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Bei Lebensmitteln klaffen Umfragewerte und reales Kaufverhalten nach wie vor weit auseinander.
Der Preis fürs Fleisch
Nachfrage und Preis bestimmen mit über Tierwohl
Mehr als die Hälfte der Deutschen isst am liebsten Fleisch. Und das hat Folgen. Nicht nur für die Tiere.
83 Prozent der Menschen in Deutschland essen mehrmals in der Woche Fleisch. Das geht nur auf Kosten des Tierwohls. Aber auch Klima und Umwelt leiden darunter. Viele gute Gründe, etwas zu ändern. Und darüber wird auch seit Jahren diskutiert. Von Zeit zu Zeit gibt es neue Vorstöße. Wie mehr Tierwohl finanziert werden kann, ist aber noch lange nicht geklärt. Eine Idee lautet: Die Mehrwertsteuer für tierische Produkte von bisher 7 auf 19 Prozent anzuheben. Dieser Vorschlag kam im Januar 2017 vom Umweltbundesamt. Von der Bundesregierung wurde er aber sogleich zurückgewiesen. Dabei traf er nicht nur auf negative Resonanz.

Allerdings würde diese Erhöhung nicht ausreichen, um für alle Nutztiere eine bessere Haltung zu ermöglichen. Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik hatte bereits 2015 ausgerechnet, dass mindestens 5 Milliarden Euro jährlich für einen Umbau der Tierhaltung notwendig seien. Folkhard Isermeyer, Präsident des Thünen-Instituts plädiert zur Finanzierung auch für höhere Verbraucherpreise, aber auch für eine Umschichtung eines Teils der Agrarsubventionen. Dieses Geld könne man dann nutzen, um Landwirte zu unterstützen, die auf ihren Höfen mehr Tierwohl umsetzen wollen.

Tierwohl muss für alle von Interesse sein
Jetzt hat der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) eine "deutsche Zukunftsallianz für nachhaltigen und praktikablen Tierschutz" gefordert. Anders als in anderen Ländern sei der Tierschutz seit 2002 Staatsziel in Deutschland. Um im globalen Wettbewerb nicht auf der Strecke zu bleiben, brauchten die Nutztierhalter die Unterstützung der Gesellschaft, die sich an der Finanzierung des Mehraufwandes beim Tierwohl beteiligen müsse.

Zeit für eine nationale Nutztierstrategie ist reif
Eine nationale Tierschutzstrategie finden auch der Deutsche Tierschutzbund und der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) richtig. Das für Tierschutz zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium habe sich in der Vergangenheit eher an den Tiernutzerinteressen als an der Verbesserung im Umgang mit Tieren orientiert, kritisiert der Tierschutzbund. "Drängende Tierschutz-Fragen" - etwa die millionenfache Tötung von Eintagsküken oder fehlende Haltungsvorgaben für Puten und Rinder - seien seit Jahrzehnten ungelöst."Tiere zu verstümmeln, damit sie so schnell und effizient wie möglich als Billigfleisch im Supermarkt landen, dabei das Grundwasser zu vergiften und aus ganzen Landstrichen Maiseinöden ohne Insekten und Wildvögel zu machen und dafür noch Milliarden aus EU-Töpfen zu bekommen, das ist der großen Mehrheit unserer Gesellschaft nicht mehr vermittelbar", erklärt Thomas Schröder vom Deutschen Tierschutzbund. Aus Sicht des Tierschutzes bedürfe es dringend einer umfassenden Nutztierstrategie, deren Grundlage die Orientierung am Tierschutz sei, nicht am Ladenpreis oder der Gewinnmaximierung.

Die neue Bundesregierung steht unter Zugzwang
Verbrauchern seien die Haltungsbedingungen von Tieren in der Lebensmittelproduktion "zunehmend wichtig" und die künftige Regierung müsse diese gesellschaftliche Entwicklung ernst nehmen, fordern der VZBV und der Tierschutzbund. Daher seien eine nationale Nutztierstrategie und ein staatliches Tierschutzlabel nötig.Ein solches Label müsse die gesamte Kette von der Zucht über die Haltung, den Transport und die Schlachtung der Tiere abbilden. Immer mehr Verbraucher wünschten sich, dass die Tiere gut gelebt haben, erklärt VZBV-Präsident Klaus Müller. "Dafür sind nach unseren Befragungen 64 Prozent auch bereit, mehr zu zahlen." Bislang fehle es aber an Transparenz.

Schlachthöfe
Unnötige Qualen
Rinder, die sich beim Ausbluten noch bewegen - das zeigen erschreckende Bilder des Vereins Soko Tierschutz.