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Mutter und Kind in Syrien © dpa Video
Flüchtlinge bringen ihre Traumata mit
Gezeichnet
Viele Flüchtlingskinder psychisch belastet
Ein Drittel der Flüchtlingskinder aus Syrien sind einer Studie zufolge psychisch belastet. Jedes fünfte Kind leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung.
"Dies ist die erste repräsentative Studie, die in dieser Größenordnung in Deutschland durchgeführt wurde", sagte der Müncher Sozialpädiatriker Prof. Volker Mall. Jedes Kind sei zweimal für jeweils drei Stunden von muttersprachlichen Ärzten und Psychologen untersucht worden.

"Gerade die posttraumatische Belastungsstörung ist eine große Herausforderung für uns", erklärte Mall. Die Studie zeige zudem, dass Flüchtlingskinder stärker an körperlichen Krankheiten leiden als andere Kinder in Deutschland. Dabei handele es sich oft um Karies, fehlende Impfungen und Atemwegserkrankungen.

"Hier fehlt ganz klar eine Willkommenskultur!"
Die Erlebnisse von Krieg und Folter in den Heimatländern und die oft monatelange Flucht nach Europa belasteten die Kinder in hohem Maße. Aber auch die Situation in Deutschland trage zur psychischen Belastung bei. Viele Kinder erlebten soziale Isolation und Diskriminierung. "Hier fehlt es ganz klar an einer Willkommenskultur in Deutschland", betonte Mall. "Ein großes Problem ist der lange Aufenthalt in Erstaufnahmeeinrichtungen. Viele Kinder bleiben 200 Tage in diesen Unterkünften - und das muss sich ändern!"

Der Mediziner plädierte dafür, den Flüchtlingskindern mehr Aufmerksamkeit zu widmen: "Kinder fallen an vielen Stellen durch die Netze. Wir fordern eine höhere Priorität der Versorgung von Familien mit Kindern." Dabei gehe es nicht um eine intensive psychotherapeutische Betreuung der Kinder. Stattdessen müsse es ein leicht zugängliches Beratungsangebot für Familien geben, um sie darüber zu informieren, an wen sie sich bei Problemen wenden können.

Keine Traumatherapie für Flüchtlingskinder
Minderjährige aus Kriegs- und Krisengebieten bekämen in Deutschland kaum Traumatherapien und andere gesundheitliche Leistungen. Wie Deutschland unbegleitete Flüchtlingskinder behandelt, sei "unzureichend", sagt Jörg Maywald vom Netzwerk zur Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland.

Mehr Rechte für minderjährige Flüchtlinge gefordert
Der Deutsche Caritasverband hat eine bessere Unterstützung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen angemahnt. Da sei die Politik gefordert, sagte Caritas-Präsident Peter Neher im Juni 2014. Schutzbedürftige Kinder, die in ihrem Heimatland und auf der Flucht Gewalt, Misshandlung oder Verfolgung erlebt hätten, müssten sich ohne ein vertrautes Familienmitglied in einem fremden Land zurechtfinden. "Dies ist für sie eine äußerst belastende Situation", so Neher. "Sie müssen so unterstützt werden, wie es für Jugendliche angemessen ist."

Neher spricht sich dafür aus, den betroffenen Kindern und Jugendlichen einen Vormund zur Seite zu stellen und sie in jugendgerechten Einrichtungen zu betreuen, statt sie in Gemeinschaftsunterkünften für Erwachsene unterzubringen. Zudem müsse die im Koalitionsvertrag vereinbarte Regelung umgehend umgesetzt werden, dass minderjährige Flüchtlinge zwischen dem 16. und 18. Geburtstag ausländerrechtlich nicht als Erwachsene behandelt würden und damit nicht mehr wie bisher alleine für den Asylantrag und das Asylverfahren zuständig seien, so der Caritas-Präsident.

8000 bis 10.000 sind ohne ihre Eltern geflohen
4500 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge sind nach Erkenntnissen von Fachleuten 2013 in Deutschland in Obhut genommen worden. Das waren ungefähr 200 mehr als im Vorjahr, wie Niels Espenhorst vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) sagte. Insgesamt lebten 8000 bis 10.000 Jungen und Mädchen in Deutschland, die viele Tausend Kilometer ohne Eltern und andere Verwandte auf dem Weg waren. "Wir fischen bei dieser Zahl aber im Trüben. Es gibt keine verlässliche Datengrundlage", sagte Espenhorst.

Die meisten unbegleiteten Kinder und Jugendlichen sind Afghanen und kommen über den Landweg in die Bundesrepublik. Viele von ihnen lebten mit ihren Familien bereits als Flüchtlinge im Iran. In einigen Regionen des Irans sei die Zeit des friedlichen Zusammenlebens jedoch vorbei und die Afghanen flüchteten weiter, berichtete Espenhorst.

Nach Afghanistan war Somalia das Land, aus dem 2013 die meisten jungen Flüchtlinge mutterseelenallein nach Deutschland kamen. Die Russische Föderation sei auch häufiger Herkunftsland gewesen, der Irak dagegen nur noch selten. "Syrien nimmt zu, aber erschreckend schwach. Dafür, dass da Millionen Menschen auf der Flucht sind - und auch einige hunderttausend unbegleitete Minderjährige - kommen nur ein paar hundert in Deutschland an", sagte Espenhorst. Dies zeuge von extrem schweren Fluchtbedingungen.

Bei der Aufnahme müsse das Kindeswohl der Flüchtlinge stärker im Mittelpunkt stehen, wie vom UN-Ausschuss für Kinderrechte und dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) angemahnt, sagte Espenhorst. Dazu gehöre etwa der bestmögliche Zugang zu medizinischer Versorgung und zu Bildung. "Nach und nach wächst das Verständnis dafür."

"Das Problem ist, dass unser System der Anerkennung einer Flüchtlingseigenschaft nicht mit den faktischen Integrationsleistungen der Jugendlichen mithält", kritisierte der Fachmann. "Die Jugendlichen, die in Deutschland bleiben wollen, die bleiben auch - unabhängig vom Aufenthaltstitel." Sie bekämen eine gewisse Förderung und nähmen diese in der Regel auch gut an. "Sie gehen relativ 'straight' durch das Bildungssystem durch, und sie finden in der Regel auch einen Job. Sie beißen sich irgendwie durch, weil sie es müssen, weil sie auch einen Leidensdruck haben." Auf einen legalen Aufenthaltsstatus müssten die Jungen und Mädchen dann aber oft Jahre oder Jahrzehnte warten.

Schwerpunkt
Flüchtlingskrise
Kein Tag vergeht zurzeit, an dem man nicht von Übergriffen und Anschlägen auf Flüchtlinge oder deren Unterkünfte in Deutschland hört.
Flüchtlinge integrieren
Willkommen!
Um Krieg oder Armut zu entkommen, sind Familien nach Deutschland gekommen und lernen in Willkommensklassen gemeinsam deutsche Worte und Grammatik.
Unicef-Studie
Benachteiligt
Flüchtlingskinder werden in Deutschland laut einer Studie des UN-Kinderhilfswerks (Unicef) benachteiligt, ihre Belange werden oft nicht beachtet.
Mediathek:
VideoKein Kontakt vorhanden
Die Angst vor Flüchtlingen ist in Deutschland hoch, was daran liege, dass die Menschen nicht mit ihnen in Kontakt kommen, sagt der Marburger Sozialpsychologe Prof. Ulrich Wagner. (Beitrag vom 17. Oktober 2013)
Kein Ende der Flucht
Letzte Hoffnung Europa
Die Flüchtlinge von Lampedusa werden kaum die letzten gewesen sein, die den Wunsch nach einem besseren Dasein in Europa mit dem Leben bezahlten.
Drama vor Lampedusa
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