Weltraumschrott © Esa, Spacejunk3D, LLC
BeitragBeitrag
Was hochfliegt, sollte auch runterkommen - und am besten einfach dabei verglühen.
Schweinerei im Weltall
Europäer wollen Müll im Weltraum vermeiden
Eine internationale Konferenz der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) will im Satellitenkontrollzentrum in Darmstadt nach Lösungen gegen den Weltraumschrott suchen.
Im Kampf gegen Weltraumschrott gibt es bereits mehrere Ansätze. "Das Wichtigste wäre das gezielte Wiedereinbringen der Objekte in die Erdatmosphäre und das Verglühen über dem Pazifischen Ozean", meint Braunschweiger Ingenieur Carsten Wiedemann. Bedeutend für die Entsorgung sei, dass man einen Satelliten noch unter Kontrolle habe, sagte Konferenzleiter Holger Krag. Ein Zurückholen eines verlorenen Satelliten etwa mit einem Greifarm sei eine "gewaltige Herausforderung", die auch Zukunftsmusik sei.

Statt mühsam nachträglich im Orbit aufzuräumen, wollen Ingenieure der Europäischen Raumfahrtagentur (Esa) lieber Weltraumschrott vermeiden oder sofort "ausputzen".So könnten ausgediente Satelliten auf eine "Friedhofsbahn" geschossen und abgebrannte Raketenstufen gezielt zum Absturz gebracht werden. "Aber dafür braucht man Sprit", sagt der Braunschweiger Ingenieur Heiner Klinkrad, "und jedes zusätzliche Kilo Last kostet in der Raumfahrt eine Menge Geld".

Andernfalls bleibt nur die Selbstreinigungskraft durch die Erdanziehung. Je nach Größe und Gewicht sinkt jedes Teil manchmal schon nach wenigen Monaten, meist aber erst nach Jahrzehnten in die Atmosphäre und verglüht. Einige wenige schlagen auch auf der Erde auf. Allerdings produziert in der Zwischenzeit die wachsende Zahl der Raumfahrtnationen jede Menge neuen Müll.

"Wir werden katastrophale Unfälle erleben"
Der Müll im Weltraum provoziert Unfälle
"In Zukunft werden wir es mit mehr Kollisionen zu tun haben", sagt Krag. "Die kritische Höhe über dem Boden ist die zwischen 800 und 1000 Kilometer. Da ist die Überfüllung schon sehr groß." Das Thema Weltraumschrott könnte sich viel schneller als erwartet noch wesentlich verschärfen. In absehbarer Zeit dürften deutlich mehr Raketen und Satelliten ins All geschossen werden als bisher - wenn nicht nur etablierte Raumfahrtagenturen, sondern auch Unternehmen im großen Stil im All mitmischen wollen. Zum Beispiel, um auch dem letzten Winkel der Erde schnelles Internet anzubieten oder es professionellen Nutzern zu ermöglichen, Daten mit Hilfe von Punkt-zu-Punkt-Stationen über weite Strecken zu transportieren.



Als Schreckensszenario scheint Fachleuten auch das nach dem US-Experten Donald Kessler benannte Kessler-Syndrom möglich. Bezeichnet wird damit eine unkalkulierbare Kettenreaktion durch Kollisionen, die die Raumfahrt lahmlegen könnte: Trümmerteile stoßen gegeneinander und erzeugen noch mehr Trümmerteile. "Wir sollten alles tun, um das Kessler-Syndrom zu verhindern", sagt Wiedemann.

Der Himmel wird uns schon nicht auf den Kopf fallen
Dass uns Weltraumschrott unkontrolliert auf den Kopf fallen könnte, ist laut Krag "ein wirklich kleines Problem". Immerhin seien drei Viertel der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt, viele Landgegenden "nicht stark besiedelt". Theoretisch existiere es zwar schon. "Die Wahrscheinlichkeit ist aber sehr klein."

Entstanden ist der Schrott im All größtenteils aufgrund von mehr als 250 Explosionen. 18.000 Trümmerteile sind groß genug, um von Erfassungssystemen überwacht zu werden. Gefährlich sind aber auch schon kleinere Teile. Insgesamt gibt es Schätzungen zufolge 750.000 Objekte zwischen einem und zehn Zentimetern Durchmesser. Sie können bei einem Aufprall mit einer Geschwindigkeit von 40.000 Stundenkilometer die Wucht einer Handgranatenexplosion auslösen.

400 Fachleute beraten sich über Schrott
Das viertägige Treffen vom 18. bis 21. April 2017 gilt als das weltweit größte und wichtigste zum Thema Weltraumschrott. 400 Teilnehmer werden erwartet: Darunter Ingenieure, Wissenschaftler, Manager, Industrieunternehmen, Hochschulen und Entscheidungsträger aus allen wichtigen Raumfahrtnationen.

Das Interesse bei dem inzwischen siebten Treffen dieser Art ist so groß, dass nicht alle Anfragen zur Teilnahme berücksichtigt werden konnten. Die Veranstaltung gibt es seit 1993 alle vier Jahre. Verpflichtende Regeln werden allerdings keine beschlossen. "Wir werden unser Wissen zusammentragen", meint Krag. Er ist der Vorsitzende der Konferenz.

Glossar
Weltraumschrott
Fachleute schätzen, dass inzwischen mehr als 100.000 Schrottteile um den Planeten kreisen, die meisten von ihnen sind nicht größer als irdische Kieselsteine.
Umweltsatellit auf Abwegen
"Envisat" wird zum Weltraumschrott
Der Erdbeobachtungssatellit "Envisat" steht nach einem Totalausfall der Kommunikationssysteme möglicherweise vor dem Aus.
Mediathek
VideoDie USA wollen im Weltraum aufräumen
Das US-Verteidigungsministerium arbeitet an einer Robotertechnik, die zukünftig Satelliten im Weltall reparieren oder recyceln soll. (Beitrag vom 6. Februar 2013)
Mediathek
VideoMüllabfuhr im Weltall
Um Weltraumschrott aus der Erdumlaufbahn zu holen, hat die japanische Kagawa Universität mit der Japanischen Weltraumagentur (Jaxa) einen Satelliten entwickelt. (Beitrag vom 3. Februar 2014)
Mediathek: Weltraummüll
Die USA wollen im Weltraum aufräumen
Das US-Verteidigungsministerium arbeitet an einer Robotertechnik, die zukünftig Satelliten im Weltall reparieren oder recyceln soll.
Mediathek
VideoSchweizer Physiker und Ingenieure haben den Minisatelliten "Clean Space One" entwickelt, der Weltraumschrott entsorgen soll. Allerdings verglüht er mit seiner Fracht in der Atmosphäre. (Beitrag vom 22. April 2013)