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Zahlreiche Höfe mussten aufgeben, weil die Milch günstiger ist als Wasser.
Das Sterben der Bauernhöfe
Viel zu günstige Milchpreise treiben Landwirte in den Ruin
Was für Verbraucher verlockend ist, wird für viele Landwirte immer bedrohlicher: Die Milchpreise kommen nicht aus dem Keller.
Durch die Überproduktion an Milch sind die Preise im Keller, Milchbauern können ihre Kosten nicht mehr decken. In zehn Jahren haben 40.000 Milchbetriebe aufgegeben. 23 bis 24 Cent bekommen deutsche Milcherzeuger im Schnitt derzeit noch für den Liter, in manchen Regionen sind es sogar weniger als 20 Cent. Dabei müssten es mindestens 30 oder 35 Cent sein, um keinen Verlust zu machen. Ohne ausreichende Reserven oder nach teuren Investitionen gehen da vielen Betrieben die flüssigen Mittel aus.

Der Bauernverband fordert, Molkereien müssten besser zu den Bauern rückkoppeln, welche Mengen zu vernünftigen Preisen absetzbar sind. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter und die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) rufen dagegen nach Bonus-Zahlungen, damit Milcherzeuger die Produktion drosseln. Das bekämen sie gut hin, indem sie weniger Kraftfutter geben oder Kälber mit frischer Kuhmilch füttern, heißt es bei der AbL.

Der Handel sagt, der Verbraucher könne es doch richten
Schnelle Lösungen für neue Mechanismen in der Milchkette sind vorerst nicht in Sicht - zumal der Markt ja mindestens europäisch ist. Die beteiligten Branchen will Deutschlands Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in die Pflicht nehmen, dazu einen Dialog aufzunehmen. Absprachen über einheitliche Mindestpreise dürfe es aber schon kartellrechtlich nicht geben, machte der Handel gleich klar.

Dabei stehen die Supermarktriesen mit ihrer großen Marktmacht besonders im Visier. Sie argumentieren, Kunden könnten aus einem breiten Angebot mit diversen Preisstufen wählen - im Kühlregal steht neben der 46-Cent-Milch auch Markenmilch für 99 Cent. Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisiert aber, der Aufpreis resultiere vor allem aus mehr Marketingkosten. "Landwirte erhalten fast immer die gleichen, niedrigen Auszahlungspreise."

Die Milch bringt's nicht - ein Gipfel sollte es richten

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Jetzt wird der Staat gemolken.
Die deutschen Milchbauern sollen angesichts drastisch gesunkener Preise Soforthilfen von 100 Millionen Euro bekommen. Das sagte Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) nach einem "Milchgipfel" mit Vertretern von Bauern, Molkereien und Handel. Die Maßnahmen im Einzelnen:

  • Branchendialog: Molkereien und Handel wollen helfen. Das könne ein längerer Weg werden, sagt Schmidt. Wer sich wann und mit wem trifft oder wann Ergebnisse vorliegen, werde noch entschieden. Ziel ist, den Milchüberschuss auf dem Markt zu drosseln.
  • Zuschuss zur Versicherung: Der Bund soll 2017 mindestens 78 Millionen Euro Beihilfe zahlen für die landwirtschaftliche Unfallversicherung. Solche Hilfen gibt es schon jetzt.
  • Steuerhilfen I: Den Bauern soll rückwirkend über drei Jahre die Möglichkeit einer "Gewinnglättung" gegeben werden: Sie können einen niedrigeren Gewinn ausweisen, damit sie weniger Steuern zahlen müssen. Der Minister geht von einem Umfang von 20 Millionen Euro pro Jahr aus.
  • Steuerhilfen II: Wenn ein Bauer Land verkaufen muss oder will, soll es auf den Erlös einen Freibetrag von 150.000 Euro geben. Bedingung: Das Land wird vom neuen Besitzer für mindestens drei Jahre landwirtschaftlich genutzt und der Erlös zum Beispiel zur Schuldentilgung verwendet. Auch hier geht Schmidt von einem Umfang von mindestens 20 Millionen Euro aus.
  • Geld von den Ländern: Was da genau kommt, will Schmidt noch mit den Länder-Agrarministern klären.
  • Geld von der EU: Deutschland verhandelt mit der EU über ein weiteres Liquiditätsprogramm. 2015 gab es 500 Millionen Euro für Europas Bauern, 70 Millionen gingen an Deutschland.
  • Bürgschaftsprogramme: Sind noch nicht versprochen, aber es wird darüber nachgedacht. Es geht darum, dass der Bund für die Bauern bürgt, damit sie weiterhin Kredite aufnehmen können.

Keine Obergrenze mehr in der Milchproduktion

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Gerade kleinere Betriebe werden sich ihre Marktnische suchen müssen.
Genutzt hat die EU-Milchquote wenig, doch ihr Ende weckt gerade bei Landwirten mit kleineren Höfen große Ängste um ihre Existenz. Die Milchquote sollte mit Obergrenzen für die Produktion eine Balance zwischen Angebot und Nachfrage herstellen. Doch statt die Einkommen der Milchbauern verlässlich zu stabilisieren, hätten die Preise für Rohmilch in den vergangenen 30 Jahren trotz der Quote um bis zu 20 Cent je Kilo geschwankt, heißt es aus dem deutschen Landwirtschaftsministerium. Viele Höfe verschwanden. So sank die Zahl der Milcherzeuger in Deutschland seit 1984 von 369.000 auf 77.000.

Der Trend wird zu größeren Betrieben gehen

"Die Quote ist ein Relikt einer Agrarpolitik der Vergangenheit", sagt der Vizepräsident des Bauernverbands, Udo Folgart. Nun bekämen die Betriebe mehr Entscheidungsfreiheit, könnten Ställe und Melkanlagen besser auslasten und ihre Fixkosten senken. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft sieht aber auch problematische Effekte, wenn mit der Quote die Strafzahlungen fürs Überschreiten des Limits entfallen. Damit verbillige es sich, wenn Betriebe noch stärker auf Expansion setzen und mehr Milchkühe anschaffen. Dies dürfte aber vor allem in Gegenden mit günstigen Weidebedingungen geschehen. Dagegen könnten etwa in den Mittelgebirgen viele Milchbauern aufgeben.

Kleine Betriebe müssten Nischen finden, auf Bioproduktion oder Direktvertrieb setzen, sagt Romuald Schaber vom Bundesverband deutscher Milchviehhalter. "Es wird vermutlich aber nicht für alle eine Lösung geben."

"Lange Täler und kurze Spitzen" beim Preis

Da es in Deutschland kaum noch Wachstumspotenzial gibt, richten sich die Hoffnungen auf den Export. Die weltweite Nachfrage nach Milch und Käse soll Prognosen zufolge stetig steigen. Doch jahrelang habe die Quote Europa gebunden, während die USA, Neuseeland oder Australien die Produktion ausweiteten, erläutert der Bauernverband: "Wenn die EU hier nicht mitspielt, wird sie am Ende von den weltweiten Märkten verdrängt." Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter warnt indes vor einer höheren Abhängigkeit vom Weltmarkt. Da nur relativ kleine Mengen global gehandelt werden, dürften die Preisschwankungen künftig heftiger werden - "mit langen Tälern und kurzen Spitzen".

"Letzte Zuckungen" der Quote waren in den vergangenen Tagen noch zu spüren, wie das Informations- und Forschungszentrum der Ernährungswirtschaft beobachtete. Um keine Strafzahlungen mehr zu riskieren, hätten manche Bauern die Produktion gedrosselt, indem sie Kühe schlachteten oder Futtermengen reduzierten.

Auf Hochleistung getrimmt
Rinder-Wahn
Über Jahrzehnte seien Kühe vor allem auf Milchleistung gezüchtet worden, sagt der Berliner Veterinärmediziner Prof. Holger Martens. Die Gesundheit sei dabei zu kurz gekommen.
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© dpaVideoFür Milchbauern wird es schwierig
Die Milchbauern rufen beim EU-Ministerrat um Hilfe: Sie stecken in der Krise, fürchten ob des niedrigen Milchpreises um die Existenz ihrer Betriebe und Höfe. (Beitrag vom 7. September 2015)
Hightech im Stall
Wellness für die Milchkuh
Eine Dauerüberwachung soll dafür sorgen, auch modernen Hochleistungskühen ein möglichst artgerechtes und gesundes Leben zu verschaffen.
Mediathek
VideoNur die Leistung zählt
Der Veterinär Prof. a.D. Holger Martens kritisiert, dass Milchbauern das Medikament Kexxtone einsetzen, damit Hochleistungskühe jahrelang Milch geben können. (Beitrag vom 23. August 2013)