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Kinder sterben nicht nur durch unmittelbare Gewalt, auch durch Verwarlosung
Tod im Elternhaus
Deutsche Kinderhilfe: Jugendhilfe zu uneinheitlich
Jede Woche sterben in Deutschland im Schnitt drei Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung. Insgesamt sind 2011 auf diese Weise 146 Kinder ums Leben gekommen.
Das teilte der Chef des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, am 29. Mai 2012 in Berlin mit. Damit sei diese Zahl zwar im Vergleich zu 2010 um ein Fünftel gesunken. Ziercke mahnte aber: "Jedes betroffene Kind ist eines zu viel. Jeder Fall von Gewalt an Kindern ist eine Tragödie." 114 Todesopfer waren jünger als sechs Jahre.

Erst einen Tag zuvor war ein weiterer Fall bekannt geworden: In Baden-Württemberg starb ein Mädchen wenige Tage vor seinem zweiten Geburtstag. Das Kind sowie seine zwei Geschwister hatten die gesamte Nacht zum Pfingstsonntag und auch den Morgen alleine in der Wohnung verbracht. Als die Mutter nach Hause kam, war das Mädchen nach Polizeiangaben tot. Die Ursache ist noch nicht erklärt. Nach Angaben der Ermittler war das Kleinkind aber in einem verwahrlosten Zustand - die alleinerziehende Mutter sitzt in Untersuchungshaft.

"Kinder bleiben in schädlichen Strukturen"
Die Koblenzer Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann forderte, die Jugendämter finanziell besser auszustatten. "Das Budget richtete sich manchmal eben nicht danach, was die Kinder, die Familien vor Ort brauchen. Sondern das Budget richtet sich nach dem, was die kommunale Haushaltslage insgesamt überhaupt noch hergeben kann", kritisierte sie. Die Folge sei, dass Kinder manchmal in Strukturen blieben, die schädlich seien und sie sogar töten könnten.

Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, kritisierte, dass die 600 Jugendämter in Deutschland unterschiedlich arbeiteten. Es gebe keine einheitlichen Standards: "Es ist vollkommen unterschiedlich geregelt in München oder in Berlin oder in Bremen, wie Jugendhilfe funktioniert. So hängt es letztendlich vom Geburtsort eines Kindes ab, ob es gute Überlebenschancen hat wie in München, wo Fach- und Diagnosestandards eingeführt wurden, oder ob es geringe Überlebenschancen hat wie in Hamburg oder in Berlin, wo diese Standards nicht gegeben sind." Das System müsse reformiert werden.

Wie Ziercke weiter ausführte, verzeichnet die Statistik für das vergangene Jahr 72 Kinder unter 14 Jahren, die Opfer eines versuchten Mordes oder versuchten Totschlags wurden - das sind ein Viertel mehr als im Jahr davor. Seit 2002 wurden insgesamt 1935 Kinder vorsätzlich oder fahrlässig getötet: "Das heißt, im Durchschnitt kamen in Deutschland jährlich knapp 200 Kinder gewaltsam ums Leben."

Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfasste Zahl der körperlichen Misshandlung von Kindern ging im Jahresvergleich um sechs Prozent auf rund 4100 zurück - das waren also immer noch durchschnittlich elf Kinder pro Tag. Dagegen nahm der sexuelle Missbrauch von Kindern um knapp vier Prozent zu. "Über 14.000 Kinder wurden Opfer eines sexuellen Missbrauchs", sagte Ziercke. Zudem wurden 2011 täglich 17 Fälle im Bereich der Kinderpornografie gezählt. Die Statistik erfasst nur die Taten, die auch angezeigt werden. Das Dunkelfeld sei wesentlich größer, sagte der BKA-Chef.

Link
Zusammenfassung der Polizeilichen Kriminalitätsstatistik beim Bundeskriminalamt
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