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Im Abgasskandal kommen immer neue Details ans Licht.
Massive Kritik an Abgas-Versuchen
Nähe von Wissenschaft und Wirtschaft rückt in den Fokus
Nach Bekanntwerden von Diesel-Abgastests an Affen gibt sich VW reumütig. Künftig will der Konzern auf Tierversuche verzichten. Die scharfe Kritik an den Tests reißt aber noch lange nicht ab.
"Wir wollen Tierversuche für die Zukunft absolut ausschließen. Damit so etwas nicht noch einmal passiert", sagte der VW-Generalbevollmächtigte Thomas Steg der "Bild"-Zeitung. VW lasse prüfen, was nach den Versuchen mit den Affen geschehen sei, in welchem Zustand sie übergeben wurden und wie es ihnen heute gehe. Zuvor hatte auch VW-Konzernchef Matthias Müller die Versuche als inakzeptabel bezeichnet.

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hält die Distanzierungen der Autoindustrie für unglaubwürdig. "Es ist ja schön, dass sich heute alle davon distanzieren, weil die öffentliche Meinung das inzwischen von ihnen verlangt", sagte er im rbb-Inforadio. "Vor allem die Aufsichtsräte müssen jetzt mal aufklären, wie die Verantwortungs- und Entscheidungsstrukturen in ihren Unternehmen jeweils laufen. Denn es kann doch nicht wahr sein, dass keiner von ihnen etwas gewusst hat und immer ist es irgendwie passiert."

Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel forderte, die Nähe der Wirtschaft zu wissenschaftlichen Einrichtungen stärker in den Blick zu nehmen. "Wir brauchen eine breite Debatte über den zunehmenden Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf Forschung und Lehre an Hochschulen", sagte Barthel im "Handelsblatt".

Die Autoindustrie hatte Wissenschaftler eingespannt, um mit der von BMW, Daimler und VW betriebenen Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT) Gesundheitsgefahren von Dieselabgasen zu verharmlosen. Nachdem 2015 aufgeflogen war, dass VW bei Dieselfahrzeugen Messergebnisse manipuliert hatte, erklärten drei der sieben Mitglieder des Forschungsbeirates nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR ihren Rücktritt.

Fragen und Antworten: Was steckt hinter den Schadstofftests?

Im Zusammenhang mit den Tierversuchen kam auch Kritik an einer Studie mit menschlichen Probanden auf. Die EUGT hatte eine Studie an der Universität Aachen finanziell gefördert, die die Wirkung von Stickstoffdioxid (NO2) auf den menschlichen Körper untersucht. NO2 ist der Schadstoff, dessen Messwerte von Volkswagen in den USA jahrelang manipuliert worden waren. Doch was genau steckt hinter der Untersuchung in Aachen? Und sind solche Tests an Menschen üblich? Einige Antworten.

Was genau wurde gemacht?
Es ging darum, die gesundheitlichen Auswirkungen verschiedener NO2-Konzentrationen auf die Gesundheit zu testen. Dafür verbrachten 25 Probanden, laut den Forschern in erster Linie Studenten, jeweils drei Stunden in einem rund 40 Quadratmeter großen Versuchsraum, in den das Gas eingeleitet wurde. Institutsleiter Thomas Kraus erklärte, die Konzentrationen seien vergleichbar mit der in der Umwelt vorhandenen gewesen. Die Probanden hatten ihrer Teilnahme schriftlich zugestimmt.

Was kam heraus?
Die Forscher nahmen unter anderem die Lungenfunktion und Blutwerte der Probanden unter die Lupe. Dabei stellten sie fest, dass die Daten keine "beträchtlichen akuten Negativwirkungen" bei den Probanden nahelegten.

Sind solche Studien ethisch vertretbar?
Bei geplanten Studien mit Menschen am Aachener Universitätsklinikum muss grundsätzlich die Ethikkommission zustimmen. Die Zustimmung sei nachvollziehbar, wie ein Sprecher des Uni-Klinikums meinte: Wenn Probanden einem Stoff unterhalb des Grenzwertes ausgesetzt werden, sei das per Definition nicht problematisch. Das seien Werte wie sie ein Lkw-Fahrer oder ein Busfahrer jeden Tag erlebe. In einem modellhaften Versuch sei es durchaus statthaft, Menschen einmal einem solchen Einfluss auszusetzen.

Ging es bei der Untersuchung um Autoabgase?
Nein. Der Fokus lag nicht auf Autoabgasen. Der zuständige Institutsleiter Kraus sagte, die Studie habe sich nicht mit der Dieselbelastung von Menschen befasst. Es sei um den Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz gegangen. Die Tests seien zudem im Jahr 2013 - und damit vor dem öffentlichen Bekanntwerden des VW-Dieselskandals - gemacht worden, sagte Institutsleiter Kraus. Er betont: "Es gibt keinen Zusammenhang mit dem Dieselskandal."

Wie gängig sind solche Untersuchungen am Menschen?
Dass Menschen absichtlich giftigen Stoffen ausgesetzt werden, um deren Wirkung zu erforschen, ist laut einem Experten im Umweltbundesamt "ungewöhnlich" und eher selten. "Im Umwelt-Bereich ist es völlig unüblich", sagte der Leiter der Abteilung Umwelthygiene, Wolfgang Straff. Anders sei es vielleicht im Bereich Arbeitsschutz. "Wir brauchen solche Studien nicht", sagte Straff: "Es ist klar, dass Stickoxid eine schädliche Wirkung hat."

Ist es üblich, dass öffentliche Einrichtungen für Unternehmen forschen?
"Im internationalen Vergleich arbeitet die deutsche Wirtschaft bei Innovationsprojekten überdurchschnittlich häufig mit Hochschulen zusammen", heißt es in einem Bericht des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. In Deutschland pflegt demnach mehr als die Hälfte der Unternehmen Kooperationen mit Hochschulen. Durch die Zusammenarbeit werden Unternehmen auch zu Finanzgebern für die Wissenschaft - der Befragung zufolge sehen die Hochschulen ihre Unabhängigkeit dadurch aber nicht gefährdet.

Handelt es sich bei den Abgastests an Affen um einen Einzelfall?
"Toxikologische Versuche an Affen sind leider gängig, auch in Deutschland", sagt Corina Gericke, Vizevorsitzende der Organisation Ärzte gegen Tierversuche. Im Jahr 2016 seien laut einer Statistik des Landwirtschaftsministeriums in Deutschland 1789 Affen für Versuche mit giftigen Substanzen genutzt wurden. "Typisch sind dabei wiederholte Gaben über 28 Tage hinweg", sagte Gericke. Aus Sicht von Ärzte gegen Tierversuche könnten aus solchen Affenstudien keine Rückschlüsse für den Menschen gezogen werden.

Glossar
Stickoxide
Das Gas Stickstoffoxid (NO) ist zugleich schädlich und unentbehrlich für alle mehrzelligen Lebewesen. Im Körper dient es vor allem als Botenstoff.
Dauer-Diesel-Dilemma
Von wegen sauberer
Schlechtere Leistung, höherer Verbrauch - so mancher Diesel-Fahrer hat sich das mit der teuren Umrüstung für weniger Schadstoffaustoß sicher anders vorgestellt.