Urin-Probenbehälter © ap
Eine Schwachstelle der Dopingtests: Die Urin-Probenbehälter sind nicht ausreichend versiegelt.
Eine Schwachstelle der Dopingtests: Die Urin-Probenbehälter sind nicht ausreichend versiegelt.
Was Doping aus dem Sport macht
Schätzungen über Verbreitung des Dopings gehen weit auseinander
Kurz vor den Olympischen Winterspielen läuft die Debatte um Doping in Russland und anderswo weiter.
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Gespräch mit Prof. Fritz Sörgel.
Seit Jahren sind Leichtathleten oder Radfahrer immer wieder in Skandale um verbotene Substanzen verwickelt. Dabei sollen sportliche Wettkämpfe unter fairen Bedingungen und Regeln stattfinden - auch moralische Werte sollten eine Rolle spielen.

Wie viele Sportler dopen, ist kaum zu erfassen. Lediglich einzelne Erhebungen geben Einblicke: Eine Studie der Universität Tübingen und der Harvard Medical School aus dem Jahr 2011 brachte heraus, dass rund 40 Prozent der Leichtathleten bei der Weltmeisterschaft 2011 in Südkorea gedopt haben sollen. 2016 gab es laut der Nationalen Anti-Doping Agentur Deutschland (NADA) bei 12.600 Tests 98 mögliche Dopingverstöße von deutschen Sportler. Die Welt Anti-Doping Agentur (WADA) entdeckte im gleichen Zeitraum 4.822 Fälle weltweit.

Die NADA-Sprecherin Eva Bunthoff sagt, dass jeder Doping-Fall ein Einzelfall sei. "Es gab Fälle, da hat es Hintermänner wie Trainer oder Ärzte gegeben. Es gab Fälle, da war der Sportler allein verantwortlich", so Bunthoff auf Anfrage. Es gebe "sicherlich" eine Dunkelziffer; "über die Höhe kann man allerdings nur spekulieren".

Wissenschaftliche Studien liefern sehr unterschiedliche Zahlen
Bunthoff verweist ihrerseits auf Studien, die besagen, dass zwischen 5 und 60 Prozent der Sportler dopen. "Wir gehen eher davon aus, dass die erste Zahl zutreffender ist", erklärt sie. Als Jäger fühlen sich die Kontrolleure der NADA den Angaben zufolge nicht: "Nein. Wir haben den Schutz der sauberen Sportlerinnen und Sportler im Fokus. Wir setzen uns dafür ein, dass für alle Chancengleichheit und Fairness gegeben ist."

"Es gibt die unterschiedlichsten Beweggründe, warum Sportler dopen", sagt Moritz Anderten, Psychologe an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Viele Sportler haben ihr ganzes Leben auf Olympia hingearbeitet." Zudem wüssten sie, dass in anderen Ländern gedopt und das zum Teil verschleiert werde. Um ihr großes Ziel zu erreichen, sehen sie laut Anderten im Doping die einzige Möglichkeit, international konkurrenzfähig zu sein, wenn es um die absoluten Topplatzierungen geht.

Als weitere Beweggründe für das Dopen nennt der Sportpsychologe das Streben, die eigene Leistungsgrenze noch mal zu verschieben und das Maximum aus sich herauszuholen. Außerdem spielen existenzielle Ängste eine Rolle.

Nicht immer sind die Sportler selbst Schuld
"Häufig sind Athleten Opfer eines national organisierten Dopingsystems, das mit dem Leistungssport eigene Interessen verfolgt und die Sportler instrumentalisiert", erklärt Anderten. Das könne über Ärzte oder medizinisches Personal geschehen, welche die Sportler betreuen. "Die Athleten sind häufig ernsthaft davon überrascht, dass Substanzen in ihrem Körper nachgewiesen werden", sagt der Experte. Die Einbahnstraße "Der Athlet ist alleine schuld" sei zu kurz gedacht. Stattdessen müsse man das ganze System betrachten.

Der Berliner Sportethiker Elk Franke sieht eine Verrechtlichung des Sports: "Es gibt in unserer Gesellschaft eine Verschiebung von der Moral zum Recht. Was früher oft noch durch die Moral bewertet wurde, wird heute durch Rechtsfragen geklärt." Gleiches gelte für den Sport. Die Ethik sei durch Nachweisbedingungen ins Labor verlagert worden. "Ethik spielt im Sport keine Rolle mehr, solange die Handlung rechtlich erlaubt ist", erklärt Franke.

In Bezug auf das Gebot des Fair Plays ist die Ethik gleichzeitig weiter wichtig: Die Sportler müssen Franke zufolge die Ethik des Sports als moralische Instanz akzeptieren, die sich durch Regeln ausdrückt. Es bestehe das Gebot der gleichen Chancen für alle Teilnehmer. Doping zerstöre diese Chancengleichheit und damit den Wettkampf. In einigen Disziplinen sähen Sportler die Diskussionen über Doping als randständig an: "Wenn man wie alle dopt, dann relativiert sich das. Die moralische Verletzung ist dann keine mehr." Dem Ethiker zufolge glaubt die überwiegende Zahl der Zuschauer, dass es einen absolut dopingfreien Sport nicht geben kann, er aber mit klugen, konsequenten und unabhängigen Kontrollen eingedämmt werden könnte.

Glossar
Doping
Es gibt zahlreiche Doping-Substanzen, die alles eins gemeinsam haben: Sie steigern die Leistung, haben in der Regel Nebenwirkungen und lassen sich schwer nachweisen.