Schlachtbetrieb © ap
VideoVideo
Die Kontrollen, ob wirklich jedes Tier richtig betäubt ist, sind im Massenbetrieb schwierig.
Unnötige Qualen
Verdacht der Tierquälerei: Razzia bei Fastfood-Lieferanten
Rinder, die sich beim Ausbluten noch bewegen - das zeigen erschreckende Bilder des Vereins Soko Tierschutz.
Bei einem Schlachthof in Baden-Württemberg, der auch die Fastfood-Kette McDonald's beliefert hat, gab es eine Razzia wegen Verdachts der Tierquälerei. Der Betrieb in Tauberbischofsheim gehört zur Firma OSI in Bayern. Die Staatsanwaltschaft hatte die Durchsuchung am 15. Februar angeordnet. Bis zur Schließung diese Woche wurden laut Landratsamt dort täglich rund 200 Rinder geschlachtet. McDonald's bezog nach eigenen Angaben rund 30 Prozent des Fleisches. Die Restaurantkette hat ebenso wie Tierrechtsaktivisten nach eigenen Angaben Strafanzeige gegen Verantwortliche des Schlachthofs gestellt. Auf dem Anwesen wurde nach Beweismitteln gesucht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Es gehe etwa um Geschäftsunterlagen und Videomaterial.

Der Schlachthof soll Aktivisten zufolge massiv gegen den Tierschutz verstoßen haben. Nach Sichtung der Filmaufnahmen aus dem Betrieb, hatten die Behörden die sofortige Schließung verfügt. OSI kündigte eine Untersuchung an: "Auch wenn wir das Videomaterial nicht gesehen haben, finden wir die Anschuldigungen beunruhigend und haben die Produktion im Schlachthof (...) vorübergehend gestoppt." Anlass der Schließung waren vom Verein Soko Tierschutz mit versteckten Kameras gedrehte Bilder, die am 14. Februar bei "Stern TV" zu sehen waren. Darauf ist zu sehen, dass sich Rinder beim Einstich in den Hals und beim Ausbluten bewegen - das hält der Vorsitzende Friedrich Mülln für einen Hinweis, dass sie nicht richtig betäubt sind. Ein McDonald's-Sprecher sagte: "Die uns vorgelegten Aufnahmen aus dem Schlachthof beinhalten auch aus unserer Sicht gravierende Verfehlungen." Diese seien nicht akzeptabel.

Sterben ohne richtige Betäubung lässt Tiere leiden
In Schlachtbetrieben sollten Mitarbeiter vor dem Schlachten bei jedem einzelnen Tier überprüfen, ob es richtig betäubt ist, findet der Tierarzt Prof. Klaus Troeger. "In dem Moment, in dem ich mit lebenden Tieren zu tun habe, kann ich nicht akzeptieren, dass ein gewisser - wenn auch sehr kleiner - Prozentsatz bei diesem Prozess erheblich oder fürchterlich gequält wird", sagt der ehemalige Leiter des Max-Rubner-Instituts. "Ich muss hundertprozentig kontrollieren, um dieses Tierschutzproblem im Griff zu haben. Aus diesem Grund reichen Stichproben definitiv nicht aus."

Er habe bei Schlachthofbesuchen drastische Dinge gesehen. "Ich habe einmal gesehen, wie ein Tier, das noch lebte, in den Brühbottich gelangt ist und dort einen riesen Schnelzer gemacht hat", so Troeger. Die Schlingkette sei durch die Gegend geflogen. "Ein Kollege hat in einer Enthaarungsmaschine ein Schwein schreien hören. Das war für mich auch eine Angelegenheit, die ich als Beruf oder Berufung empfunden habe, da etwas zu ändern."

Mehr als 500.000 Schlachtschweine werden in Deutschland jährlich unnötigerweise gequält, schätzt Troeger. Diese Tiere wurden nicht richtig betäubt und erleben das Verbrühen mit allen Sinnen. Zwar ließe sich eine automatische Kontrolle einrichten, doch dies ist bislang nicht vorgeschrieben. "Wenn man den Tierschutz bei der Fleischproduktionskette gewichten wollte, angefangen bei der Landwirtschaft über den Transport bis zur Schlachtung, so ist mein Eindruck, dass bei der Schlachtung die größten Defizite existieren", sagt Troeger.

Die Probleme entstehen durch Massenabfertigung

Das Mannheimer Fleischversorgungszentrum gilt als ein Vorzeigebetrieb, in dem nur 180 Tiere pro Stunde geschlachtet werden. In anderen Betrieben können es mehr als 1500 Tieren in der Stunde sein. "Wir haben einen automatisierten individuellen Zutrieb mit zwei Treibschildern, der die Tiere ohne menschliches Zutun stressfrei zutreibt", sagt Stefan Kampa vom Fleischversorgungszentrum Mannheim. "Man hört nichts, die Tiere kommen sehr stressarm zur Schlachtung und das ist unsere Stärke." Die Mitarbeiter des Zentrums betäuben die Tiere mit Kohlendioxid. Im Gegensatz zu Elektrobehandlung, bei der die Tiere häufig nicht betäubt seien, sei dies bei Kohlendioxid so gut wie immer der Fall, sagt Troeger.

Im Mannheimer Betrieb sei eine gewisse Kontrolle des Einzeltiers möglich, ob Betäubung und Entblutung richtig funktioniert haben, so Troeger. "Dort ist noch eine gewisse Zeit vorhanden, die das Tier letztlich braucht, bis es dann auch nach der Entblutung tot ist." Dort habe der Stecher Zeit.

In einem hochindustrialisierten Schlachtbetrieb sei das anders. Um ein Tier abzustechen, bleiben weniger als zwei Sekunden Zeit, wobei es passieren könne, dass der Stecher die großen Gefäße verfehlt, "oder gar einmal ein Tier übersieht und das Tier gar nicht sticht, dann sind diese Tiere am Schlachtband wieder wach. Es gibt definitiv kein Kontrollsystem, um diese Tiere vor dem Verbrühen im anschließenden Brühsystem zu retten: Sie laufen unkontrolliert dort hinein. Das ist absolut inakzeptabel."

Bolzenschussmethode für Rinder: Zu viele Fehlschüsse

"Bei Rindern wird mit einem Metallbolzen der Stirnknochen durchschossen und das Gehirn mechanisch partiell zerstört", sagt Troeger. "Diese Methode ist sehr gut und in Sekundenbruchteilen wirkungsvoll, wenn das Tier richtig getroffen wird." Doch bei sieben Prozent der Tiere sitze der Schuss nicht richtig, was mehr als 200.000 Tiere pro Jahr betreffe. "Es kommt auch dabei immer vor, dass Tiere zu diesem Zeitpunkt nicht optimal betäubt sind, dass also Reaktionen der Tiere auftreten, die darauf hindeuten, das zumindest ein teilweiser Wachzustand vorhanden ist", so Tröger. "Tiere ziehen seitlich mit dem Kopf hoch und man hat auch eine Lautäußerung."

Ein Behördenvertreter sieht das Problem nicht in der Methode selbst. Er sagt: "Wenn Leute das richtig können, dann ist das für Rinder die beste Methode. Das Problem ist aber, dass mittlerweile viele Menschen diese Arbeit machen, die nicht gut ausgebildet sind - das sind häufig Rumänische Schlachttrupps aus Scheinselbständigen, die nach sogenannten Kopfzahlen entlohnt werden. Also nach geschlachtetem Tier. Sie bekommen sehr wenig Geld für diese Arbeit, sind minderqualifiziert und teilweise ist das Tierschutzverständnis in anderen europäischen Ländern auch ein anderes. Die EU hat - weil man um das Problem mit den Fehlschüssen weiß - eine Kopffixierung vorgeschrieben, damit sich die Rinder dem Gerät nicht entziehen können und der Bolzenschuss genau angesetzt werden kann. Das funktioniert aber nur theoretisch! Rinder haben Angst, wenn sie in diese Kopffixierung kommen und bewegen sich dann erst recht. Diese Kopffixierung erfüllt also ihren Zweck überhaupt nicht."

Dennoch würden die Tiere auf eine Rohrbahn hochgezogen und hingen mit dem Kopf nach unten. "Es wird erst die Haut vorgeschnitten, dann werden die Tiere entblutet und es werden Gliedmaßen abgesetzt. Das Tier wird als Kreatur in diesen Betrieben nicht mehr wahrgenommen. Ich denke, dass sowohl seitens der Betriebe als auch seitens der dort tätigen Veterinäre viel Betriebsblindheit existiert." Gegenüber dem, was man täglich sehe, seien die Mitarbeiter abgestumpft. Auch die Öffentlichkeit übe keinen Druck aus, da die Verbraucher die Zusände nicht kennen.

Kastenstände
Leben zwischen Gittern
Zuchtsauen sind fast die Hälfte des Jahres in engen Kastenständen fixiert. Laut Gesetz sollen die Boxen 70 Zentimeter breit sein, aber viele Mäster halten sich nicht daran.
Schlachtmethoden
Sanfter Tod mit Helium
Schweine schlachten mit Helium - diese Methode hat der Veterinär Prof. Klaus Troeger als Alternative zum Schlachten mit Kohlendioxid entwickelt.
Trendwende nötig
Lust auf Fleisch mit fatalen Folgen
Jeder Deutsche verzehrt im Durschnitt 1100 Gramm Fleisch pro Woche und verbraucht damit 1800 Quadratmeter Ackerfläche. Das ist viel im Vergleich.