: Überall wo ich hingehe, treffe ich junge Leute mit leuchtenden Augen, die Dr. Jane erzählen wollen, was sie machen, um die Welt zu verbessern. Und darum geht es auch bei "Roots and Shoots": Die Leidenschaft dieser jungen Leute einzubeziehen. Wir wollen sie ermutigen, herauszufinden, was sie wichtig finden und ihnen dann helfen, Lösungen zu finden. Mit ihren Freunden herauszufinden, was man gegen Plastikmüll oder gegen Artenschmuggel machen kann. Und dann geht es darum, die Ärmel hochzukrempeln. Manchmal geht es darum, Geld zu sammeln, manchmal geht es um Essenspenden für Armenküchen, einen Fluss zu reinigen, den Strand aufzuräumen, Handys zu recyceln. Das ist der Grund, warum ich hoffe: die jungen Leute, die jeden Tag einen Unterschied machen. Und dabei ihre Eltern und Großeltern beeinflussen!

Info
nano spezial vom 7. August 2017
"Sind wir noch zu retten?"
Wir leben in schwierigen Zeiten: politische Umwälzungen, Artenschwund, Klimawandel. Ein Ökokollaps droht. Aber warum macht uns das keine Angst? Ingolf Baur will es herausfinden.