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Adam und Eva als Playmobil-Figuren © ap Lupe
Forscher sind sich nicht einig, welche Rolle Natur und Kultur spielen
Adam, Eva und die Gene
Zwei Stimmen zur Geschlechterfrage
Die Frage, wie unterschiedlich Mann und Frau sind, ist in der Wissenschaft heiß umstritten. Wer sich ein Bild machen möchte, sollte daher auch unterschiedliche Stimmen hören.
© C Lupe
Gerade kürzlich hat der Evolutionsbiologe und Genetiker Axel Meyer ein Buch zum Thema auf den Markt geworfen: "Adams Apfel und Evas Erbe". Meyer beginnt sein Werk mit einem Crashkurs in Genetik. Vieles davon ist Schulwissen, aber der Autor streut immer wieder auch Erkenntnisse aus der aktuellen Forschung ein, so dass auch der spezieller interessierte Leser sich nicht langweilt.

In den folgenden Kapiteln geht Meyer dann ausführlich auf die Entstehung des Geschlechts während der Embryonalentwicklung ein. Dabei zeigt sich auch, dass die bekannte Formel "XX-
Chromosom = Frau, XY-Chromosom = Mann" nicht immer aufgeht. Wie so oft in der Natur ist die Realität komplizierter als die Theorie, und manchmal lässt sich gar nicht entscheiden, ob ein neugeborenes Kind nun männlich oder weiblich ist. Meyer erklärt, auf welche unterschiedlichen Arten und Weisen Intersexualität entstehen kann. Ein weiteres Kapitel fasst zusammen, was die Wissenschaft heute über die Ursachen von Homo- und Transsexualität weiß.

Über weite Strecken hat Meyer hier ein lesenswertes populärwissenschaftliches Buch vorgelegt - von einigen verzichtbaren Kalauern im Text mal abgesehen. In den Abschnitten zur Genetik merkt man, dass der Biologe in seinem Element ist. Meyer argumentiert auch weitaus sachlicher und differenzierter, als es der reißerische Klappentext und das Vorwort vermuten lassen.

Meyer fehlt der Blick über den Tellerrand
Streitbar wird es zum Schluss. Das eigentliche Thema des Buches - "Wie unterschiedlich sind Frauen und Männer wirklich?" - handelt der Autor erstaunlich knapp in einem einzigen Kapitel ab. Hier ist sein Urteil ziemlich eindeutig: Geschlechtsunterschiede ließen sich eher biologisch als kulturell erklären. An dieser Stelle zeigt sich der verengte Blick des Biologen: Andere Positionen diskutiert er nicht ernsthaft, schaut nicht über den Tellerrand seiner eigenen Wissenschaft.

Im abschließenden Kapitel "Gene, Gender und Gesellschaft" zieht Meyer dann schließlich richtig vom Leder. Seltsam unstrukturiert polemisiert der Autor gegen Quotenpolitik, Feminismus und eine allgemeine "Wissenschaftsfeindlichkeit". Merklich entfernt er sich hier von seiner Kernkompetenz, und teilweise ist seine Kritik wenig durchdacht. So verwechselt er Gender Studies und Gender Mainstreaming, zwei Phänomene, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Gender-Mainstreaming-Anhängerinnen hätten Universitäten, Parteien und Ministerien unterwandert und durchdrängen Deutschland "wie ein Geschwür". Mit solchen Aussagen nähert Meyer sich gefährlich dem Verschwörungsdenken, das die Internet-Kommentarspalten regiert und entfernt sich deutlich von seiner sonst weitgehend sachlichen Argumentation. Kein schöner Abschluss eines eigentlich lesenswerten Buches.

Psychologin zeigt die Rolle der Erziehung auf
© Klett-Cotta Lupe
Den Blick über den biologischen Tellerrand, der "Adams Apfel und Evas Erbe" fehlt, bietet ein anderes Buch: "Die Geschlechterlüge", verfasst von der Psychologin und Neurowissenschaftlerin Cordelia Fine. Fine nimmt die vielen Studien, vor allem aus der Hirnforschung, die die grundlegende Verschiedenheit von Mann und Frau beweisen sollen, kritisch unter die Lupe. Und häufig bleibt nicht mehr viel davon übrig. Vieles wurde später widerlegt, manches basiert nur auf einer winzigen Stichprobenzahl und ist kaum verallgemeinerbar. Die Autorin befasst sich auch ausführlich mit dem Einfluss der Erziehung und zeigt an unzähligen Beispielen, wie stark schon Kleinkinder durch Rollenerwartungen geprägt werden.

So wie Meyer in seinem Buch ist aber auch Cordelia Fine einseitig in ihrer Argumentation - nur eben in die andere Richtung. Argumente, die für genetische Geschlechterunterschiede sprechen, erwähnt sie nur am Rande. Die ganze Wahrheit gepachtet hat keiner der beiden Autoren, aber beide machen die Schwachstellen des anderen deutlich. Meine Empfehlung: beide Bücher lesen.

Cordelia Fine erwähnt in ihrem Buch eine sehr interessante Studie. Dabei geht es um die Frage, wie Geschlechter-Stereotype die Leistung von Frauen in Mathematik beeinflussen. Für das Experiment bekamen Frauen vor einer Prüfung zwei unterschiedliche Zeitungsartikel zu lesen. Der eine Artikel sagte aus, Frauen seien in Mathematik schlechter als Männer, und dafür seien angeborene Unterschiede verantwortlich. Im anderen Artikel stand, diese Unterschiede lägen daran, dass Männer sich mehr anstrengten als Frauen. Auch Frauen, die den zweiten Artikel gelesen hatten, schnitten in einem Mathe-Test schlechter ab als eine Kontrollgruppe. Noch schlechtere Leistungen aber zeigten die Frauen, die den Text gelesen hatten, der die Gene verantwortlich machte. Schon die Annahme, "von Natur aus anders" zu sein, kann also schädliche Konsequenzen haben.

Solche Studien zeigen, wie brisant Bücher wie das von Axel Meyer sind, wie vorsichtig Wissenschaftler mit Aussagen über genetische Unterschiede sein müssen, wie viel Verantwortung sie tragen. Denn anders als Aussagen über Elementarteilchen oder Pantoffeltierchen haben solche über die Natur des Menschen gesellschaftliche Auswirkungen! Das bedeutet übrigens nicht, wissenschaftliche Fakten zu ignorieren, weil man gefährliche gesellschaftliche Auswirkungen fürchtet. Es bedeutet, bei Forschung, die gesellschaftlich brisant ist, bei den Fakten zu bleiben und sich mit Spekulationen zurückzuhalten. Ganz besonders genau hinzuschauen und nur zu veröffentlichen, was wirklich wasserdicht belegt ist.

Axel Meyer schlägt in seinem Buch vor, dass Kulturwissenschaftler in ihrem Grundstudium auch einige Semester Naturwissenschaften belegen sollten, um etwas Bodenhaftung zu bekommen. Keine schlechte Idee. Nur sollte das gleiche auch im Gegenzug für Biologen, Physiker und Chemiker gelten: Naturwissenschaftler brauchen ein Verständnis von Gesellschaft und Kultur. Ein Verständnis dafür, in welchem Kontext ihre Forschung stattfindet und welche Auswirkungen sie hat. Auch Naturwissenschaftler sollten sich mit Wissenschaftstheorie und Sozialwissenschaften auseinandersetzen müssen. Nur so ist der Blick über den Tellerrand zu bekommen, nur so lässt sich, pardon, Fachidiotie überwinden.

Info
Axel Meyer
Adams Apfel und Evas Erbe
Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer
C.Bertelsmann
ISBN 978-3-570-10204-6
Info
Cordelia Fine
Die Geschlechterlüge
Die Macht der Vorurteile über Mann und Frau
Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-94735-9
Literatur
Brescoll, V.L. & LaFrance, M. (2004) The Correlates and Consequences of Newspaper Reports of Research on Sex Differences. Psych Sci 15 (8), 515-520
Evolution führt zum Sex
Pärchen-Bonus
In der Evolution haben sich Zweigeschlechtlichkeit und damit Sexualität durchgesetzt, weil sie Erbgut durchmischt und so "hart" gegen die Umwelt macht.
Stereotypen
Frauen unter Druck
"Für Frauen gilt derzeit das Paradigma, in allen Bereichen des Lebens absolut spitze zu sein", so die Soziologin Dr. Paula-Irene Villa. "Das ist eine totale Überforderung."
Glossar
Zwitter und Intersexualität
Unter 5000 Neugeborenen ist eines, dessen Geschlecht nicht klar erkennbar ist. Mediziner sprechen von einem sehr komplexen Phänomen.