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Demenzkranke Menschen müssen in Heimen Psychopharmaka einnehmen.
Mit Pillen ruhig gestellt
Demenzkranke bekommen zu oft Psychopharmaka
Mehr als 22.000 Demenzpatienten würden in der Schweiz unnötig ruhig gestellt, sagt der ehemalige Zürcher Stadtarzt Albert Wettstein. Und zwar mit allen Nebenwirkungen.
Neuroleptika, also beruhigende Medikamente, sind allenfalls eine Maßnahme der zweiten Wahl, sagt der Frankfurter Altersmediziner Johannes Pantel. Die Leitlinien der führenden Fachgesellschaften besagen, dass nichtmedikamentöse Behandlungsmethoden immer an erster Stelle stehen sollen.

Einfach ruhiggestellt auch in Deutschland
Pflege und Medikamente
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Auch in Deutschland gibt es viele Fälle.
Und auch in Deutschland müssen jedes Jahr 240.000 Demenzkranke Psychopharmaka schlucken, ohne dass damit wirksam Krankheiten behandelt werden. Zu diesem Ergebnis kam eine Berechnung des Zentrums für Sozialpolitik an der Universität Bremen im Auftrag der "Welt am Sonntag" im März 2012. Knapp 240.000 Demenzkranke würden in Heimen oder in ambulanter Pflege mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten behandelt. "In diesen Fällen werden die Medikamente nicht verschrieben, um die Leiden der Patienten zu lindern, sondern um Personal einzusparen und somit den Heimbetreibern höhere Gewinne zu bescheren", sagt der als Pharmakritiker bekannte Bremer Sozialforscher Professor Gerd Glaeske, der die Berechnung angestellt hat. Nach Schätzungen aus 2011 leiden in Deutschland insgesamt 1,2 Millionen Menschen an Demenz.

Dabei sei bekannt, dass die Betroffenen nach der Einnahme der Psychopharmaka ein um den Faktor 1,6 bis 1,7 erhöhtes Sterberisiko aufwiesen. Der Arzneimittel-Experte fügte hinzu, besonders häufig würden Neuroleptika schwerst pflegebedürftigen Demenzkranken verabreicht. Hier betrage die Quote etwa 50 Prozent. Die Ursachen für die häufige Verordnung seien der hohe Betreuungsaufwand für Demenzkranke und die geringe Personaldecke in vielen Pflegeheimen. Das sei eine "gefährliche Fehlversorgung".

Der längere Einsatz der umstrittenen Medikamente sei ein Zeichen dafür, dass es nicht genügend Geld dafür gebe, Demenzpatienten menschenwürdig zu versorgen. Sie würden im Gegenteil "billig ruhiggestellt". Andererseits seien die Patienten mit Antidementiva, die den Verlauf der Demenz aufhalten und die Kosten senken könnten, unterversorgt.

Häufig wolle man nicht den Menschen helfen

Johannes Pantel: nur jedes zehnte Psychopharmakon angemessen
Johannes Pantel: nur jedes zehnte Psychopharmakon angemessen
"In unserer Studie waren mehr als 90 Prozent aller Psychopharma-Verordnungen in Altenheimen zu beanstanden", schildert auch Pantel. "Dies betraf die Dauer der Medikation, aber auch eine ausreichende medizinische Begründung für die Gabe." Der Arzneimittelreport des Kassenverbundes GEK beklagt 2008, dass bei Heimbewohnern 40 bis 50 Prozent aller Psychopharmaka ohne klare Indikation eingesetzt werden. "Diese Defizite sind auf Mängel in der Qualifizierung der beteiligten Berufsgruppen zurück zu führen", so Pantel. "Hier sind die Ärzte zu nennen, die die Medikamente verschreiben, aber auch das Personal in Pflegeheimen". Schließlich vertrügen alte Menschen Psychopharmaka schlecht, schildert Prof. Rolf Dieter Hirscher, Leiter der Gerontopsychiatrie der Rheinischen Kliniken Bonn: "Man muss sehr sensibel damit umgehen, weil die Nebenwirkungen gerade beim vorgeschädigten Gehirn erheblich größer sind als bei jungen Menschen."



"Altenheimbewohner sind verunsichert"



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