Graffiti © reuters
Rebellierende Roboter - wahrscheinlich keine realistische Zukunftsvision.
Rebellierende Roboter - wahrscheinlich keine realistische Zukunftsvision.
Kluge Köpfe über schlaue Maschinen
Das Buch "Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?"
Die Meinung über Künstliche Intelligenz geht auch bei den besten Denkern weit auseinander. John Brockman hat sie zusammengebracht.
© Fischer
Jedes Jahr stellt Brockman, Herausgeber der Online-Zeitschrift "Edge", die "Edge-Frage" an namhafte Wissenschaftler. Zuletzt hieß es "What to think about machines that think?" - mit "Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?" eher plump ins Deutsche übertragen. Geantwortet hat eine schier unüberschaubare Masse von Forschern, zu den bekanntesten Köpfen zählen Daniel Dennett, Lawrence M. Krauss und Steven Pinker.

Was denken diese Denker über denkende Maschinen? Bei allen unterschiedlichen Positionen, die hier zum Vorschein kommen, kristallisiert sich zumindest eines heraus: Keiner der Beteiligten - und es sind wirklich verdammt viele - teilt die Horrorvisionen, die Hollywood regelmäßig ausspuckt. Eine von Maschinen versklavte Menschheit mag guten Stoff für einen Blockbuster hergeben, einen realistischen Blick in die Zukunft bieten Matrix und Terminator wohl kaum.

Das soll aber keinesfalls bedeuten, dass die befragten Forscher ein einstimmiges Loblied auf die Künstliche Intelligenz (KI) singen würden. Klar, die Künstliche Intelligenz ist ihrem Wesen nach nicht bösartig, schreibt der Physiker Max Tegmark in seinem Beitrag. "Aber ihre Ziele können eines Tages mit den menschlichen aufeinanderprallen. Menschen hassen im Allgemeinen keine Ameisen, aber wenn wir einen hydroelektrischen Damm bauen wollten und es dort einen Ameisenhügel gäbe, hätten die Ameisen Pech gehabt". Alles Quatsch, meint sein Kollege Frank Tipler: "Wir Menschen sind an eine sehr begrenzte Umwelt angepasst, eine dünne kugelförmige Schale aus Sauerstoff, die einen kleinen Planeten umgibt. Die KIs werden das gesamte Universum für ihre Ausbreitung zur Verfügung haben. Sie werden die Erde verlassen und niemals zurückblicken." Ähnlich sieht es der Nasa-Wissenschaftler Kevin P. Hand: KI-Wesen könnten die kosmische Version des Eigenbrötlers sein, der in einer Hütte im Wald lebt und sich einzig und allein seiner Gedankenwelt widmet.

Die Psychologin Susan Blackmore dagegen glaubt nicht daran, dass der Mensch die Kontrolle über die KI behalten kann, weil sie ähnlich wie ihr natürliches Vorbild eine eigene Evolution durchmachen wird. Gefahren durch die Anwendung der KI in der Rüstungsindustrie, Chancen durch Roboter-Ärzte - die Autoren beleuchten viele Seiten der Frage. Man ertappt sich oft beim Lesen, dass man einem der Beitragenden schon innerlich zugestimmt hat, dann kommt plötzlich jemand mit einem ganz neuen Argument um die Ecke, das alles über den Haufen wirft.

Ein Tropfen Wasser und der Pazifische Ozean
Nicht wenige der Beteiligten halten die Entwicklung Künstlicher Intelligenz schlicht für unmöglich oder zumindest für etwas, was erst in sehr ferner Zukunft realisiert werden kann. Der Physiker Lawrence M. Krauss rechnet vor: "Angesichts des gegenwärtigen Stromverbrauchs elektronischer Computer würde ein Computer mit der Speicher- und Verarbeitungskapazität des menschlichen Geistes mehr als zehn Terawatt Strom brauchen, was fast doppelt so viel wie der aktuelle Stromverbrauch der gesamten Menschheit ist." Noch bedeutender: Wir wissen bisher viel zu wenig über den menschlichen Geist um auch nur in die Nähe eines künstlichen Pendants zu kommen. Die meisten Psychologen und Philosophen sind sich einig, dass sich die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns grundlegend von der eines Computers unterscheidet. "Die Lücke zwischen unseren besten Computern und dem Gehirn eines Kindes ist die Lücke zwischen einem Tropfen Wasser und dem Pazifischen Ozean", sagt auch der Theoretische Physiker Carlo Rovelli.

Ist die ganze KI-Panik also einfach viel Lärm um nichts? Keinesfalls: "Die wirkliche Gefahr besteht nicht darin, dass Maschinen, die intelligenter als wir sind, unsere Rolle als Kapitäne unseres Schicksals an sich reißen. Die wirkliche Gefahr sind im Grunde unbedarfte Maschinen, denen eine Autorität eingeräumt wird, die weit über ihre Kompetenz hinausgeht", stellt der Philosoph Daniel Dennett fest.

Info
John Brockman (Hrsg.)
Was sollen wir von Künstlicher Intelligenz halten?
Die führenden Wissenschaftler unserer Zeit über intelligente Maschinen
Verlag: Fischer
ISBN: 978-3-596-29705-4
Erste Auflage 2017
Glossar
Künstliche Intelligenz
Als Teilgebiet der Informatik beschäftigt sich die künstliche Intelligenz damit, menschenähnliche Intelligenz nachzubilden. "Denkende Maschinen" sollen eigenständig Probleme lösen können.
Archiv: nano spezial
Robo sapiens
Ingolf Baur auf der Spur künstlicher Intelligenz: mit der Fähigkeit, selbständig aus Daten Schlüsse zu ziehen, wird diese Technik erwachsen. Das birgt Chancen und Risiken.
Wie jetzt?! Künstliche Intelligenz
Roboter sind dumm
"Es ist zu früh, um wirklich menschliche Intelligenz bei Robotern zu haben", meint der Berliner Informatiker Prof. Raul Rojas. "Intelligenz ist vielfältig."