Montag bis Freitag 18.30 Uhr
Kalender
Juli 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
Broschüre gegen Genitalverstümmelung Video
Die "Multiplikatoren" werden juristisch, medizinisch und psychologisch geschult
Das Bewusstsein ändern
Migrantenvertreter kämpfen gegen Beschneidung
Das EU-Projekt "Change" will Migrantengruppen in Europa motivieren, sich für die Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung einsetzen.
In Hamburg soll das durch "Multiplikatoren" geschehen: Angesehene Personen aus Migrantengruppen, in denen weibliche Genitalverstümmelung weit verbreitet ist. Diese ausgebildeten Vertreter bieten dann Dialogveranstaltungen, Gespräche und Vorträge an, um in den Migrantenmilieus einen Bewusstseinswandel anzustoßen.

Weltweit mehr als 125 Millionen Frauen beschnitten
Video
Auch in Deutschland kämpfen Aktivisten gegen die Genitalverstümmelung
In Deutschland leben 24.000 von Genitalverstümmelung betroffene Frauen und 4000 bis 6000 gefährdete Mädchen, so die Organisation "Terre des Femmes". Viele Familien halten nach Angaben der Organisation auch in Deutschland noch an der Tradition fest. Sie lassen ihre Töchter bei einer Reise in ihr Herkunftsland beschneiden oder lassen eine Beschneiderin nach Deutschland kommen. In ganz Europa sind 500.000 Mädchen und Frauen betroffen, 180.000 Mädchen sind nach Angaben der Weltgesundheits-Organisation (WHO) gefährdet.

Das Thema ist vielen deutschen Ärzten unbekannt
Viele Ärzte in Deutschland sind nur unzureichend auf die Behandlung von Frauen mit verstümmelten Genitalien vorbereitet. Einer Studie der Münchner Universitätsklinik zufolge machten eine Mehrheit von ihnen negative Erfahrungen im Gesundheitswesen, wie die "Apotheken Umschau" berichtete. Viele Mediziner in Deutschland könnten sich nicht vorstellen, dass es weibliche Beschneidung hierzulande gebe, so der Direktor der Klinik für Frauenheilkunde in München-Großhadern, Klaus Friese. Trotzdem behandelte fast jeder zweite von 500 befragten Frauenärzten bereits einmal eine beschnittene Frau, wie eine Umfrage von Unicef, Terre des Femmes und dem Berufsverband der Frauenärzte ergab.

Weltweit leben nach Angaben der WHO mehr als 125 Millionen Mädchen und Frauen, die an ihren Genitalien verstümmelt wurden. Jährlich kommen laut UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) drei Millionen dazu. Oft findet der Eingriff ohne Betäubung und unter unhygienischen Bedingungen statt. Viele Opfer leiden ihr ganzes Leben lang unter den psychischen und körperlichen Folgen der Beschneidungen, die nicht selten mit Glasscherben, stumpfen Rasierklingen oder Teilen von Blechdosen vorgenommen werden.

Der Brauch wird noch in 35 Ländern praktiziert
Betroffen sind vor allem Mädchen und Frauen in meist muslimischen Ländern West- und Nordostafrikas, wo die traditionelle Beschneidung Mädchen auf ihre Rolle als Frau und Mutter vorbereiten soll. Auch im Nordirak, Jemen und Oman sowie einigen asiatischen Staaten ist die Praktik verbreitet. Nach Angaben von Rüdiger Nehbergs Hilfsorganisation "Target" wird der 5000 Jahre alte Brauch noch in 35 Ländern praktiziert.

Es gibt verschiedene Formen der Genitalverstümmelung, die unterschiedlich schmerzhaft und gesundheitsschädlich sind. Die WHO unterscheidet diese vier Typen:

  • Typ I - Klitoridektomie: Die äußere Klitoris und/oder die Klitorisvorhaut werden teilweise oder vollständig entfernt.
  • Typ II - Exzision: Die äußere Klitoris und die kleinen Schamlippen werden teilweise oder ganz entfernt.
  • Typ III - Infibulation: Die kleinen und/oder die großen Schamlippen werden teilweise oder vollständig entfernt, mit oder ohne Entfernung der äußeren Klitoris. Durch das Zusammenheften oder Zusammennähen der Schamlippen wird die Vaginalöffnung verengt und es entsteht ein bedeckender, narbiger Hautverschluss.
  • Typ IV: Darunter fasst die WHO alle anderen schädigenden Eingriffe zusammen, die die weiblichen Genitalien verletzen und keinem medizinischen Zweck dienen. Dazu gehören Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Ausschaben, Ausbrennen oder Verätzen.

Operationstechnik verbessert Leben der Frauen
Ihre Behandlungstechnik könne die Schmerzen von genital verstümmelten Frauen lindern und ihnen sexuelles Lustempfinden zurückgeben, berichtete 2012 ein Forscherteam um den Franzosen Pierre Foldès. 35 Prozent der Frauen, die zuvor niemals einen Orgasmus hatten, erlebten nach einer Klitoris-Operation regelmäßig oder zumindest eingeschränkt Höhepunkte. Die Hälfte der Behandelte die vorher nur eingeschränkt Orgasmen hatte, hatte danach regelmäßige. Eine Verschlechterung trat nur bei sehr wenigen Patientinnen auf. Ein Großteil berichtete zudem über eine Verringerung von Schmerzen.

Foldès macht sich zunutze, dass die Klitoris zum größten Teil versteckt innerhalb des weiblichen Körpers liegt und bei einer Beschneidung in der Regel nur die äußerste Spitze verstümmelt wird. Bei der Operationstechnik wird ein Teil der im Unterleib versteckten Klitoris wieder herausgeholt.

Wesentlich komplizierter ist der Weg auf den Operationstisch. Die Opfer, die meist in ärmeren Ländern leben, hätten kaum Zugang zur wiederherstellenden Chirurgie, räumen die Forscher ein. Eingriffe, die das Leben der Frauen verbessern könnten, seien in Entwicklungsländern weiterhin nahezu unerschwinglich. In einigen Ländern klassifizieren Krankenkassen den Eingriff nicht einmal als medizinisch notwendig, sondern als "Schönheitsoperation". Zudem wird darauf hingewiesen, dass viele Frauen überhaupt nichts von möglichen Therapien wissen.

Link
Website des EU-Projekts "Change" (Englisch)
Genitalverstümmelung
Hilfe für die Opfer
Das "Desert Flower Center" im Berliner Stadtteil Zehlendorf bietet beschnittenen Frauen eine chirurgische und psychologische Rundumbetreuung.
Literatur
Foldès et al (2012) Reconstructive surgery after female genital mutilation: a prospective cohort study. Lancet vol 380 iss 9837, 134 - 141
Mediathek
VideoZum Thema sprachen wir am 25. November 2014 mit dem Gynäkologen Christoph Zerm.
Infografik
LupeVerbreitung der weiblichen Genitalverstümmelung in Afrika
Links
Deutsche Organisationen, die sich gegen die weibliche Genitalverstümmelung einsetzen
mehr zum Thema