meditierende Frau © colourbox.de
Meditation - eine Möglichkeit, den eigenen Geist zu "erforschen".
Meditation - eine Möglichkeit, den eigenen Geist zu "erforschen".
Jenseits des Selbst
Wolf Singer und Matthieu Ricard im Dialog
Ein Hirnforscher und ein Buddhist haben sich zu interessanten Gesprächen getroffen - und sie haben mehr gemeinsam, als viele denken.
© Suhrkamp
Nicht erst seit gestern hat die Hirn- und Bewusstseinsforschung das Thema Meditation entdeckt. Schon 2005 haben sich der Hirnforscher Wolf Singer und der buddhistische Mönch Matthieu Ricard erstmals zu einem Gespräch getroffen. Auch andere Forscher, die sich dem Phänomen Bewusstsein verschrieben haben, haben auffällig oft ein Faible für die Meditation. Nach der Lektüre von "Jenseits des Selbst" bekommt man eine Ahnung, woher diese Affinität kommt. Meditation erschöpft sich mitnichten in "Entspannung", muss auch keinesfalls religiös oder esoterisch motiviert sein. Sie lässt sich auch als eine Form der Bewusstseinsforschung begreifen.

Und teilweise sind Hirnforscher und Meditierende zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Beide sind sich etwa einig, dass das "Selbst" eine Art Illusion ist. Ricard: "Weil wir das Selbst nicht in unserem Körper lokalisieren können, wenden wir uns dem Bewusstsein zu und stellen fest: Unsere Idee eines konstanten Selbst passt kein bisschen zu unseren bewussten Erfahrungen, die sich ja von Augenblick zu Augenblick verändern. Wo also ist hier der Ort des Selbst? Die Antwort lautet: Nirgends." Die moderne Hirnforschung sieht das ähnlich: Dem "Selbst" lässt sich kein spezifisches Areal im Hirn zuordnen.

Auf dieser Basis können Singer und Ricard bei allen Differenzen einen respektvollen Dialog führen. Meditation betrachten beide als "mentales Training": Der Meditierende erforscht seine emotionalen Zustände und lernt dadurch schließlich, sie zu verstehen und zu kultivieren. Einen großen Stellenwert für den Buddhisten Ricard hat das Mitgefühl, das sich durch Meditation offenbar tatsächlich trainieren lässt. Studien belegen, dass Meditation sowohl Einfluss auf die Hirnarchitektur als auch auf das Verhalten hat.

Insgesamt scheint Ricard etwas zu sehr von der Idee überzeugt zu sein, durch Meditation sichere Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen. Aber sein Konterpart Singer stellt immer wieder die richtigen skeptischen Fragen und holt die mitunter blumigen Schwärmereien seines Gesprächspartners auf den Boden der Tatsachen.

Das Buch zeigt, dass ein Wissenschaftler aufgeschlossen gegenüber dem sein kann, was oft "Spiritualität" genannt wird, ohne gleich in Esoterik abzudriften. Es zeigt, wo Wissenschaft und "östliche" Philosophie ihre Berührungspunkte haben, aber auch, wo die Differenzen liegen. Ein Gewinn ist es für alle, die bereit sind ein paar Vorurteile abzulegen: Sowohl gegenüber der als kalt und geistlos verschrienen Hirnforschung als auch gegenüber der vermeintlich weltfremden Praxis der Meditation.

Info
Wolf Singer, Matthieu Ricard
Jenseits des Selbst
Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42571-8
Erste Auflage 2017
Scobel
Enttäuschte Hoffnungen
"Vor allem was die konkreten Anwendungen angeht, stehen uns in den nächsten zehn Jahren enorme Fortschritte ins Haus", verkündeten elf Hirnforscher 2004 vollmundig in einem Manifest. Jetzt, zehn Jahre nach dem Manifest, stellt sich die Frage, was aus den Ankündigungen geworden ist.
scobel Leseecke
Buchtipp: "Allumfassende Nächstenliebe"
Matthieu Ricard, Autor des internationalen Bestsellers „Glück“ und weltweit gefragter Referent, hält ein leidenschaftliches Plädoyer für Altruismus, aktiv gelebte Nächstenliebe und den engagierten Einsatz zum Wohle des Anderen. (Klappentext)