Schuleingang
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Die Möglichkeiten für inklusiven Unterricht sind von Schule zu Schule sehr unterschiedlich.
Einzeln fördern, zusammen zu lernen
Die schwierige Suche nach einem Konzept, das allen gerecht wird
Inklusion - das gemeinsame Lernen behinderter und nicht-behinderter Kinder - braucht individuelle Lösungen für jeden einzelnen Schüler.
Oberste Priorität müsse darum die Qualität der individuellen Förderung haben, forderte darum Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). "Inklusion ist nicht kostenneutral und nicht allein durch die Schließung von Förderschulen erreichbar", kritisierte er. "Wer gelingende Inklusion will, der muss investieren ohne Wenn und Aber."

Förderkurse oder individuelle Betreuung möglich
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Gute Förderung wird oft mit großen Lernfortschritten belohnt.
Vier verschiedene Modelle sind im Gespräch, wie die Inklusion von behinderten Kindern in Schulen erreicht werden könnte. So könnten in einem Modell Förderschüler nur bei einer guten Lernprognose in eine weiterführende Schule wechseln, Förderschulen blieben erhalten. Ein weitergehendes Modell sieht vor, dass behinderte und nichtbehinderte Schüler die selbe Schule besuchen, wo es dann spezielle Förderkurse gibt. Förderschüler könnten auch - so Modell 3 - einzeln im Unterricht betreut werden, getrennte Förderkurse würden dann entfallen. Das ambitionierteste Modell sieht "Inklusion im offenen Unterricht" vor - Schüler aus drei Jahrgangsstufen sollen dann in wechselnden, gemischten Gruppen lernen, in denen jeder einen individuellen Lehrplan verfolgt.

Umsetzung von Inklusion hinter Erwartungen zurück
Die Umsetzung der Inklusion in Deutschland bleibt auch fünf Jahre nach Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention hinter den Erwartungen zurück. Es bedürfe noch erheblicher Anstrengungen, bis das deutsche Schulrecht die Vorgaben zum gemeinsamen Unterricht für Kinder mit und ohne Behinderung hinreichend oder gar vollständig erfülle. So lautet der Tenor einer Studie der Monitoring-Stelle zur UN-Menschenrechtskonvention, die am 19. März 2014 zum Auftakt eines zweitägigen Unesco-Gipfels in Bonn vorgestellt wurde.

Laut der Studie ist in keinem der 16 Bundesländer ein abschließend entwickelter rechtlicher Rahmen erkennbar, der den Aufbau und den Unterhalt eines inklusiven Bildungssystems hinreichend gewährleisten könnte. Lediglich Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hätten inzwischen die Weichen auf rechtlicher Ebene gestellt, sagte Institutsleiter Valentin Aichele. In Baden-Württemberg, Berlin, Schleswig-Holstein und Thüringen seien Gesetze in Arbeit oder aber für die nähere Zukunft angekündigt. Jetzt seien die Landesregierungen und die Landesparlamente gefordert, meinte Aichele. Ohne klare rechtliche Vorgabe könne es keine tatsächliche Umgestaltung der Schule im Sinne der Konvention und damit zur Veränderung hin zu einer inklusiven Gesellschaft geben.

Pädagogen streiten über Sinn von Sonderschulen
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Forscher streiten noch über den richtigen Weg.
Der Berliner Pädagoge Prof. Bernd Ahrbeck ist für den Erhalt der Förderschulen: "Manche Kinder kommen mit ihren Beeinträchtigungen auf Sonderschulen besser zurecht." Doch: "Diese Kinder werden aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen", widersprich die Ludwigsburger Pädagogin Prof. Kerstin Merz-Atalik. Nach der UN-Behindertenkonvention, die in Deutschland im März 2009 in Kraft getreten ist, ist der Staat verpflichtet, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass Behinderte ohne Einschränkungen am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Dies gilt in besonderem Maß für das Bildungs- und Gesundheitswesen.

Psychologe beklagt fehlenden Realitätssinn
Der Psychologe Rainer Dollase hat die fehlende Praxiserfahrung bei der Einführung von gemeinsamem Unterricht behinderter und nicht behinderter Schüler an deutschen Regelschulen kritisiert. Allein das Reden über Inklusion und das Verwenden von Floskeln wie "Chancengleichheit", "Lernen ohne Diskriminierung" oder "leistungsorientierte Inklusionspädagogik" in Politik und Öffentlichkeit schaffe keine Realitäten, sagte Dollase. "Wer Inklusion will, muss auch sagen, wie es geht."

Er spricht sich für eine "sanfte Inklusion" aus und forderte, von dem Einzelfall des Kindes auszugehen. Nicht das Aufstülpen von Strukturen von oben nach unten sollte im Vordergrund stehen, sondern das Kind und seine Bedürfnisse: "Was braucht ein bestimmtes Kind, um eine Regelklasse besuchen zu können?"

Idealerweise sollten multiprofessionelle Teams die Lehrer unterstützen, "und die fehlen in Deutschland", mahnt Dollase. So leicht die Hürden in einer Schulklasse für ein Schulkind im Rollstuhl zu beseitigen seien, umso komplexer werde die Suche nach geeigneten Hilfsmitteln für Kinder mit einer geistigen Behinderung oder einer sozialen Entwicklungsverzögerung.

Behinderte und nicht-behinderte Kinder in Schulen
Lehrer hilft Schüler Die Einbindung behinderter Schüler ist verschieden weit gediehen
Die Einbindung behinderter Schüler ist verschieden weit gediehen
"Wir haben sehr mutmachende Ergebnisse", so Grundschulpädagogin Prof. Bärbel Kopp, die bei Schülern aus Inklusionsklassen Tests zum Lernfortschritt gemacht hat. "Wir können für die Grundschulkinder sagen, dass ein befürchteter Bremseffekt in der Leistungsentwicklung nicht belegt ist", so die Forscherin der Universität Erlangen-Nürnberg. Dies sei oftmals die Befürchtung von Eltern oder von Menschen, die wenig Erfahrung mit Inklusion hätten.

Auch wenn nach Meinung der Befürworter Inklusion nicht in erster Linie ein Gesetz, sondern eine Haltung ist, gibt es in Deutschland verschiedene Gesetze, die die Grundlagen für eine inklusive Gesellschaft bilden. Dazu zählen das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), das etwa den Bund verpflichtet, barrierefrei zu bauen, Landesgleichstellungsgesetze oder das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das Diskriminierungen in Arbeitswelt und Recht verbietet. Besondere Bedeutung für die Inklusion hat die 2006 verabschiedete UN-Behindertenrechtskonvention. Seit der Ratifizierung durch den Bundestag 2009 hat die Konvention den Rang eines Bundesgesetzes.

In Deutschland wird über Inklusion vor allem im Zusammenhang mit der Aufnahme behinderter Kinder in Regelschulen debattiert. Nach Auffassung der Befürworter kann jeder Schüler jederzeit und aus unterschiedlichen Gründen Schwierigkeiten beim Lernen haben. Es sei deshalb Aufgabe der Schule und der Lehrer, Hilfen und Mittel bereitzustellen. Gestritten wird dabei über die künftige Bedeutung der Sonder- und Förderschulen.

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VideoIm Gespräch: Marlis Tepe
Zum Thema Inklusion an Schulen sprachen wir am 5. September 2016 mit der Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft GEW.
Glossar
Inklusion
Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet dazu, die Inklusion voranzutreiben - die Einbeziehung behinderter Menschen in alle Bereiche der Gesellschaft von Geburt an.
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VideoStreitfall Inklusion
Die Inklusion führt über Wege, die dem einzelnen Schüler passen müssen.
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VideoVerschiedene Konzepte
Pädagogen debattieren, wie weitgehend inklusiver Unterricht sein kann
nano spezial: "Inklusion im Alltag"
Vielfalt leben
Behinderte Menschen mitten drin, als selbstverständlicher Teil des alltäglichen Lebens, ohne Barrieren - das ist Inklusion. Im Alltag gibt es solche Kontakte jedoch eher selten.