Schreibschrift üben © dpa
BeitragBeitrag
Für viele Grundschüler ist Schreibschrift schreiben eine Qual.
Adieu Handschrift?
Beim Handschreiben geht es letztendlich auch um Bildungschancen
Aus Lehrplänen verschwindet die verbundene Schreibschrift - zumindest in Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. Ist das ein großer Verlust?
Kritiker sagen: ja. Schreiben mit der Hand ist nicht nur einfach eine alte Kulturtechnik. Es ist ein höchst komplexer Vorgang. Er fordert das Gehirn zu Höchstleistungen heraus. Neue Verknüpfungen entstehen. Wir lernen. Von der Hand findet das Geschriebene direkt den Weg in unser Gedächtnis. Kinder, die Schreibschrift lernen und beherrschen, lernen leichter lesen und können sich besser konzentrieren. Auch die Bielefelder Graphologin Rosemarie Gosemärker bestätigt: "Die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, ist erheblich besser. Das liegt daran, dass das Schreiben das Gehirn ganzheitlich aktiviert."

Die Handschrift als Denkwerkzeug
Jeder kennt das vom klassischen Spickzettel: Wer ihn von Hand geschrieben hat, muss ihn oft nicht einmal mehr benutzen, weil er sich den Inhalt bereits eingeprägt hat. Tippen geht zwar schneller, hinterlässt aber im Gehirn weniger Spuren, da sind sich Experten einig.

Früher lernten Grundschüler eine schöne Handschrift mit viel Drill. Noch vor den ersten Leseübungen wurden Tafeln und Hefte seitenweise mit geschwungenen Buchstaben gefüllt. Heute lernen Kinder meist gleichzeitig lesen und schreiben - und zwar zuerst mit Druckbuchstaben. Erst dann üben sie Schreibschrift. Zwar sieht die Kultusministerkonferenz vor, dass die Kinder nach der Grundschule eine "lesbare und flüssige Handschrift" haben sollen. Die Realität sieht offenbar aber anders aus.

Motorische Fähigkeiten reichen nicht aus
2016 ermittelte das Schreibmotorik-Institut bei einer Umfrage in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Lehrerverband, dass mehr als 96 Prozent der Eltern das Schreiben lernen mit der Hand noch für wichtig halten. 23 Prozent der Eltern stellten allerdings fest, dass ihre Kinder Probleme haben, mehr als 30 Minuten am Stück zu schreiben. Mehr als 79 Prozent der Lehrer an weiterführenden Schulen meinten, die Handschrift ihrer Schüler habe sich im Schnitt verschlechtert. 83 Prozent der Grundschullehrer gaben an, dass sich die Kompetenzen, die Schüler für die Entwicklung der Handschrift mitbringen, verringerten.

Die Rede ist von einer feinmotorischen Verarmung. In Tests zeige sich, dass viele Erstklässler nicht einmal in der Lage seien, eine handelsübliche Knetstange weich zu kneten oder feinere Schneideaufgaben zu machen, sagt die Nürnberger Bildungsforscherin Stephanie Müller. Sie verweist darauf, dass eine Hand ein hochkomplexer Apparat mit über 30 Muskeln ist, dessen Steuerung gelernt sein muss.

"Aktion Handschreiben 2020"
Bei der Kölner Bildungsmesse didacta riefen der Didacta-Verband sowie das Schreibmotorik-Institut deshalb 2016 zusammen mit dem BundesElternRat die „Aktion Handschreiben 2020“ ins Leben. Ihr Ziel: die Forschung zu verbessern und die Erkenntnisse in der Lehrerbildung besser zu verankern. Bis 2020 soll ein flächendeckendes Programm für Kitas und Schulen entwickelt werden.