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Michael Rhonheimer Video
Gar nicht auf dem Holzweg wähnt sich Geigenbauer Michael Rhonheimer
Pilze verhelfen Geigen zum Stradivari-Klang
Italienischer Geigenbauer nutzte geringe Holzdichte
Mit Pilzen ist ein Schweizer dem Klang einer Stradivari näher gekommen. Der Geigenbauer erreichte so eine geringe Holzdichte.
So stand sie auch Antonio Stradivari dank der "Kleinen Eiszeit" zur Verfügung Das teilte die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) mit. Ihrem Forscher Francis Schwarze hat den Holz zersetzenden Pilz Xylaria longipes eingesetzt, einen Erreger der Weißfäule. Die Pilze treiben ihre Fäden tief ins Holz vom Bergahorn und nagen die Zellwände an ganz bestimmten Stellen an. So verringern sie die Holzdichte, was deutlich besseres Klangeigenschaften garantiert.

Am "Swiss Innovation Forum" in Basel war im November 2008 zum ersten Mal eine Geige in der Öffentlichkeit zu sehen, bei der das speziell behandelte Holz verwendet wurde. "Sie hat eine sehr gute Ansprache, verfügt aber auch über ein enormes Volumen", sagte der Geigenbauer Michael Rhonheimer aus Baden im Aargau. Für ihn liege die Verbesserung durch das behandelte Holz klar auf der Hand.

Stradivari wusste allerdings nichts von Holz zersetzenden Pilzen. Er profitierte seinerzeit von der "Kleinen Eiszeit", die Europa von 1645 bis 1715 außergewöhnlich kalte Temperaturen brachte. Dadurch hatte das in dieser Zeit gewachsene Holz gleichmäßige dünne Jahresringe und eine relativ geringe Dichte - hervorragende Voraussetzungen für einen guten Klang.

Holz für Stradivaris wurde chemisch vorbehandelt
Pilz an Baum Lupe
Ein Pilz oder Chemie als Ursache für den Wohlklang
Die außergewöhnliche Klangqualität von Stradivari- und Guarneri-Geigen ist möglicherweise auf eine chemische Vorbehandlung des Holzes zurückzuführen. Dies schlossen 2006 Forscher aus einer Analyse von Holzproben der legendären Instrumente aus dem 18. Jahrhundert. Eine genauere Untersuchung der chemischen Behandlung könnte auch die Herstellung von Geigen heutzutage verbessern, so die Wissenschaftler. Joseph Nagyvary von der "Texas A&M University" und seine Mitarbeiter hatten für ihre Tests Proben des Ahornholzes einer von Antonio Stradivari (vermutlich 1644 bis 1737) konstruierten Geige und eines Cellos sowie einer Geige des Instrumentenbauers Giuseppe Guarneri del Gesù (1698 bis vermutlich 1745) untersucht. Die Proben waren bei Reparaturarbeiten angefallen.

Beim Vergleich mit anderen historischen Instrumenten aus Paris und London sowie aktueller Holzproben zeigte sich im Kernspinresonanz- und Infrarot-Spektrographen eine abweichende chemische Zusammensetzung im Holz der Meister-Geigen. Wodurch diese Unterschiede zustande kommen, konnten die Forscher noch nicht genau entschlüsseln. Die Unterschiede beruhten vermutlich auf einem regionalen Brauch der Holzkonservierung, der die mechanischen und akustischen Eigenschaften des Holzes beeinflusste, schreiben sie.

Die Chemie könne aber beim Geigenbau künftig möglicherweise eine größere Rolle spielen. Wenn ein Musiker mit seinem Bogen über die Saiten einer Violine streicht, versetzt er den hölzernen Klangkörper in Schwingungen. Aufbau und Stabilität des Holzes haben damit einen großen Einfluss auf den Klang des Instruments.

Mathematik auf den Spuren des Stradivari-Klangs
Auch Peter Greiner und der Physiker Heinrich Dünnwald wollen das Geheimnis der Stradivari gelüftet haben. Dazu schoben sie auch ein Exemplar in den Computer-Tomographen: Der besondere Klang stammt vom Resonanzkörper der Geige. Dieser verstärkt die Schwingungen der Saite, denn unser Ohr bevorzugt bestimmte Frequenzen, denen die Exemplare der teuren Geige schmeicheln: Die Geige verstärkt charakteristische Schwingungen besonders stark. Die Chladnyschen Klangfiguren geben ein Bild der Resonanzen bei verschiedenen Tonhöhen. Die legendären Amatis, Guarneris und Stradivaris haben die Knoten just da, wo auch die menschliche Stimme uns am gefälligsten erscheint.

Russische Wissenschaftler übertrugen bereits 1990 die einzigartigen Kenntnisse der italienischen Geigenbaumeister in die "moderne mathematisierte Sprache der Physik". An der ukrainischen Akademie der Wissenschaften in Charkow sei eine Geige gebaut worden, deren Klang sich mit den Instrumenten Stradivaris messen könne, berichtete seinerzeit die kommunistische Parteizeitung "Prawda". Den Wissenschaftlern der Akademie sei es Welt gelungen, die Frequenzstruktur der alten italienischen Geigen herzustellen.

"Es gibt kein Geheimnis um die Stradivari", sagt dagegen Jon Whiteley. Der Oxforder Museumskurator hat eine Ausstellung um die berühmte Geige zusammengetragen. Der italienische Geigenbauer Antonio Stradivari (1644-1737) habe dasselbe Tiroler Holz benutzt wie alle anderen Geigenbauer, und auch die Elemente der Öl-Politur waren gleich. "Allerdings hat er die Mischung ständig verändert" fügt der Kurator mit einem Augenzwinkern hinzu. Die Qualität und Funktion einer Stradivari bleibe unübertroffen - obwohl, oder gerade weil, sich die Geige "von allen Instrumenten am wenigsten verändert hat", sagte Whiteley.

Die Frage
"Was macht eine Stradivari so besonders?" (Harald Hotop, Lörrach)
Literatur
Nagyvary J et al (2006) Wood used by Stradivari and Guarneri. Nature 444: 565