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Millionen Menschen hungern, weil das Geschäft mit der Nahrung boomt
Zocken mit Getreide
Auswirkungen der Spekulation sind umstritten
Man müsse die Spekulationen mit Lebensmitteln beschränken", fordert Dr. Thilo Bode von der Organisation "Foodwatch". Jetzt würden die Preise für Nahrung in die Höhe getrieben.
Dann hätten Spekulanten "nicht die Marktmacht, um die Preise nach oben oder unten zu bewegen". Mit ihren Wetten machten sich Banken "mitschuldig am Hunger in der Welt", erklärt "Foodwatch". Einige Banken verkünden ihren Ausstieg aus dem Handel mit Agrarrohstoffen, andere bestreiten einen Zusammenhang mit dem Hunger von fast einer Milliarde Menschen weltweit.

Auch die UN-Ernährungsorganisation (FAO) und das Bundeslandwirtschaftsministerium führen die stärkeren Agrarpreisschwankungen zum Teil auf Finanzmarkt-Aktivitäten zurück. Braßel beklagt eine "völlig überzogene Spekulation" mit Rohstoffen, die allein auf die Mehrung des Finanzvermögens abziele, aber mit der Landwirtschaft nichts mehr zu tun habe. Ein Grund sei die Liberalisierung der Finanzmärkte um die Jahrtausendwende. Die Hilfswerke fordern eine Regulierung. Entwicklungsminister Dirk Niebel möchte wenigstens den Handel mit Agrarrohstoffen auf die Börsen beschränken: "Damit Transparenz hergestellt wird."

Der Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH, Thorsten Polleit, hält Einflüsse des Finanzmarkts auf Lebensmittelpreise für gegeben, die man allerdings nicht überbewerten dürfe. "Die Kernursache sehe ich nicht im Handel mit Agrarrohstoffen, sondern in der inflationären Geldpolitik diesseits und jenseits des Atlantiks", sagt Polleit, der auch Honorarprofessor an der privaten Hochschule "Frankfurt School of Finance & Management" ist. Zur Bekämpfung der Finanzkrise weiteten die Zentralbanken die Geldmenge zu stark aus und spülten zuviel Liquidität in die Wirtschaft.

Diese "zerstörerische Politik" führe zu Inflation. Investoren suchten daher Anlagen, die vor Geldentwertung geschützt seien. Da böten sich Metalle oder Agrarrohstoffe an. "So unliebsam ein kurzfristiger Preisauftrieb durch Überschussliquidität ist, er regt natürlich eine Ausweitung der Produktion an", ist Polleit überzeugt. Dann würden langfristig die Preise auch wieder sinken. Eine Regulierung des Finanzmarkts lehnt er ab: "Ich stehe jeder Art von staatlichem Eingreifen in das Marktgeschehen skeptisch gegenüber."

Broker und Ökonomen sind sich nicht einig
Ob die Spekulation mit Agrarprodukten zum Preisanstieg beiträgt, ist in der Branche umstritten. Einige Broker und Ökonomen bestreiten dies. Andere betonen, dass die zusätzliche Nachfrage von Börsianern nach Weizenkontrakten kurzfristig die Teuerung anheizt, weil zum Beispiel Getreidehändler ihre Waren horten. Für Hilfswerke wie Oxfam ist klar: "Zocken mit Agrarrohstoffen ist unverantwortlich und gefährdet die Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln."

Zwar sei die Spekulation nicht die Ursache des Hungers, räumt der Oxfam-Agrarexperte Frank Braßel ein. Aber sie verstärke die Preissprünge, wie jetzt, wo in den USA eine große Dürre herrsche. "Und das kann schon für Millionen Menschen Hunger bedeuten." Braßel denkt an die Armen in Afrika, die auf Weizen-Einfuhren angewiesen sind. Wenn Familien 80 Prozent ihres Einkommens für Essen ausgeben müssten, könnten sie einen Preisanstieg um 30 oder 50 Prozent wie derzeit kaum verkraften.

Einige Banken beenden die Lebensmittelspekulation
Neben der Landesbank Baden-Württemberg und der Deka-Bank hat sich unter anderem die Commerzbank vom Handel mit Finanzanlagen in Agrarrohstoffen verabschiedet, ohne jedoch Gründe zu nennen. An einer Diskussion über Spekulation, Preisanstieg und Hunger wolle sich die Commerzbank nicht beteiligen, sagte ein Unternehmenssprecher. Da müsse erst noch mehr Forschung ins Land gehen.

Die Commerzbank galt nicht als großer Player im Agrarhandel. Das sind in Deutschland vor allem der Versicherungskonzern Allianz, der 6,2 Milliarden Euro in Agrarrohstoffen verwaltet, und die Deutsche Bank, deren Agrar-Investments ähnlich hoch geschätzt werden. Die Deutsche Bank sagte eine Prüfung zu und will vorerst keine neuen Finanzprodukte zu Lebensmitteln herausgeben.

Die Allianz verteidigt dagegen ihre Geschäftspolitik im Agrarhandel. "Wir sagen, dass es falsch ist, aus dem Markt zu gehen", erklärt Firmensprecher Nicolai Tewes. Termingeschäfte (Futures) bildeten die erwartete Preisentwicklung ab und versorgten die Agrarbranche mit Kapital. Ohnehin sei kein Geld von Versicherten in solchen Finanzprodukten angelegt, sagt Tewes.

Die Kunden für Vermögensanlagen sind nach seinen Worten vorwiegend institutionelle Anleger wie Pensionsfonds. Sie seien nicht an kurzfristigen Gewinnmitnahmen interessiert, sondern an langfristigen stabilen Erträgen. Agrarrohstoffe machten nur einen winzigen Teil am Portfolio aus. Gegen eine stärkere Regulierung würde sich der Konzern nicht sperren. Die Allianz werde "alles unterstützen, was die Manipulation von Preisen unterbindet", sagt Tewes.

In über 60 Prozent der USA herrscht Dürre
Die seit Wochen anhaltende Dürre hat sich in einigen der größten landwirtschaftlich geprägten US-Staaten noch ausgeweitet. Wie aus einem am 23. August 2012 vorgestellten Bericht hervorgeht, herrscht inzwischen in mehr als zwei Dritteln von Iowa, dem größten Maisanbaugebiet der USA, eine extreme oder außergewöhnliche Dürre. Der Wert stieg um über fünf Prozent auf 67,5 Prozent im Vergleich zur Vorwoche.

Wegen der Dürre in den USA wächst die Sorge, dass weltweit die Nahrungsmittelpreise noch weiter steigen könnten. Das US-Landwirtschaftsministerium senkte schon zwei Mal seine Prognose für die diesjährige Mais- und Soja-Ernte. In mehr als 63 Prozent des Gebiets der USA ohne Alaska und Hawaii herrscht Dürre, in mehr als sechs Prozent gilt die Trockenheit als außergewöhnlich oder extrem.

Im Mittleren Westen der USA haben Bauern inzwischen dort mit der Mais-Ernte begonnen, wo die Pflanzen den Sommer überstanden haben. Viele Farmer mussten Vieh verkaufen, weil es kein Gras mehr für die Tiere gab und sie kein Geld für Futter hatten.

Mediathek
VideoGeschäft mit dem Hunger
Die Organisation "Foodwatch" kritisiert den spekulativen Finanzhandel mit Weizen, Mais und Soja. Die Geschäfte seien für den Anstieg der Getreidepreise mit verantwortlich. (Beitrag vom 24. August 2012)
Glossar
Marktwirtschaft
In der marktwirtschaftlichen Ordnung steuern die Preise die Produktion und den Absatz. Der Staat ermöglicht durch Rahmenbedingungen den Wettbewerb.
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VideoZum Thema sprachen wir am 24. August 2012 mit dem Wirtschaftswissenschaftler Hans-Heinrich Bass von der Hochschule Bremen.
Schummeln mit Kalorien
Hunger kleingerechnet
Es gibt nicht weniger Hungernde auf der Welt, wie die Vereinten Nationen behaupten, sagt Roman Herre vom "Food First Informations- und Aktions-Netzwerk" (Fian).
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