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Die Themen der Sendung
27. November 2014
  • Digitale Geldbörse
  • Droge vom Hausarzt
Kraftwerk Video
Wie viel kostet der Ausstieg? Je nach Interesse gibt es eine andere Antwort
"Zahlen sollen die Bürger verunsichern"
Kosten des Atomausstiegs unterschiedlich beziffert
Die Zahlenschlacht um die Kosten des Atomausstiegs zeige, dass es Kräfte gebe, die die Atomkraft verteidigen wollten, so Stefan Braun.
Dies geschehe mit Argumenten wie teurerem Strom oder Steuererhöhungen, meint der Hauptstadtkorrespondent der "Süddeutschen Zeitung". Angst wolle man machen, so auch Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Der Bürger wird komplett verunsichert."

Man komme leicht zu den gewünschen Zahlen, so Ulrich Müller von "Lobby Control". Die Kosten überbetonen und Ausgleichs- und Entlastungswirkungen nicht berücksichtigen. So habe der einstige Umweltsenator Fritz Vahrenholt immer für Firmen gearbeitet, die mit der Atomindustrie verbunden gewesen seien - "ein Traum für PR-Leute". Jetzt arbeitet er für den großen Stromversorger RWE. Michael Fuchs (CDU) habe ebenfalls immer den Kraftwerksbetreibern nahe gestanden - und erzählt jetzt, dass der Atomausstieg teuer werde.

Kosten sollen 1,50 bis 70 Euro im Monat betragen
Um bis zu 70 Prozent könnten die Strompreise wegen der Atomwende steigen - oder um 70 Euro pro Monat und Haushalt, meldete "Bild am Sonntag" unter Berufung auf einen Energiekonzern. Die Deutsche Energieagentur kommt laut "Welt am Sonntag" auf 20 Prozent plus. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin hält dagegen eine ganz andere Zahl für plausibel: Für 1,50 Euro im Monat pro Haushalt sei die Energiewende zu haben. Dabei berief sich der frühere Bundesumweltminister und Verfechter eines Atomausstiegs bis 2015 sogar auf Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums. Dieses hatte Medienberichten zufolge die jährlichen Kosten des Energieumbaus auf drei Milliarden Euro beziffert. Trittin warf selbst den Taschenrechner an und rechnete dies auf 530 Milliarden Kilowattstunden Strom um. Macht 0,5 Cent je Kilowattstunde, wie Trittin im "Tagesspiegel am Sonntag" sagte: "Ich finde, das ist gut angelegtes Geld."

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Claudia Kemfert kommt auf 1,4 bis 1,6 Cent Aufpreis je Kilowattstunde bis 2020 und bis zu 20 Euro mehr pro Monat für einen vierköpfigen Haushalt. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) soll eine Spanne von 0,1 bis 0,9 Cent je Kilowattstunde genannt haben.

Regierungssprecher Steffen Seibert formulierte es zuletzt so: "Wie die Energiewende ablaufen wird, ist noch nicht klar. Also kann es jetzt keine belastbaren Zahlen geben."

Fünf oder zehn Jahre machen einen Unterschied
Die "Kosten der Energiewende" verteilen sich auf unterschiedliche Posten. Für den Strompreis entscheidend ist dabei, in welchem Mix Elektrizität in den nächsten Jahren erzeugt wird. Dabei geht es um Investitionskosten einerseits und um die eigentlichen Erzeugungskosten andererseits. Es ist also keine Nebensache, ob zum Beispiel die jüngeren deutschen Atomkraftwerke weitere fünf oder weitere zehn Jahre produzieren dürfen. Da sich die Regierung hier noch zu keine Entscheidung durchgerungen hat, bleibt in der Rechnung ein großes Fragezeichen.

Daraus ergeben sich auch Konsequenzen für den viel beschworenen Ausbau des deutschen Stromnetzes. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) rechnet mit 3600 Kilometern zusätzlicher Höchstspannungsleitungen, was die Deutsche Energieagentur mit einem Preisschild von zehn Milliarden Euro versehen hat. Der CDU-Wirtschaftspolitiker Joachim Pfeiffer, selbst Befürworter der Atomkraft, rechnet dagegen mit bis zu 50 Milliarden Euro für den Netzausbau.

Neben den höheren Strompreisen könnten auch die Belastungen für die öffentliche Hand steigen - und damit letztlich für den Steuerzahler. In ihrem Sechs-Punkte-Papier nennen Röttgen und Brüderle unter anderem ein fünf Milliarden Euro schweres KfW-Förderprogramm für Windparks auf hoher See. Allerdings geht es nur um verbilligte Kredite, die tatsächlichen Kosten dürften dagegen weit geringer ausfallen.

Zudem sprechen Brüderle und Röttgen davon, den Haushaltsposten für das Gebäudesanierungsprogramm dramatisch auf zwei Milliarden Euro jährlich aufzustocken - was mit der Abkehr vom Atomstrom eigentlich wenig zu tun hat. Eine weitere Milliarde Euro soll ab 2012 für den Effizienz- und Klimafonds zur Verfügung stehen, der sich bisher aus Zahlungen der Energieversorger speist. In die Forschung für moderne Energiespeicher und -netze wollen die Minister 500 Millionen Euro bis 2020 stecken.

Kosten des Atomausstiegs verunsichern Bürger
Ein Drittel der Deutschen ist nicht bereit, für atomenergiefreien Ökostrom mehr Geld zu zahlen. Wie eine Emnid-Umfrage im Auftrag der Kommunikationsberatung Ketchum Pleon in Düsseldorf weiter ergab, akzeptierten 39 Prozent einen Preisaufschlag von maximal 50 Euro im Jahr. 17 Prozent würden auch 100 Euro zahlen. Mehr als 100 Euro Aufschlag sind hingegen nur 9 Prozent der Bevölkerung bereit zu bezahlen, ergab die Umfrage. 60 Prozent der Befragten fürchten, dass die Kosten vollständig auf die Verbraucher umgelegt werden. Nahezu 80 Prozent erwarten eine Verteuerung von Produkten und Lebenshaltungskosten als Folge des Kurswechsels.

58 Prozent fühlen sich der Umfrage zufolge wegen der finanziellen Auswirkungen der Energiewende sehr verunsichert. Vor allen die Ostdeutschen wollen den Atomausstieg nicht um jeden Preis. Während 42 Prozent im Westen einen Abschied von der Atomkraft "auf jeden Fall" befürworten, spricht sich in Ostdeutschland nur gut jeder Fünfte (21 Prozent) rigoros dafür aus.

Eine knappe Mehrheit (51 Prozent) rechnet mit weiteren Folgen eines Umstiegs auf andere Energieformen, mit Einschränkungen ihrer Lebensqualität durch notwendige neue Strommasten und Windräder.

nano spezial
Was kostet der Ausbau des Stromnetzes?
Um aus der Atomenergie auszusteigen, muss Deutschland das Stromnetz ausbauen. 1300 Kilometer Hochspannungsleitungen müssen her.