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Näherinnen © dpa Video
In Bangladesch ist die Textilindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig
Wenige Standards
Prekäre Arbeitsbedingungen in der Textilbranche
Trotz des Einsturzes der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch im April 2013 mangelt es immer noch an der Sicherstellung sozialer und ökologischer Standards, betont Prof. Jörg Funder.
"Die Unternehmen stehen in der Verantwortung, sich selbst in die Wertschöpfungskette zu begeben und nachzusehen und kontinuierlich zu kontrollieren, wie die Textilien produziert werden", sagt der Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Worms. "Das ist letztendlich die Aufgabe des Herstellers." In der Textilbranche verpflichten sich vorrangig Nischenanbieter diesem Grundsatz. Großunternehmen arbeiten weiterhin mit komplexen Lieferstrukturen und kennen die Produktionsbedingungen häufig nicht.

Immerhin: Einige Dinge haben sich in Bangladesch zwischenzeitlich verbessert. Es gebe jetzt immerhin mehr Inspektoren, die Gebäude vor allem auf Feuerschutz und Standfestigkeit hin überprüften, sagte Sultan Ahmed von der Gewerkschaftsorganisation Bangladesch-Institut für Arbeitswissenschaften. "Es gibt Verbesserungen, aber wir haben noch eine riesige Wegstrecke vor uns. "Es sei positiv, dass nun der Mindestlohn von 28 auf 50 Euro pro Monat angehoben wurde", meint Ahmed. "Doch die Löhne waren über einen langen Zeitraum die niedrigsten weltweit. Selbst wenn sie jetzt einen großen Sprung gemacht haben, kann man nicht sagen, dass es ein fairer Lohn ist." Derzeit geschehe der Wandel dank des Drucks von außen - es sei aber fraglich, wie lange dieser aufrechterhalten werden könne.

Industrie und Politik haben Veränderungen angestoßen
Seit mehrere Unglücke in Bangladeschs Textilfabriken Auftraggeber und Konsumenten auf der ganzen Welt aufschreckten, steht die Branche unter Druck. Industrie und Politik reagierten, einiges hat sich verändert:

  • Mehr als 150 vor allem europäische Handelskonzerne haben ein rechtlich bindendes Abkommen für Feuer- und Gebäudesicherheit unterzeichnet. Zurzeit nehmen unabhängige Inspekteure deren 1600 Fabriken unter die Lupe. Die lokalen Unternehmer werden dann angewiesen, die Mängel zu beheben - finanziert von den Auftraggebern. Die Mitglieder des "Accord" verpflichten sich, nur bei von der Organisation geprüften Fabriken einzukaufen. Einige US-Konzerne haben ihr eigenes neues Kontrollsystem aufgebaut und sich im Alliance-Bündnis organisiert.
  • Die Gründung von Gewerkschaften wurde vereinfacht. Nun ist nicht mehr die Zustimmung der Fabrikbesitzer notwendig, die bislang die Liste der Gewerkschaftsmitglieder zur Unterzeichnung bekamen - und diese Arbeiter dann oft vor die Tür setzten. Allerdings sind noch immer weniger als fünf Prozent der Arbeiter gewerkschaftlich organisiert.
  • Der Mindestlohn wurde von umgerechnet 28 auf 50 Euro angehoben. Doch ein großer Teil der Erhöhung ging vielen gleich wieder verloren, weil die Mieten rund um die Fabriken sofort stiegen. Die "Asia Floor Wage Alliance" schätzt, dass eine Näherin für ein vernünftiges Auskommen 260 Euro im Monat brauchte.
  • Die internationalen Konzerne vergeben häufiger keine kurzfristigen Einzelaufträge an lokale Produzenten mehr, sondern arbeiten längerfristig mit ihnen zusammen. Sie sorgen sich um ihr Image, denn viele Konsumenten schauen nun genauer hin und fragen nach, unter welchen Bedingungen produziert wurde.

Für die Überlebenden der Katastrophe werde allerdings kaum gesorgt, weder von Regierungsseite noch den Auftraggebern, sagt Aminul Haq Amin von der Nationalen Textilarbeitervereinigung. "Viele der Opfer, die das Desaster überlebt haben, werden den Rest ihres Lebens auf Medikamente angewiesen sein. Und zu denen haben sie kaum Zugang."

Enschädigungen immer noch nicht gezahlt
Die internationale Gewerkschaft "IndustriAll" verlangte von den Unternehmen, die im Rana Plaza fertigen ließen, endlich ausreichend Entschädigungen zu zahlen. In den Treuhandfonds für die Opfer der Katastrophe sind noch immer nicht die benötigten 30 Millionen Euro eingegangen - mindestens 6 Millionen Euro fehlen noch. "Es ist schockierend, wie wenig getan wird", sagte Ineke Zeldenrust von der Kampagne für Saubere Kleidung. Marken wie Benetton, Adler Modemärkte und Carrefour hätten noch gar nichts in den Fond eingezahlt.

Auch die deutsche Bundesregierung hat die Textilbranche aufgefordert, die zugesagten Hilfen für den Entschädigungsfonds rasch einzuzahlen. "Noch immer warten Opfer und deren Angehörige auf Entschädigungszahlungen - auch von deutschen Firmen", kritisierte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) in Berlin.

Deutsche Bemühungen um Standards
Das von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufene "Bündnis für nachhaltige Textilwirtschaft" kann bislang kaum Erfolge vermelden. Lediglich 68 Mitglieder haben sich der Initiative angeschlossen, darunter vorrangig Interessengruppen, Vereine und Nischenhersteller. Die großen Textilunternehmen halten sich bedeckt. Zwar haben Unternehmen wie adidas und Aldi bei der Ausgestaltung des Bündnisses mitgewirkt, beigetreten sind sie aber nie. Das Bündnis will soziale Standards etablieren, für deren Einhaltung sich die Mitglieder verpflichten – keine Kinderarbeit, faire Löhne, verbesserte Sicherheit. Rechtliche Konsequenzen lassen sich aus dieser Selbstverpflichtung jedoch nicht ableiten.

Auch das deutsche Textilbündnis bleibt eine freiwillige Selbstverpflichtung und ist nicht verbindlich – eine Verpflichtung zur Entschädigung ergibt sich daraus beispielsweise nicht. Dass es auch anders geht, zeigt Frankreich. Hier soll in Kürze ein Gesetz verabschiedet werden, das international tätigen Firmen eine Sorgfaltspflicht auferlegt – auch ihren Zulieferern, Tochter- und Subunternehmen im Ausland gegenüber. Französische Firmen können dann haftbar gemacht werden, wenn Menschenrechte oder Umweltauflagen nicht erfüllt werden. In Deutschland ist ein solches Gesetz bisher nicht in Planung.

Bangladesch produziert meist für Europa und USA
Das schlimmste Fabrikunglück in der Geschichte Bangladeschs hatte sich im April 2013 ereignet: Ein Gebäude mit mehreren Nähfabriken war in sich zusammengefallen und hatte tausende Menschen unter sich begraben. 1100 kamen dabei ums Leben, 2500 wurden verletzt. Die meisten Opfer waren Frauen, die in den fünf Fabriken Kleidung nähten, zumeist für Europa und die USA. Wie viele Unternehmen im Rana Plaza produzieren, lässt sich kaum nachverfolgen. Mindestens 29 westliche Textilfirmen haben Aufträge vergeben - darunter große Hersteller wie "C&A", "KiK", Mango und Primark, aber auch deutsche Mittelständler wie NKD und Adler Modemärkte.

In dem Niedriglohnland ist die Textilindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig - und das wird wohl auch nach der Katastrophe so bleiben. "Der Export von Textilien wird weiter ansteigen, weil die Arbeitskosten hier so niedrig sind", sagt Atiqul Islam, Präsident des Verbandes der Textilproduzenten und -exporteure in Bangladesch. Die Zahlen geben ihm Recht: Im dritten Quartal 2013 stieg der Wert der Ausfuhren an Strick- und Webwaren um jeweils etwa ein Viertel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum an.

Mediathek
© apVideoRuf nach Veränderung
Ein Jahr nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch trommeln Gewerkschaften für weiteren Wandel in der Textilbranche des südasiatischen Landes. (nano-Beitrag vom 24. April 2014)
Mediathek: Interview
VideoStaub und Hoffnung
"Schockierender Weise hätte die Katastrophe von Rana Plaza tatsächlich verhindert werden können.", meint der Ethnologe Hasan Ashraf. (Interview vom 24. April 2014)
Ausbeutung in der Textilindustrie
Bangladesch in Italien
In den Fabriken der italienischen Textilhochburg Prato arbeiten zahlreiche Chinesen zu sehr niedrigen Löhnen und oft unter mangelhaften Sicherheitsstandards. (nano-Bericht vom 24. April 2014)
Mediathek
VideoTödliche Arbeit
Nach dem Einsturz einer Textilfabrik im April 2013 hat sich die Lage der Näherinnen in dem südasiatischen Land trotz Protesten nur wenig gebessert. (nano-Beitrag vom 19. Dezember 2013)