Frau schläft vor ihrem Computer © colourbox.de
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Griff für Griff in die Sucht: Jeder zweite Schlafmittelpatient kauft seine Tabletten ohne Rezept.
Schlaflos in Deutschland
Annähernd 1,2 Millionen Deutsche nehmen regelmäßig Schlafmittel
Der Anstieg von Schlafstörungen ist laut dem DAK-Gesundheitsreport 2017 alarmierend: Inzwischen schlafen 80 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland schlecht.
Um ganze 66 Prozent seien die Schlafstörungen bei Berufstätigen zwischen 35 und 65 Jahren seit 2010 angestiegen. Folgen seien Müdigkeit und Unkonzentriertheit bei der Arbeit sowie eine steigende Zahl von Fehltagen. Das geht aus dem Gesundheitsreport "Deutschland schläft schlecht - ein unterschätztes Problem" hervor, den die gesetzliche Krankenkasse am 15. März 2017 vorstellte. Bei der Befragung berichteten annähernd 80 Prozent der Erwerbstätigen von "Schlafproblemen". Angesichts dessen ist es verwunderlich, dass "nur" fast die Hälfte bei der Arbeit müde sei.

Jeder vierte Patient nimmt Schlafmittel länger als drei Jahre
Unter der besonders schweren Schlafstörung Insomnie, die mit Ein- und Durchschlafstörungen, schlechter Schlafqualität, Tagesmüdigkeit und Erschöpfung einhergeht, leide immer noch jeder zehnte Arbeitnehmer (9,4 Prozent). Frauen seien mit elf Prozent etwas häufiger davon betroffen als Männer mit acht Prozent.

Schlafstörungen sind häufig Folge oder Ursache von psychischen Störungen wie Depressionen und Angstzuständen. Mehr als jeder dritte Patient bekomme deshalb eine Psychotherapie, jeder zweite Medikamente. Im Vergleich zu 2010 nähmen heute fast doppelt so viele der 35- bis 65-jährigen Arbeitnehmer Schlafmittel. Jeder zweite kaufe dabei Schlafmittel ohne Rezept - und meist ohne ausreichende Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen. Fast jeder Vierte nehme Schlafmittel länger als drei Jahre.

Besonders für Ältere ist es einfach, an Schlafmittel zu kommen
Viele Hausärzte verschreiben Schlafmittel oft relativ unkritisch - als Hilfe für Menschen, die einfach keine Ruhe finden. Die Folge ist Abhängigkeit. "50 Prozent und mehr der Menschen über 65 Jahren bekommen von ihren Ärzten auf Dauer Schlafmittel verordnet", sagt der Pharmakologe Prof. Gerd Glaeske.

"Wir glauben, dass diese Arzneimittel verordnet werden, weil man teurere Mittel beispielsweise bei Demenzerkrankungen nicht einsetzen will", so Glaeske. "Schlafmittel sind sehr billig; man kann dadurch möglicherweise Pflege ersetzen - die Menschen werden beruhigt, wenn auch mit chemischen Mitteln." Ärzte verordneten diese Mittel, doch "auch Apotheker machen mit, denn sie wissen, wer diese Mittel bekommt und dass vor allem ältere Menschen diese Mittel dauerhaft in der Apotheke abholen", sagt der Pharmakologe.

Literatur
Der DAK-Gesundheitsreport 2017 "Deutschland schläft schlecht - ein unterschätztes Problem" (PDF)
Glossar
Schlafstörungen
Für Schlafstörungen sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) bisher 40 verschiedene Ursachen festgestellt worden.
Info
In der Schweiz leidet laut dem Bundesamt für Statistik jeder Vierte an Schlafstörungen. Nur fünf Prozent haben nie Probleme beim Ein- und Durchschlafen. (Befragung von 2012)

Auch jeder vierte Österreicher schläft nicht gut. Mehr als eine halbe Million Euro Schäden durch Schlafstörungen errechnete die österreichische Gesellschaft für Schlafmedizin.
Tipps zur Schlafhygiene
Riten und Regeln
"Einschlafrituale sind wichtig", sagt die Hamburger Schlafmedizinerin Dr. Britta Tiburtius. Es gebe einige Tipps, um gut und regelmäßig einzuschlafen.
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