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Müll
Müll von Hand zu sortieren ist überflüssig - Maschinen können das besser
Goldgrube Müll
Maschinen könnten viele Rohstoffe zurückholen
"Es haben sich Möglichkeiten entwickelt, die mafiöse Strukturen geschaffen haben", sagt Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe über den "Grünen Punkt".
"Beispielsweise werden ein Drittel der Verpackungen nicht mehr angemeldet. Und dafür zahlen die Kunden pro Jahr zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro. Und die landen alle am Ende in der Verbrennung statt in der Wiederverwertung im Recycling."

"Wir haben in der Bundesrepublik ein relativ dichtes Netz an Müllverbrennungsanlagen gebaut", schildert der Aachener Abfalltechniker Prof. Thomas Pretz. "Wir haben die gewerblichen Abfallerzeuger verpflichtet, ebenfalls eigene, technische Infrastruktur durch Ersatzbrennstoffkraftwerke zu errichten. Das ist heute unsere technische Infrastruktur, die viele Milliarden wert ist - und die muss erst mal abbezahlt werden."

Trocknen verringert das Gewicht des Müll und damit theoretisch die Kosten für die Müllverbrennung, hat 2011 ein Versuch ergeben. Zudem ließe er sich so vollautomatisch trennen, schildert Max Monzel vom "Zweckverband Abfallwirtschaft" in Trier.

Für Forscher gehört die gelbe Tonne auf den Müll
Video
Müll ist nicht einfach Müll, sondern eine Quelle für Rohstoffe und Geld
"Wir haben Trennsysteme, die pro Sekunde 300.000 Entscheidungen treffen, um zu sortieren", sagt schon 2009 Prof. Klaus Wiemer von der Universität Kassel. "Sie können heute Kunststoffe in mehr als zehn Sorten trennen." Das könne der Mensch nicht leisten - eigentlich sei es ein "Schildbürgerstreich, den Müll erst zu trennen und dann wieder zusammen zu führen", meint Wiemer. "Ich gehe davon aus, dass der gelbe Sack über kurz oder lang überflüssig werden wird." Automatisierte Sortieranlagen wie in Berlin, Münster, Dresden, Asslar und Rennerod erreichten bereits hohe Ausbeuten, weiß Jürgen Hüskens von der "RWE Umwelt AG": "Die Technik ist soweit fortgeschritten, dass wir sortenreine Stoffe auch aus einem relativ dreckigen Gemisch aussortieren können."

Die Forscher haben jedes aussortierte Material in einem Pilotversuch separat verwerten können. 800 Tonnen gemischten, verdreckten Hausmüll aus dem Kreis Neuss schickten sie über die Bänder. "Wir haben die gesamte Kette mit den Materialien durchtestet und hatten teilweise deutlich höhere Qualität der Kunststoffe und Metalle aus dem Hausmüll als aus der gelben Tonne." Lernfähige Systeme mit mehreren Sensoren könnten den Erfolg einzelner übertreffen, die schon 80 Prozent erreichen, glaubt Prof. Oton Pretz vom Institut für Aufbereitung und Recycling in Aachen: "Wenn wir drei Sensoren kombinieren, wird die Grauzone immer kleiner."

Trockenstabilate sind einfacher zu handhaben
Metallguss Lupe
Heiß geht es her, wenn man Metalle zurückgewinnt
In Zukunft könne der wie früher in einer Tonne eingesammelte Müll mit dem Trockenstabilatverfahren vom Müllentsorger statt vom Bürger getrennt und verwertet werden, meint Wiemer. "Für die Bürger wird es dann einfacher, und die Kosten gehen zurück." Bei der getrennten Sammlung für das Duale System verursachten Sammlung, Transport und Sortierung hohe Kosten. Bei dem Trockenstabilatverfahren wird der Inhalt der grauen Restmülltonne getrocknet und zu Trockenstabilat verarbeitet, das als Brennmaterial für Industrie und Kraftwerke dient. Metalle, Glas und Kunststoffe ließen sich zuvor maschinell voneinander trennen. "Kunststoffe können zu Methanol verarbeitet und als Treibstoff für Brennstoffzellen genutzt werden."

In der händischen Trennung der Haushalte gebe es mehr als 50 Prozent Verunreinigungen, schildert Wiemer. Er ermittelte in zahlreichen hessischen und niedersächsischen Kommunen, dass sich im normalen Hausmüll sogar noch mehr Verpackungen mit grünem Punkt befinden als in der gelben Tonne. Bestätigt wurde dies unter anderem durch Messungen der Abfallämter in Dresden und Münster. "Da kann man sich auch überlegen, ob man nicht gleich alles ohne Aufbereitung in die Verbrennung gibt", sagt Ultrich Koch vom Verband der kommunalen Städtereiniger. "Die Aufbereitung als Ersatzbrennstoff kostet teilweise bis zu 1000 Euro bei Kunststoffen - das ist Geldvernichtug pur."

139.000 Tonnen Restmüll werden in Düsseldorf jährlich verbrannt. 12.000 Tonnen Abfall kommen im gelben Sack zusammen, von dem die Hälfte als unbrauchbarer Sortierrest ebenfalls verbrannt wird. Nur 2500 Tonnen Kunststoffe werden aus dem Grünpunkt-Müll gesammelt, von denen wiederum zwei Drittel verbrannt werden - nur 1000 Tonnen Kunststoffe können so recycelt werden.

"Wir haben etwa fünf Cent pro Kilo für die Altpapierentsorgung", weiß Werner Görtz, Leiter des Umweltamts Düsseldorf . "Das ist ein Recyclingsystem, das gut eingeführt ist und zu einem guten ökologischen Produkt führt. Wir haben in der normalen Müllverbrennung 32 Cent pro Kilo - das ist auch ein normaler Preis für Deutschland auch relativ effizient. Und wir haben beim Dualen System ein Euro pro Kilo an Kosten, die das System kostet und dabei für die Kunststoffe sogar ein 1,50 Euro. Das ist im Vergleich sogar sehr ungünstig und ökologisch sehr fragwürdig."

In ihrem Gutachten 2002 haben die Umweltweisen den ökologischen Sinn der Getrenntsammlung bezweifelt. Aus pädagogischen Gründen plädierten sie dennoch nicht für die Abschaffung der gelben Tonne. Das Umweltbewusstsein der Bürger könne einen zu großen Schaden nehmen. Auch der renommierte Berater von Kommunen und Müllkonzernen, Helmut Paschlau, sieht das Problem, doch sei dies eher einer Frage der richtigen Kommunikation. "Wenn man den Bürger ehrlich über die enormen Fortschritte der modernen Anlagen aufklärt und ihm erklärt, dass er sich viel Mühe und obendrein noch Geld sparen kann, wird er das ohne Zweifel akzeptieren."

Rohstoffe aus Recycling werden immer wichtiger
Lupe
Rohstoffquelle
Nach Ansicht von Forschern gibt es viel zu tun: "Mülldeponien sind Rohstofflager", sagt Martin Faulstich. Sie seien nur noch nicht ganz erschlossen. Der Münchner Professor berät im Sachverständigenrat für Umweltfragen die Bundesregierung. Auf deutschen Halden lagern nach Faulstichs Worten 30 bis 40 Millionen Tonnen Metall, die Klärschlammdeponien enthalten zehn Millionen Tonnen Phosphat - genug, um den deutschen Bedarf von zehn Jahren zu decken. Und schließlich sind in Straßen und Häusern Millionen Tonnen von Rohstoffen verbaut. Alles abreißen? Soweit werde es nicht kommen, noch gebe es andere Quellen.

Den Außenhandel etwa: 2007 kaufte Deutschland nach offiziellen Angaben im Ausland Energie, Erz, Kupfer und anderen Rohstoffe für mehr als 100 Milliarden Euro - und gab zugleich Millionen Tonnen billig ab, in Form von Autos, Fernsehern, Maschinen. Faulstich erklärt: Ihr Auto fahren die Deutschen durchschnittlich sieben Jahre, dann erlebt der Wagen noch sieben Jahre in Osteuropa und sieben in Nordafrika - wo er auf dem Schrottplatz landet. Samt der wertvollen Bauteile. Faulstich fordert sogar: "Wir müssen Demontagezentren in Nordafrika errichten und so die Rohstoffe zurückholen."

Doch auch im Inland könnten die Unternehmen noch tiefer in der Goldgrube Müll schürfen - Forschung vorausgesetzt. "Die Sortiertechnik ist noch nicht so gut, als dass sie alles bewältigen könnte", sagt Thomas Pretz von der Rheinisch-Westfälisch Technischen Hochschule Aachen. Aus Asche von Müllverbrennungsanlagen etwa könnten derzeit nur zwei Drittel der Eisenmetalle gewonnen werden und nur ein Fünftel der Nicht-Eisenmetalle wie Aluminium, Chrom und Kupfer. Im rohstoffarmen Deutschland seien also noch einige Schätze zu heben.

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