Pfleger auf Krankenhausflur © dpa
Krankenpfleger klagen über eine viel zu hohe Belastung.
Krankenpfleger klagen über eine viel zu hohe Belastung.
Therapien gegen den Pflegenotstand
Mangel an Pflegekräften ist auch medizinisch riskant
Langes Warten auf Hilfe beim Waschen, riskante Missverständnisse bei Operationen: Der Pflegenotstand in Deutschlands Kliniken hat viele Gesichter.
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Pfleger gehen gegen die Missstände in den Krankenhäusern auf die Straße. Sie fühlen sich überlastet.
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Es geht auch anders: In der Klinik Öschelbronn in Baden-Württemberg sind Patienten und Pfleger rundum zufrieden.
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Sobald auf Intensivstationen mit knapper personeller Besetzung ein weiterer Notfall dazu kommt, wird es kritisch: für Patienten und Pfleger. © clipdealer
Sobald auf Intensivstationen mit knapper personeller Besetzung ein weiterer Notfall dazu kommt, wird es kritisch: für Patienten und Pfleger.

Aktuell: Abschlüsse ausländischer Pflegekräfte schneller anerkennen
Der deutsche Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat sich für eine schnellere Anerkennung der Abschlüsse von Pflegekräften und Ärzten aus dem Ausland ausgesprochen. "Manchmal sind Ärzte und Pflegekräfte über Monate, teils sogar über Jahre im Land und können nicht loslegen, weil das Verfahren zur Anerkennung sich so zieht", sagte Spahn der "Rheinischen Post". "Selbstverständlich muss die ausländische Qualifikation gleichwertig mit der deutschen sein, das gehört gründlich geprüft." Die Überprüfungen wolle er zusammen mit den Bundesländern beschleunigen.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte den Vorstoß als "Sprechblase ohne Substanz": Die schnellere Anerkennung von Abschlüssen werde den Pflegenotstand nicht beheben, weil nur wenige ausländische Pflegekräfte ein Interesse am deutschen Arbeitsmarkt hätten. "An Deutschlands Grenzen warten nicht massenhaft Pflegefachkräfte aus Nicht-EU-Staaten, die auf Einlass hoffen. Nicht einmal 1000 Personen werden hier jedes Jahr gezählt", erklärte Vorstand Eugen Brysch.

Wie ist das Verhältnis von Ärzten und Pflegern in den Kliniken?
Fast einen Arzt pro zwei Pflegekräfte gibt es in Deutschlands Krankenhäusern. Seit einem Vierteljahrhundert ist die Zahl der Mediziner um 66 Prozent auf rund 158.100 gestiegen. Eine Abnahme um 1000 auf rund 325.100 gab es laut Statistischem Bundesamt dagegen bei den Pflegekräften. Die Verschiebungen gehen mit anderen Änderungen einher: So dauert ein Klinikaufenthalt heute im Schnitt nur noch 7,3 Tage - seit 1991 hat sich die Verweildauer fast halbiert.

Herrscht also Pflegemangel in den Kliniken?
Vielfach ja. In der Pflege ist der Fachkräftemangel groß. Beispiel Berlin: 47.700 Pflege- und Pflegehilfskräfte fehlen laut Senat 2018. Nach Ansicht der Gewerkschaft Verdi haben die Kliniken es versäumt, nötige Stellen zu schaffen. Wegen schlechter Bezahlung wollten sich insgesamt - also in Kranken- und Altenpflege - zu wenige auf offene Stellen bewerben.

Wie spüren die Patienten die Lücken?
Oft bekommen sie Stress und Hektik auf Station zu spüren. Etwa wenn sie auf alltägliche Unterstützung bei Angelegenheiten wie Körperpflege oder Toilettengang lange warten müssen.

Ist Pflegemangel auch medizinisch riskant?
Ja. Es kommt auch immer wieder zu Behandlungsproblemen durch zu wenig Personal. Aktuelle anonyme Berichte über tatsächlich passierte Fälle zeigen dies: So wurden in einem Krankenhaus in der Chirurgie nicht sterile Instrumente eingesetzt. Bei einem Baby war in einem anderen Fall ein Beatmungsbeutel falsch zusammengesetzt. Und in einem weiteren Krankenhaus haben die OP-Pflegekräfte erst kurz vor der Operation von der Anästhesiepflege erfahren, dass der Patient eine Latexallergie hat - die bereits vorbereiteten Materialien mussten kurzerhand ausgetauscht werden.

Was fordern Kritiker?
Die Deutsche Stiftung Patientenschutz verlangt von der neuen Bundesregierung eine deutschlandweit verbindliche Personaluntergrenze für Pflegekräfte auf allen Stationen. "Es ist zynisch, dass wir heute ein System haben, in dem Ärzte Geld bringen und Pflege Geld kostet", sagt Vorstand Eugen Brysch. "Die Pflege fährt auf der letzten Rille." Harald Weinberg von der Partei "Die Linke" sagt: "Die Ursache des Pflegenotstands liegt in der Kommerzialisierung der Krankenhäuser, die seit fast 30 Jahren von allen Bundesregierungen vorangetrieben wird." Um Kosten zu senken, werde bei Pflegekräften und den Servicebereichen von Krankenhäusern brutal gespart.

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VideoZum Thema sprachen wir am 19. Januar 2018 mit dem Sozialwissenschaftler Prof. Stefan Sell.
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