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Die Evolution der Phantasie
Wissenschaftshistoriker betrachtet Kunst biologisch
Thomas Junker will die Kunst als evolutionäre Anpassung erklären. Dabei lehnt er sich mit seinen Spekulationen weit aus dem Fenster.
© Hirzel Lupe
So unterschiedlich menschliche Gesellschaften überall auf der Welt auch sind - ohne Kunst kommt keine von ihnen aus. Warum viele Menschen allerdings so gerne malen, schnitzen, dichten und musizieren, kann sich die Wissenschaft nicht so recht erklären. Dieser anspruchsvollen Frage hat sich Thomas Junker in seinem Buch "Die Evolution der Phantasie" angenommen. Von Haus aus ist Junker Wissenschaftshistoriker, bekannt ist er allerdings eher als geradezu fanatischer Verfechter der Evolutionären Psychologie, die das Verhalten des Menschen im Wesentlichen durch biologische Zweckmäßigkeit erklären will.

Unter diesem Dogma nimmt sich Junker auch die Kunst vor - und entsprechend einseitig fällt seine Analyse aus. Er geht davon aus, dass die Fähigkeit und der Drang, Kunstwerke herzustellen, zur Natur des Menschen gehört, genetisch fixiert ist und einen biologischen Zweck erfüllt. Nun stimmt es zweifellos, dass praktisch alle Menschen sich in der einen oder anderen Form für Kunst interessieren. Nur eine Minderheit aber betätigt sich selbst künstlerisch - was kaum zu den von Junker behaupteten "Kunsttrieben", dem "Drang zur ästhetischen Bearbeitung" passen will. Wieso sich die Menschheit nicht zu einer Ansammlung kleiner Picassos und Beethovens entwickelt hat, kann er nicht erklären. Typisch für Kunst ist ja gerade, dass sie eine besondere Fähigkeit ist, die nur wenige beherrschen - Kunst kommt von "können". Junkers Kunstbegriff dagegen umfasst so viel, dass er inhaltslos wird, unter anderem handelt er auch Werbung, Computerspiele und die Rasur von Körperbehaarung darunter ab.

Kunst als Lebensschule und sozialer Kitt
Einige seiner Thesen sind durchaus bedenkenswert. Zu Recht weist Junker etwa darauf hin, dass Kunstwerke Geschichten erzählen können, die es Menschen möglich machen, Strategien für viele Herausforderungen des Lebens zu lernen. Allerdings: Das trifft auf einen Spielfilm oder eine am Lagerfeuer erzählte Legende zu, in einem Gemälde oder einem Instrumentalstück sucht man nach solchen hilfreichen Geschichten vergebens. Dass Kunst dabei helfen kann, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen und Gruppen zusammenzuschweißen, weiß jeder, der einmal in einem Chor gesungen hat, und sei es im Fußballstadion. Aber auch hier gilt: Dieser Nutzen beschränkt sich nur auf eine bestimmte Kunstform und nicht auf die Kunst an sich.

Junkers Hauptthese ist schließlich, dass die Kunst eine spezielle "Sprache" sei, in der sich Menschen über ihre unbewussten Gefühle und Wünsche austauschen. Ausgerechnet dieser zentrale Gedanke des Buches bleibt seltsam abstrakt. Junker nennt nicht ein einziges konkretes Beispiel, das diesen "biologischen Nutzen" der Kunst plausibel machen könnte.

Überhaupt enthält "Die Evolution der Phantasie" für ein naturwissenschaftliches Buch bemerkenswert wenige Belege aus der empirischen Forschung. Junker nimmt die kleinsten Hinweise zum Anlass für großzügige Spekulationen. So schließt er etwa aus dem Fund von steinzeitlichen Faustkeilen, die nur wenige Gebrauchsspuren aufweisen, diese seien "sexuelle Signale" gewesen, die "im Rahmen sozialer Rituale eingesetzt wurden".

"Die Evolution der Phantasie" regt an zum Nachdenken an über Kunst und die Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft. Insgesamt reizen Junkers Spekulationen aber eher zum Widerspruch. Die Frage "wie der Mensch zum Künstler wurde", kann der Autor nicht überzeugend klären.

Interaktiv
Auf Darwins Spuren
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Info
Thomas Junker
Die Evolution der Phantasie
Wie der Mensch zum Künstler wurde
Hirzel
ISBN 978-3-7776-2180-7
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