Schädelfossil eines Beutellöwen © Ghedoghedo_WikimediaCommons
Ausgestorben im Neogen: der Beutellöwe  <i>Thylacoleo carnifex</i>.
Ausgestorben im Neogen: der Beutellöwe Thylacoleo carnifex.
Vom Kommen und Gehen
Arten sterben - Wendepunkte der Evolution
Wer sich für die Erdgeschichte interessiert, kommt an dem Buch des Paläontologen Norman MacLeod nicht vorbei: Eine faszinierende Zusammenschau. Auch für Laien.
Cover Arten sterben © wbg
Aber, das muss gleich hier gesagt werden: das umfangreiche Werk "Arten Sterben - Wendepunkte der Evolution" ist nicht populärwissenschaftlich geschrieben. Der Nicht-Paläontologe muss sich schon ein bisschen bemühen und einen langen Atem haben. "Für Langmütige und Liebhaber" sei das Buch geschrieben, so eine Kollegin, die nach fünfzig Seiten kapitulierte. Doch man muss es ja gar nicht am Stück von vorne bis hinten lesen. Man kann das Buch einfach zur Seite legen und immer wieder hervornehmen. Es geht schließlich um nichts Geringeres als die Evolution. Und die dauert.

Fünf große und viele kleinere Massenaussterben hat es in den letzten 600 Millionen Jahren gegeben. Sie haben die Evolution entscheidend beeinflusst. Wissenschaftler versuchen seit mehr als hundert Jahren zu verstehen, was genau für das Aussterben von Arten verantwortlich ist. Als Auslöser wurden Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge und Meeresspiegelschwankungen ausgemacht.

Jetzt könnten wir mitten im sechsten großen Massenaussterben stecken. Diesmal vom Menschen mit verursacht. Allerdings ist diese Hypothese unter Wissenschaftlern ziemlich umstritten. Einige Forscher setzen den vom Menschen mitverursachten Rückgang der Arten mit den großen Faunenwechsel der Erdgeschichte gleich. Faunenwechsel ist ein Synonym für Massenaussterben.


Massenaussterben änderten den Gang der Evolution
Norman MacLeod forscht seit Jahrzehnten nach den Gründen für Faunenwechsel. In seinem Buch zeigt er die wichtigsten Theorien und Kontroversen rund um das Thema auf. Er benennt die Faktoren, die dazu führen und erklärt, wie sich der Gang der Evolution durch große Aussterbeereignisse geändert hat.

Ammonit © NHMPL Ammoniten gehörten zu den Kopffüßern.
Ammoniten gehörten zu den Kopffüßern.
Darin liegt eine große Stärke des Werkes: Es ist sehr übersichtlich strukturiert und bringt Licht in das unendliche Dunkel der Erdgeschichte: Auch für Laien nachvollziehbar, erklärt der Autor in den Eingangskapiteln, was "Aussterben" bedeutet, wie Evolution, Fossilienfunde und das Aussterben zusammenhängen. Er erläutert die wichtigsten Parameter der Aussterbeforschung wie Datenmaterial, Definitionen wie Massenaussterben und Hintergrundaussterben.

In acht Kapiteln folgt der Gang durch die Erdzeitalter. Vom Kambrium bis zum Neogen und Quartär. MacLeod beleuchtet die Rahmensituation, zeigt das Artensterben in seinem zeitlichen Verlauf und führt mögliche Gründe auf. Für jedes Erdzeitalter werden prominente Opfer abgebildet, wie zum Beispiel Ammoniten oder die Ichtyosaurier, die am Ende der Kreidezeit verschwunden sind.

Für genauere Schätzungen braucht es noch viele Daten
Im Kapitel "Aussterben in der modernen Zeit und in der Zukunft" räumt MacLeod mit exotischen Behauptungen auf. So kämen Thesen wie die, dass sich die Erde bereits mitten in einem sechsten Massenaussterben befände, "ausnahmslos durch Schätzungen, die auf Extrapolationen oder Skalierungen kleiner, lokal begrenzter Datensätze beruhen (...)" zustande. Er erklärt, welche Verfahren zu Schätzungen von Artensterben verwendet werden. Und er gibt eine Übersicht über den Stand der Schätzungen zukünftiger Artensterben. Doch genau dabei, so MacLeod, stehen die Wissenschaftler noch ziemlich am Anfang. Denn für die meisten Spezies, die wir schützen wollen, schreibt er, reichen die vorhandenen Daten nicht aus - oder es sind gar keine vorhanden.MacLeod sieht den Menschen und sein Wirken als "Umweltfaktor, der so bedeutend ist wie ein großer Vulkanausbruch und/oder ein Himmelskörperimpakt, vielleicht sogar bedeutender". Er warnt davor, abzuwarten, bis durch wissenschaftliche Forschung endgültige Daten vorliegen: Dann könnte es längst zu spät sein, Artensterben zu verhindern.


Info
Norman MacLeod: Arten sterben - Wendepunkte der Evolution.
Theiss Verlag 2016,
ISBN 978-3-8062-3284-4
Massenaussterben
Aussterben gehört zur Evolution
Norman MacLeod ist Paläontologe am Natural History Museum in London. Seit Jahrzehnten erforscht er die Erdgeschichte. Zur Evolution, sagt er, gehöre das Aussterben.
nano im Senckenberg-Museum
Schatzkammer des Wissens
Naturkundliche Museen bieten nicht nur den Besuchern einen Blick in die Vergangenheit, sie sind auch bei der Forschung ganz vorne dabei.