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Die Themen der Sendung
22. Oktober 2014
  • Immer am Smartphone
Gewaltopfer Video
Bei Gewalttaten sind auch Männer in der Opferrolle und nicht immer Täter
Männer sind auch Opfer
Frauen richten auch Gewalt gegen ihre Männer
"Im öffentlichen Blick ist nur die Gewalt an Frauen", sagt der Sozialwissenschaftler Hans-Joachim Lenz. Doch dies widerspreche der Kriminalstatistik.
"Es ist auch gut, dass das Opfersein von Frauen öffentlich anerkannt wird, es ist aber schlecht, dass das Opfersein von Männern noch weiterhin verborgen bleibt." Die Auseinandersetzung mit männlichen Opfern sei heute etwa an dem Punkt, an dem sie in den 1980iger Jahren bei dem Thema Gewalt gegen Frauen war, sagt Lenz. Vom theoretischen Wissen, den empirischen Erkenntnissen und den politischen Handlungen sind sei man auf einem unterschiedlichen Stand als beim Thema Gewalt gegen Frauen.

"In unserer Kultur wird einem Mann seine Verletzbarkeit nicht zugestanden, sondern ein richtiger Mann, ein richtiger Kerl muss seine Verletzbarkeit wegstecken können", so Lenz. "Wenn er das, was ihm angetan wurde nach draußen bringt und zeigt, dann ist er Objekt von Stigmatisierungen und wird nicht anerkannt."

Dabei sind Männer einer Studie zufolge auch von häuslicher Gewalt durch Frauen betroffen. Die Gewaltaktivitäten von Frauen und Männern unterschieden sich jedoch erheblich, sagte der Männer- und Genderforscher Peter Döge . "Männer tendieren stärker zu körperlicher Gewalt, Frauen dagegen zu unsichtbarer verbaler Gewalt oder dazu, andere Menschen zu kontrollieren."

Umfrage vergleicht Gewalt von Männern und Frauen
Döge hat 2010 eine Umfrage durchgeführt, die die Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegeben hatte. Für die nach ihren Angaben bundesweit erstmalig geschlechtervergleichende Studie wurden 1470 Männer und 970 Frauen befragt. Häusliche Gewalt sei kein ausschließliches Männerthema, sagte Döge, der Politikwissenschaftler in Kassel ist. Insgesamt übten 30 Prozent aller Männer und Frauen Gewalt aus.

Der theologische Vorsitzende der EKD-Männerarbeit, Heinz-Georg Ackermeier, erklärte, die von Männern häufiger verübten körperlichen Angriffe wie Tritte, Faustschläge oder Bedrohung mit einer Waffe sollten dabei nicht verharmlost werden. Die Studie wolle den emotional hoch aufgeladenen öffentlichen Diskurs um Gewalt und Geschlecht versachlichen und zur Gewaltprävention beitragen.

Die Leiterin des Verbandes "Evangelische Frauen in Deutschland", Beate Blatz, sagte in der Auseinandersetzung um die Frage nach Opfern und Tätern häuslicher Gewalt müsse klar definiert werden, um welche Art von Gewalt es sich handele. So könnten zum Beispiel massive körperliche Bedrohungen nicht mit Anschreien gleichgesetzt werden.

"Wir streiten nicht ab, dass auch Männer Opfer von Gewalt sind", sagte Blatz weiter. In den meisten Fällen handele es sich dann aber um Gewalt unter Männern. Dieser binnengeschlechtliche Aspekt müsse berücksichtigt werden, um mit dem Problem präventiv umzugehen.

Berlin: Frauen schlagen öfter ihre Männer
Immer mehr häusliche Gewalt geht in Berlin von Frauen aus. Im vergangenen Jahr fiel fast jeder vierte Tatverdacht auf eine Frau (24,7 Prozent), fünf Jahre zuvor war es nur gut jeder fünfte gewesen (21,2 Prozent). Das geht aus der Kriminalstatistik 2011 hervor. Die Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG) gibt zu bedenken, dass prügelnde Männer oft aus Wut ihre Frauen im Gegenzug anzeigten, wenn die Polizei vor der Tür stehe. So würde das eigentliche Opfer plötzlich zum Täter gemacht.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 10.532 Tatverdächtige sowie 12.957 Opfer registriert - rund drei Viertel der Misshandelten waren Frauen. Das Dunkelfeld dürfte jedoch sehr viel größer sein. Viele Opfer - Frauen wie Männer - trauen sich trotz oft jahrelanger Gewalt nicht zur Polizei.

Die Gesamtzahl der Fälle häuslicher Gewalt ist seit Jahren nahezu unverändert. 2011 zählte die Polizei 16.108 solcher Delikte. Dass es zehn Jahre zuvor nur 7552 Fälle waren, hat nach Angaben der Behörde mit einer heute besseren Sensibilisierung der Beamten zu tun.

Das Gros bei häuslicher Gewalt machen Körperverletzungen aus - 2011 waren es 8839 Fälle. In den anderen Fällen ging es um Delikte wie Nötigung, Vergewaltigung oder auch um Mord und Totschlag. Lösen sich Opfer von ihren Peinigern, ist die Gefahr Experten zufolge aber nicht gebannt. Für Frauen steige bei Trennungen das Risiko enorm an, dass die Gewalt gegen sie erst recht eskaliere, sagt BIG-Geschäftsführerin Patricia Schneider. "Studien zeigen, die Gefahr ermordet zu werden, ist dann fünfmal so groß."

Kulturelle Hintergründe spielen oft eine Rolle
2011 wurden in Deutschland laut Statistik 154 Frauen von ihren aktuellen oder ehemaligen Lebenspartnern umgebracht. In Berlin gab es insgesamt vier vollendete und acht versuchte Tötungsdelikte. Anfang Juni 2012 sorgte in Kreuzberg der Fall einer von ihrem Mann enthaupteten Türkin für Entsetzen. Der Mann soll seine Partnerin Jahre zuvor misshandelt haben.

Etwa die Hälfte der Tatverdächtigen ist zwischen 30 und 49 Jahren alt. Experten zufolge spielen kulturelle Hintergründe bei den Taten oft eine Rolle - vor allem wenn Männer ihre Frauen schlagen. Gut ein Drittel hat keinen deutschen Pass, die meisten davon - rund ein Drittel - haben türkische Wurzeln.

Als probates Mittel setzen Politik und Polizei auf den sogenannten Platzverweis für prügelnde Partner, der in Berlin nach einer Probephase Mitte 2002 eingeführt wurde. Darunter fallen etwa Wegweisungen, Betretungsverbote sowie Kontaktverbote. Zuletzt kamen diese Maßnahmen aber immer seltener zum Einsatz. Waren es 2007 noch 2408 Verweise, gab es im vergangenem Jahr nur noch 2011.

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