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Bioethanol aus Getreide ist nur nachhaltig, wenn dafür kein Wald gerodet wird
Insgesamt kaum sinnvoll
Biotreibstoffanbau in großem Stil belastet Umwelt
"Die Umweltbelastung durch Biotreibstoffe ist deutlich höher als bei fossilen Treibstoffen", sagt der Schweizer Umweltwissenschaftler Rainer Zah.
Zuckerrohr reduziert zwar den Ausstoß an Treibhausgasen um 60 Prozent und Palmöl um 40 Prozent. Brandrodung in Urwäldern, Maschinen, Dünger und Pestizide belasten die Umwelt aber 30 Prozent stärker als Benzin.

Der Anbau von Mais für Ethanol in den USA sorge dafür, dass weniger Nahrungs- und Futtermittel angebaut werden, die dann aus anderen Regionen importiert werden müssten, so Zah von der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa). Der Klimagewinn sei gering, die Umweltbelastung aber doppelt so hoch.

Die Artenvielfalt schwinde, der Boden wird überdüngt und versauert. Zudem setzt die Brandrodung große Mengen an Kohlendioxid, Ruß, Stickoxiden, Aerosolen und Dioxinen frei. Die extrem hohe Umweltbelastung durch in Europa produziertes Ethanol aus Roggen erkläre sich durch den niedrigen Ernteertrag. Es weise die mit Abstand schlechteste Ökobilanz aller untersuchten Biotreibstoffe auf. Die beste Ökobilanz gegenüber fossilen Treibstoffen habe dagegen die energetische Nutzung von Abfall, Reststoffen und Holz. Dabei entfielen hohe Umweltbelastungen aus der Rohstoff-Bereitstellung.

Zudem verringerten sich die Schadstoffemissionen aus der Abfallbeseitigung. Bei der Nutzung von Holz, etwa durch Vergasung, seien die Umweltauswirkungen bei der Rohstoff-Bereitstellung sehr gering. Die Forscher der Empa stellen weiter fest, dass sich die Umweltbelastungen der untersuchten Biotreibstoffe im Gegensatz zu jenen fossiler Treibstoffe durch gezielte Maßnahmen verringern ließen. So könnten strenge Zertifizierungsrichtlinien das Problem der Brandrodung von Regenwald mindern.

Klimaschutz reicher Länder vernichtet Regenwald
Ölpalme Lupe
Palmöl ist für den Regenwald kein Segen
"Die Ausweitung der Produktion von Palmöl ist einer der Hauptgründe der Regenwaldzerstörung in Südostasien. Es ist eines der umweltzerstörendsten Produkte dieses Planeten", sagt Simon Counsell, Direktor der britischen Regenwaldstiftung. Der tropische Regenwald auf Borneo, Heimat der Orang-Utans, und der Amazonas-Wald in Brasilien würden abgeholzt, um auf den Flächen Palmöl oder Soja-Öl zu produzieren, berichtet das Magazin "New Scientist". Allein im kleinen malaysischen Bundesstaat Sabah hat sich in den vergangenen 30 Jahren die Plantagenfläche nach offiziellen Statistiken verzwanzigfacht, in ganz Malaysia immerhin wuchs sie um den Faktor sechs. Das südostasiatische Land ist der weltweit größte Produzent und Exporteur des Rohstoffs, der sich in Lippenstiften, Speiseeis und unzähligen anderen Produkten findet. 2003 führte Malaysia mehr als 13 Millionen Tonnen Palmöl aus, im Wert von umgerechnet 4,1 Milliarden Euro. 3,9 Millionen Hektar umfassen die Plantagen - fast die Fläche der Schweiz.

Europäische Kommission will strengere Richtlinien
Zur Behebung solcher Probleme hat die Europäische Kommission Ende 2010 eine Reform der Biokraftstoffrichtlinie empfohlen. Bislang gelten Biokraftstoffe als klimafreundlich - und werden von der EU gefördert - wenn für ihren Anbau kein neuen Anbauflächen erschlossen werden. Aber diese Regelung greift zu kurz. "Wird aus deutschem Roggen Bioethanol hergestellt, fehlt der entsprechende Roggen für die Futtermittelproduktion", sagt Uwe Fritsche vom Öko Institut, einer der beratenden Experten der EU. "Jemand anders muss diesen Roggen produzieren, zusätzlich zu den Mengen, die bisher produziert wurden. Es wird irgendwo auf der Welt eine bestimmte Ackerfläche genutzt werden, um auch Roggen anzubauen. Und bei diesem Anbau irgendwo anders können eben Grasländer, die Kohlenstoff enthalten oder Wälder die Kohlenstoff enthalten umgewandelt werden in Ackerfläche. Dann entstehen Treibhausgasemissionen und die sind so hoch oder können so hoch sein, dass sie den Umweltvorteil, den Ethanol hätte aus Roggen, überkompensieren."

Zukünftig soll die EU solche Effekte berücksichtigen und so Bioethanol erstmals international vergleichbar machen. Deutsches Getreide wäre nur dann nachhaltig, wenn dafür anderswo keine Wälder gerodet würden.

Eine mögliche Lösung des Problems findet sich in der Ukraine. Dort liegen zwischen 5 und 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche brach, dort könnte Getreide angebaut werden, ohne dafür Wälder zu roden.

Auch könnten in Zukunft nachwachsende Rohstoffe viel intensiver genutzt werden. "Wir müssen generell wegkommen von dem Anbau von Bioenergieträgern, um sie dann zu verbrennen", erklärt Fritsche. "Wir sollten Biomasse anbauen um daraus stoffliche Nutzungen zu machen, zum Beispiel Zeitung lesen, Textilien, Kunststoffe ersetzen, die ja auch fossilen Ursprung haben. Und wenn diese Produkte dann ihre Nutzungsphase hinter sich haben und Abfall geworden sind, dann können wir daraus Energieträger machen. Bioenergieträger aus Rest- und Abfallstoffen."

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Angesichts des Chaos' bei dem neuen Bio-Sprit E10 suchen Bundesregierung und Benzinbranche nach Lösungen, wie die Verbraucher von dem Benzin überzeugt werden können.
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"Baut man Jatropha in Plantagen an, braucht man viel Wasser und hat die gleiche Situation wie bei vielen Energiepflanzen", so Rainer Zah.
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Raps-Diesel und Weizen-Benzin gluckern in deutschen Autotanks, denn Kraftstoffen müssen pflanzliche Anteile beigemischt werden.
Glossar
Biodiesel
Biodiesel wird vor allem aus Rapsöl in der EU und aus Ölpalmen in Südostasien hergestellt und ist normalem Dieselkraftstoff vergleichbar. Er macht den größten Teil (61 Prozent) des Biosprits Deutschlands aus.
Abgehoben
© reutersVerkehrsflugzeug erstmals mit Biotreibstoff geflogen
Zum ersten Mal ist ein Verkehrsflugzeug mit Biotreibstoff geflogen. Die britische Gesellschaft Virgin Atlantic nannte den knapp einstündigen Flug einer Boeing 747-400 von London nach Amsterdam am Sonntag, 24. Februar 2008 einen "Durchbruch bei der Suche nach einem klimafreundlichen Flugzeug-Treibstoff".