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Den deutschen Rentenkassen geht es gut - aber nicht mehr sehr lange.
Die Rente ist sicher - so nicht zu halten
Deutschlands Altersversorgung zwischen Politikern und Experten
Die gute Finanzausstattung der Rentenversicherung dürfte nicht mehr allzulange anhalten, warnt die Deutsche Rentenversicherung Bund.
Damit erhöht sie die Spannung auf das Gesamtrentenkonzept von der deutschen Sozialministerin Andrea Nahles (SPD). Die Politikerin will eine doppelte Haltelinie: Das Rentenniveau soll längerfristig nicht zu stark sinken, die Rentenbeiträge sollen nicht zu stark steigen. Ein Prozentpunkt Rentenniveau mehr oder weniger entspricht laut Nahles etwa 6 Milliarden Euro. Dieses Verhältnis der Rente zum Durchschnittseinkommen liegt 2016 bei 48 Prozent und soll in den kommenden Jahren stark fallen - außer es werden Milliardenbeträge ausgegeben.

Ein weiteres Rentenprojekt, das noch vor der Bundestagswahl 2017 abgearbeitet werden soll, nämlich der Schutz von Geringverdienern vor Altersarmut, ist komplizierter, als sich Nahles das zunächst wohl gedacht hatte. Zuschläge für Geringverdiener sind technisch sehr schwierig, daran ist schon Nahles-Vorgängerin Ursula von der Leyen (CDU) gescheitert. Nach Darstellung der Rentenversicherung funktioniert eine solche Besserstellung auch kaum über das Rentensystem, weil es sich eher um eine Fürsorgeleistung des Staates handle.

Experte will Rentenbeginn automatisch an Lebenserwartung koppeln
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Wie soll es mit der Rente weitergehen? Darüber streiten Politik und Fachleute.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) bekommt für seinen Vorstoß, den Rentenbeginn über 67 Jahre hinaus anzuheben, Unterstützung vom Rentenexperten Bernd Raffelhüschen. "Wer länger lebt kann doch nicht erwarten, dass er jeden Tag, den er länger lebt, vollständig in Rente verbringen kann", sagte der Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg. Der Rentenexperte forderte eine automatische Kopplung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung. Die von Arbeitgeberverbänden getragene Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft" schlägt ein konkretes Modell für die Koppelung von Lebenserwartung und Rentenalter vor. Danach sollen die Versicherten ein Drittel der gewonnen Lebenserwartung länger arbeiten und später in Rente gehen: "Ein Jahr mehr Lebenserwartung gleich vier Monate länger arbeiten und acht Monate mehr Rente." Schäuble hatte einen späteren Renteneinstieg ins Gespräch gebracht und war damit auf Widerspruch beim Koalitionspartner SPD gestoßen.

Raffelhüschen warnt davor, die Rente zu einem Thema im Bundestagswahlkampf zu machen. Die Rente sei durch eine Falschmeldung des WDR in die politische Auseinandersetzung getragen worden, sagte Raffelhüschen. Es sei eine "Ente", dass 50 Prozent der Alten von Armut bedroht seien. Nach seinen Berechnungen wird die Altersarmut von derzeit drei Prozent auf allenfalls fünf Prozent steigen. Von Armut bedroht seien nicht Alte, sondern Niedrigverdiener und ihre Kinder, betonte der Wissenschaftler. Raffelhüschen verteidigte in diesem Zusammenhang die private Zusatzvorsorge durch die Riester-Rente. Diese funktioniere "in vielen Facetten".

Der Freiburger Ökonom sprach sich angesichts der erhöhten Lebenserwartung für eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit aus: Die Menschen könnten "nicht davon ausgehen, dass sie jeden Tag, den sie länger leben, länger Rente beziehen können".

Viele würden eine Rente mit 70 gar nicht mehr erleben
Rentner © dpa Die Rentenreform nicht auf die lange Bank schieben.
Die Rentenreform nicht auf die lange Bank schieben.
Mehr als jeder Fünfte würde ein Rentenalter von 70 Jahren heute nicht erreichen. Das geht aus einer Datenauswertung hervor, die die Linken-Abgeordnete Sabine Zimmermann vor dem Hintergrund der Debatte über einen späteren Renteneintritt angestellt hat. Hunderttausende Menschen sterben vor dem Rentenalter. So waren mehr als 135.000 der in einem Jahr gestorbenen Menschen in Deutschland 65 Jahre oder jünger (16 Prozent aller Gestorbenen). Mehr als 185.000 waren 70 Jahre oder jünger (22 Prozent). Diese Zahlen des Statistischen Bundesamts beziehen sich auf das Jahr 2014. Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Frage Zimmermanns hervorgeht, starben von 2005 bis 2014 rund 1,4 Millionen Menschen (16 Prozent) vor Erreichen des 65. Lebensjahres.

Die Statistiken geben auch Hinweise darauf, dass vor allem Geringverdiener das Rentenalter nicht erreichen. Zu den häufigsten Todesursachen der 50- bis 75-Jährigen zählen Herzinfarkt, Magen- und Lungenkrebs. Das sind zugleich Krankheiten, unter denen Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status häufiger leiden als sozial Bessergestellte, wie aus einer Darstellung des Robert Koch-Instituts hervorgeht.

Der Rentenversicherung geht's gut - aber wie lange noch?

Die Kassen der Rentenversicherung sind ordentlich gefüllt. Die Konjunktur lief in den vergangenen Jahren so gut, dass trotz reduzierter Beiträge ein unerwartet gutes Rücklagenpolster von mehr als 30 Milliarden Euro aufgebaut werden konnte. Zugleich stiegen die Renten in den vergangen zehn Jahren schneller als die Preise. Es blieb in den Rentnertaschen etwas übrig.

Doch die Prognosen der Deutschen Rentenversicherung Bund warnen. Für die Rentner dürfte zwar der jährliche Zuschlag bis mindestens 2021 bei nominal zwei Prozent liegen. Die Rentenversicherung fährt inzwischen aber Defizite ein, Tendenz steigend. Bis 2021 schmilzt demnach das derzeit noch üppige Finanzpolster fast auf die gesetzliche Untergrenze von 0,2 Monatsausgaben oder knapp vier Milliarden Euro.

Das heißt wiederum, ab dem Zeitpunkt müssten die Beiträge steigen - nach Berechnungen der Rentenversicherung Bund von heute 18,7 um mehr als drei Prozentpunkte auf 21,8 Prozent vom Brutto. Das wäre ein historischer Spitzenwert. Er würde aber immer noch knapp unterhalb der bis dahin politisch festgelegten Obergrenze von 22 Prozent liegen.

Die Defizite werden auch hervorgerufen durch versicherungsfremde Leistungen wie die 6,5 Milliarden Euro für die Mütterrente, klagt die Rentenversicherung Bund. Käme jetzt auch noch ein weiteres Anerkennungsjahr dazu, wie dies die CSU verlangt, das nicht steuerfinanziert wäre, würden die Rücklagen noch schneller schmelzen.

Die im Koalitionsvertrag geplante Ost-West-Rentenangleichung wird also schwierig: Wer bezahlt den Übergang und wer bezahlt vor allem danach die jährlich knapp vier Milliarden Euro ab 2020? Die Rentenversicherung argumentiert wie Sozialministerin Andrea Nahles (SPD), das sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, also eine Angelegenheit des Finanzministers.

Wolfgang Schäuble (CDU) sperrt sich aber. Ins Gespräch gebracht wurde jetzt, die vier Milliarden über den Solidaritätszuschlag zu finanzieren, der im Jahr derzeit 13 Milliarden Euro bringt. Diese reine Bundessteuer könnte mit dem Auslaufen des Solidaritätspaktes 2019 eine neue Verwendung finden.

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