Montag bis Freitag 18.30 Uhr
Kalender
Mai 2016
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
25
26
27
28
29
30
01
020304
05
06
07
08
0910111213
14
15
16
17181920
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
01
02
03
04
05
Pflege und Medikamente Video
Demenzkranke Menschen müssen in Heimen Psychopharmaka einnehmen
Einfach ruhiggestellt
Demenzkranke bekommen zu oft Psychopharmaka
Jedes Jahr müssen 240.000 Demenzkranke in Deutschland Psychopharmaka schlucken, ohne dass damit wirksam Krankheiten behandelt werden.
Zu diesem Ergebnis kam eine Berechnung des Zentrums für Sozialpolitik an der Universität Bremen im Auftrag der "Welt am Sonntag" im März 2012. Knapp 240.000 Demenzkranke würden in Heimen oder in ambulanter Pflege mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten behandelt.

"In diesen Fällen werden die Medikamente nicht verschrieben, um die Leiden der Patienten zu lindern, sondern um Personal einzusparen und somit den Heimbetreibern höhere Gewinne zu bescheren", sagt der als Pharmakritiker bekannte Bremer Sozialforscher Professor Gerd Glaeske, der die Berechnung angestellt hat. Nach Schätzungen aus 2011 leiden in Deutschland insgesamt 1,2 Millionen Menschen an Demenz.

Dabei sei bekannt, dass die Betroffenen nach der Einnahme der Psychopharmaka ein um den Faktor 1,6 bis 1,7 erhöhtes Sterberisiko aufwiesen. Der Arzneimittel-Experte fügte hinzu, besonders häufig würden Neuroleptika schwerst pflegebedürftigen Demenzkranken verabreicht. Hier betrage die Quote etwa 50 Prozent. Die Ursachen für die häufige Verordnung seien der hohe Betreuungsaufwand für Demenzkranke und die geringe Personaldecke in vielen Pflegeheimen. Das sei eine "gefährliche Fehlversorgung".

Der längere Einsatz der umstrittenen Medikamente sei ein Zeichen dafür, dass es nicht genügend Geld dafür gebe, Demenzpatienten menschenwürdig zu versorgen. Sie würden im Gegenteil "billig ruhiggestellt". Andererseits seien die Patienten mit sogenannten Antidementiva, die den Verlauf der Demenz aufhalten und die Kosten senken könnten, unterversorgt.

Häufig wolle man nicht den Menschen helfen
Lupe
Johannes Pantel: nur jedes zehnte Psychopharmakon angemessen
"In unserer Studie waren mehr als 90 Prozent aller Psychopharma-Verordnungen in Altenheimen zu beanstanden", schildert auch der Psychiater Prof. Johannes Pantel von der Uni Frankfurt. "Dies betraf die Dauer der Medikation, aber auch eine ausreichende medizinische Begründung für die Gabe." Der Arzneimittelreport des Kassenverbundes GEK beklagt 2008, dass bei Heimbewohnern 40 bis 50 Prozent aller Psychopharmaka ohne klare Indikation eingesetzt werden.




"Altenheimbewohner sind verunsichert"
Altenheimbewohner Lupe
Aus Verunsicherung entsteht Angst
Das Personal "sollte geschult werden, mit herausfordernden Verhaltensweisen anderer, nicht medizinischer Art umzugehen", so Pantel. "In unserer Studie haben wir Mitarbeiter von Pflegeheimen dazu qualifiziert, das innere Erleben der Bewohner in den Mittelpunkt des Pflegehandelns zu stellen. Viele Altenheimbewohner seien verunsichert. Aus der Verunsicherung entstehe Angst, und die könne sich in problematischen Verhaltenweisen äußern. "Wenn man diese Dinge berücksichtigt, wobei auch ein Rückgriff auf die Lebensgeschichte sehr nützlich ist, kann man die Angst reduzieren", so Pantel.


Intensive Schulungen helfen Heimbewohnern
Senioren in der Küche Lupe
Im Interventionsheim waren die Werte besser
Für "OPTimAL" entwickelten die Wissenschaftler ein Programm, um die Probleme in der Pflege anders zu lösen, und setzten es in einem der beiden Heime um. Im Februar 2007 untersuchten sie erneut den Zustand der Bewohner. Ein Vergleich zwischen diesem Heim und dem Kontroll-Heim, in dem alles wie gewohnt weiterlief, zeigte: "Obwohl weniger potenziell schädliche Psychopharmaka-Verordnungen festgestellt wurden, hatte sich der psychische Zustand der Bewohner verbessert." Im Interventionsheim waren nur noch durchschnittlich 2,5 Punkte zu bemängeln, während sich im Kontrollheim die Mängelliste auf 4,5 Punkte verlängert hatte. Dies gelang dank intensiver Schulungen des Pflegepersonals.


Vor allem Antipsychotika und Tranquilizer in Heimen
Griff zu Arzneien Lupe
Pfleger greifen gerne zu Psychopharmaka
In der Ausgangssituation bekamen 63 Prozent der 167 Bewohner beider Heime Psychopharmaka. Spitzenreiter war ein Patient, der täglich 15 verschiedene Pillen einnahm. "Da kann kein Mensch mehr sagen, was womit wechselwirkt." Die am häufigsten verordnete Gruppe in Heimen sind laut Pantel Antipsychotika und Tranquilizer. Sie würden vorwiegend zur Beruhigung von unruhigen, renitenten oder aggressiven Menschen eingesetzt. "Diese Medikamente haben hohes Suchtpotenzial, schwere Nebenwirkungen wie Schlaganfälle, und die Menschen sterben auch früher", kritisierte Pantel.




mehr zum Thema