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Der Anti-Thilo
Sarrazins Quellen genau unter die Lupe genommen
Verschiedene Autoren arbeiten sich im Buch "Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz" kritisch an Thilo Sarrazin ab - herausgekommen sind interessante und spannende Beiträge.
© Springer VS Lupe
Die Autoren - Sozialwissenschaftler, Historiker, Psychologen und Biologen - zerpflücken Sarrazins Behauptung, die höhere Geburtenquote von Migranten sei eine Bedrohung für Deutschland, weil dadurch die durchschnittliche Intelligenz sinke. Am interessantesten sind dabei die Beiträge, die die Quellen des selbsternannten Provokateurs genauer unter die Lupe nehmen. Die Autoren zeigen sehr deutlich, auf welche dubiosen Gewährsmänner Sarrazin sich stützt. Immer wieder stoßen sie auf die rassistische Zeitschrift "Mankind Quarterly" und den "Pioneer Fund", eine Stiftung, die sich die "Rassenverbesserung" zum Ziel gesetzt hat. Immer deutlicher kommt zum Vorschein, wie sehr die Intelligenzforschung seit ihrem Anbeginn mit eugenischen und rassistischen Ideen verquickt ist.

Nicht ganz leicht zu lesen, aber sehr aufschlussreich ist der umfangreiche Beitrag der Psychologen Leonie Knebel und Pit Marquardt. Sie steigen tief ein in die Tücken von Intelligenztests. Auch Zwillingsstudien hinterfragen die beiden kritisch und kommen zu dem Schluss, dass die Anlage dieser Studien dazu führt, den erblichen Anteil der Intelligenz zu überschätzen - wofür sie auch gute Argumente liefern können.

Veröffentlicht wurde der Sammelband als Antwort auf den nicht mehr ganz neuen Bestseller "Deutschland schafft sich ab" und versteht sich als Beitrag zur Debatte, die damals durch sämtliche Medien tobte. Da Sarrazin gerade kürzlich mit "Der neue Tugendterror" publizistisch nachgelegt hat und wieder im Rampenlicht steht, bekommt auch dieses Buch neue Aktualität.

Der Band liefert auch ganz abseits der Debatte eine Fülle von hochinteressanten Fakten für alle, die sich kritisch mit Pseudowissenschaft und den Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft auseinandersetzen wollen. Leider beißen sich die Autoren aber - wie die meisten Sarrazin-Kritiker - zu sehr am Kritikpunkt "Erblichkeit der Intelligenz" fest. Eine kritische Betrachtung der Intelligenzforschung ist zweifellos wichtig und aufschlussreich, allerdings gerät dadurch der eigentliche Skandal an Sarrazins Äußerungen aus dem Blick. Dass Intelligenz einen, wenn auch oft überschätzten, erblichen Anteil hat, bestreitet kein ernst zu nehmender Wissenschaftler. Das Problem an Sarrazins Rückgriff auf eugenische Argumente ist gar nicht die Fixierung auf die Genetik - sondern die Abwertung von Menschen, die er vorantreibt. Dass die wenigsten Kritiker das erkannt haben, ist eigentlich schon ein weiterer Skandal.

Info
Michael Haller, Martin Niggeschmidt (Hrsg.)
Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz
Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik
Springer VS
ISBN 978-3-531-18447-0
Mythos Intelligenz
Der IQ steigt
Seit den 1930er Jahren erzielen Menschen in Industrieländern immer bessere Ergebnisse bei Intelligenztests, sagt der Psychologe Prof. James Flynn.
Glossar
Die Intelligenz, ihre Formen und Tests
Für Intelligenz (lateinisch "intellegentia": Erkennungsvermögen, Verstand) gibt es eine Vielzahl verschiedener Definitionen.