Junge am Computer © colourbox.de
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Für computersüchtige Jugendliche spielt sich das gesamte Leben vor dem PC ab.
Zurück ins reale Leben
Computersüchtige Jugendliche sollen wieder Interesse am Alltag lernen
In Dortmund steht das erste deutsche Wohnheim für mediensüchtige Jugendliche. Die Bewohner lernen hier wieder einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Computer.
"Wir setzen auf Kompetenz und nicht auf Abstinenz", sagt der Therapeut Magnus Hofmann. "Wir sind der Meinung, dass Medien aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken sind, dass die Gesellschaft sich so verändert hat, dass in ganz vielen Bereichen Medien benutzt werden, zum Beispiel bei Onlinebewerbungen. Letzten Endes geht es auch darum, wieder eine Medienkompetenz zu erlernen."

Aktuell: Von der WHO "offiziell" als Krankheit anerkannt
Im neuen WHO-Krankheitenkatalog "ICD-11" ist die Computerspielsucht erstmals als eigene Krankheit aufgeführt. Als Kriterien für eine Spielsucht gelten dort: entgleitende Kontrolle etwa bei Häufigkeit und Dauer des Spielens, wachsende Priorität des Spielens vor anderen Aktivitäten und Weitermachen auch bei negativen Konsequenzen.

Die Aufnahme in den ICD-11 stößt in der Fachwelt auch auf Kritik. Der Psychologe Andy Przybylski von der Universität Oxford warnte mit rund 30 Kollegen in einem offenen Brief: "Es besteht das Risiko, dass solche Diagnosen missbraucht werden". Geprüft werden müsse, ob bei exzessiv spielenden Patienten nicht eher zugrundeliegende Probleme wie Depression oder soziale Angststörungen behandelt werden müssten.

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Was ist Internetsucht?

Nicht jede exzessive Nutzung des Internets ist Experten zufolge eine Abhängigkeit, daher ist die Definition schwierig. In der Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird unter Internetsucht eine unkontrollierte und exzessive Nutzung von Internet und Computerspielen sowie auch von anderen Anwendungen, sozialen Netzwerken und Cybersex verstanden. Die Sucht kann sich in einer Reihe von Verhaltensauffälligkeiten zeigen: Die Betroffenen verlieren die Kontrolle über die Zeitspannen, die sie im Internet verbringen, und zeigen Entzugserscheinungen wie Unruhe oder Gereiztheit. Sie fehlen häufiger am Arbeitsplatz oder in der Schule, bringen schlechtere Noten nach Hause und leiden unter Schlafproblemen. Die Gedanken kreisen unablässig um die Internetaktivitäten, Betroffene kapseln sich oft ab und sind sozial isoliert. Gerade bei Online-Rollenspielen legen sie sich oft eine zweite Identität in der virtuellen Welt zu, die zum Beispiel Probleme in der realen Welt kompensieren sollen. In Deutschland sind schätzungsweise 560.000 Menschen internetsüchtig.

Wer ist besonders gefährdet?
Nutzer von Online-Rollenspielen, Onlineshootern oder Strategiespielen sind gefährdeter als Spieler anderer Genres. Häufiger betroffen sind dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht zufolge auch impulsivere Menschen und jene mit einer geringeren sozialen Kompetenz. Gleiches gilt für Jugendliche, die aus Ein-Eltern-Familien kommen, Probleme mit Gleichaltrigen oder in der eigenen Schulklasse haben. Menschen mit pathologischer Internetnutzung leiden nach bisherigen Erkenntnissen oft auch unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, ADHS oder Alkoholmissbrauch.

Warum werden Onlinespiele vor allem für Jugendliche zum Problem?
Zu viel Internet macht Jugendliche einsam. Sind sie mehr als sechs Stunden täglich online, ob über Mobiltelefon oder Computer, fällt es ihnen nach einer Studie der Universitätsmedizin Mainz schwerer, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Sie kommunizieren weniger, vertrauen ihren Freunden kaum und fühlen sich von anderen stärker entfremdet. All dies begünstigt letztlich die soziale Ausgrenzung.

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