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Helfer füllt Mais ab Video
Kritiker warnen, die Entwicklungshilfe führe zu einer "Bettlermentalität".
Afrikaner wenden sich gegen Entwicklungshilfe
Kritiker: Hilfe stützt verbrecherische Regimes
Kritische Stimmen mehren sich, die die Entwicklungshilfe eher für einen Fluch als für einen Segen halten - auch in den Entwicklungsländern.
Nicht nur Diamanten oder Öl gelten als "Fluch Afrikas", die den Menschen Kriege, Kämpfe und Korruption bescheren. Auch die Entwicklungshilfe halten viele Experten für einen "noch schlimmeren Fluch". Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie namhafter Ökonomen, unter ihnen Ex-Weltbanker Simeon Djankow, heute Finanzminister Bulgariens. Den Menschen ginge es schlechter und die Demokratie leide, so verkürzt die Erkenntnis ihrer Untersuchung der Entwicklungshilfe in 108 Staaten zwischen 1960 und 1999.

"Hilfe ist wie Öl, sie erlaubt mächtigen Eliten, öffentliche Einnahmen zu veruntreuen", schrieb der Ökonom Paul Collier von der Universität Oxford. "Der verheerende Drang, Gutes zu tun, untergräbt die Entwicklung eines kompetenten, unbestechlichen Staatsapparats und unterstützt stattdessen Regimes, die raffgierig, faul und größenwahnsinnig sind", schrieb der Ex-Diplomat und Afrikakenner Volker Seitz in seinem Buch "Afrika wird arm regiert". Verteidiger der Entwicklungshilfe klagen über "Hilfs-Pessimismus", der aber wächst.

Noch kämpfen zwar Regierungen und Experten, unterstützt von Popstars wie Bono und Bob Geldorf für die Einhaltung von "Minimalzielen" für Entwicklungshilfe. Schließlich haben die Industrieländer früher einmal 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Dritte-Welt-Hilfe angepeilt. Inzwischen ist das Ziel so gut wie aufgegeben. Selbst weit bescheidenere Hilfszusagen - so vom G8-Gipfel im schottischen Gleneagles 2005 - sind, auch von Deutschland, bei weitem nicht erfüllt worden.

Der britische Ökonom Peter Bauer hatte schon vor Jahren bezweifelt, dass Gelder, Experten und guter Wille hilfreich seien. Sie dienten vielen Regierungen Afrikas nur dazu, "abstruse Ziele" zu verfolgen, die Korruption anzukurbeln und Investoren abzuschrecken.

In 50 Jahren Entwicklungshilfe flossen Schätzungen zufolge zwischen 500 Milliarden und zwei Billionen Dollar nach Afrika. Aber das Ergebnis scheint vielen niederschmetternd. Während vor allem asiatischen Entwicklungsländern ein rasanter Sprung nach vorne gelang, meist mit wenig Hilfen von außen, fiel Afrika immer weiter zurück. Auch die beeindruckenden Wachstumszahlen Afrikas in den letzten Jahren haben wesentlich die Entdeckung und bessere Ausbeutung der üppigen Rohstoffe zum Hintergrund - weniger eine solide Ökonomie.

Der kenianische Ökonom James Shikwati plädiert für eine radikale Abkehr des Konzepts der Entwicklungshilfe. Sie habe Afrika nur abhängig gemacht und Machtstrukturen verfestigt, von denen wenige profitierten. Die westliche "Hilfsindustrie" stärke lediglich tyrannische Herrscher und Korruption. Markt, freier Handel und Eigeninitiative würden erstickt, Bürokratie und Dirigismus gemästet. Ohne funktionierende Märkte, ohne demokratische, rechtsstaatliche Grundlagen könne es keine Entwicklung geben. Die Publizistin Akua Djanie warnte vor einer gefährlichen "Bettlermentalität", die drohe, die gesamte soziale Ordnung Afrikas zu durchdringen.

"Entwicklungshilfe produziert Inflation und Schulden"
Auch die Ökonomin Dambisa Moyo will "Markt statt Almosen", Hilfe hält sie für eine "tödliche Gefahr": Entwicklungshilfe sei die Wurzel vieler Übel Afrikas, eine Ursache dafür, dass es dem Kreislauf von Korruption, Krankheiten, Armut und Abhängigkeit noch immer nicht entkommen ist. "Entwicklungshilfe produziert Inflation, Schulden, Bürokratie und Korruption", sagte sie. Nur humanitäre Hilfe bei Katastrophen oder karitative Hilfe im Kampf gegen Krankheiten seien akzeptabel. Als Beispiel für die verheerenden Folgen von westlicher Hilfe zitiert Moyo gerne die Spenden von Moskitonetzen - die örtliche Netzhersteller in die Pleite treibe. In sehr viel größerem Ausmaß gelte diese Gefahr für die Lieferung von Lebensmitteln und Kleidung nach Afrika, die oft genug Kleinbauern und Handwerker vor Ort resignieren ließ. "Das fundamentale Problem ist, dass die Entwicklungshilfe keine Jobs geschaffen hat, sondern das Gegenteil bewirkte, sie zerstörte."

Afrikas Staaten benötigen nach Moyos Thesen vor allem Investitionen, die aber gebe es nur bei stabilen Verhältnissen. Das System der Entwicklungshilfe sei da ein Hemmnis. Innovationen und Fleiß würden in Empfängerländern nicht belohnt, Fehlverhalten nicht bestraft, so die streitbare Finanzexpertin. Eine Weltbank-Studie belege, dass 85 Prozent der Hilfsgelder fehlgeleitet würden. Tatsächlich bestreitet niemand, dass selbst die berüchtigten Diktatoren Afrikas von Idi Amin über Mobutu Sese Seko und Robert Mugabe sich auch an Hilfsgeldern bereicherten.

Dirk Messner vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik sieht die Entwicklungshilfe etwas differenzierter: "Entwicklung muss in den Ländern selbst initiiert und angestoßen werden, man kann von außen nur unterstützen", so Messner. "Insofern gebe ich Frau Moyo recht, wenn sie sagt die Länder selbst müssen Entwicklung in ihre eigenen Hände nehmen." In einer globalen, voneinander abhängigen Welt sei es aber "aberwitzig" zu glauben, Staaten könnten mit weniger Kooperation auskommen.

nano spezial
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