Junge am Computer © colourbox.de
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Für computersüchtige Jugendliche spielt sich das gesamte Leben vor dem PC ab.
Zurück ins reale Leben
Computersüchtige Jugendliche sollen wieder Interesse am Alltag lernen
In Dortmund steht das erste deutsche Wohnheim für mediensüchtige Jugendliche. Die Bewohner lernen hier wieder einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Computer.
"Wir setzen auf Kompetenz und nicht auf Abstinenz", sagt der Therapeut Magnus Hofmann. "Wir sind der Meinung, dass Medien aus dem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken sind, dass die Gesellschaft sich so verändert hat, dass in ganz vielen Bereichen Medien benutzt werden, zum Beispiel bei Onlinebewerbungen. Letzten Endes geht es auch darum, wieder eine Medienkompetenz zu erlernen."

Immer mehr Internetsüchtige in Deutschland
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Kinder und Jugendliche sind oft unkontrolliert und viel zu lange online.
Die Zahl der internetabhängigen Jugendlichen in Deutschland wächst. Fast sechs Prozent der 12- bis 17-Jährigen gelten als onlinesüchtig. Das hat eine Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ergeben, für die im Jahr 2015 deutschlandweit etwa 7000 Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 12 bis 25 Jahren befragt wurden. Dabei seien Mädchen deutlich stärker suchtgefährdet als Jungen: So lag der Anteil der internetabhängigen Mädchen in dieser Altersgruppe bei 7,1 Prozent, bei den Jungen waren es dagegen 4,5 Prozent. Die Bundeszentrale führt die stärkere Suchtanfälligkeit der Mädchen unter anderem auf die Angebote sozialer Medien zum Austausch untereinander zurück.

Konsequenzen im Jugendschutz gerfordert
In der Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen lag der Anteil der Süchtigen bei 2,8 Prozent und damit nur leicht über den Ergebnissen der vorangegangenen Untersuchung von 2011. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), sieht in der Internetabhängigkeit ein "Massenphänomen". Deshalb müssten die Vorsorge gestärkt sowie spezialisierte Behandlungs- und Therapieangebote ausgebaut werden, sagte sie. Mortler forderte auch Konsequenzen im Jugendschutz. "Konkret heißt das unter anderem, dass wir bei Onlinespielen die Alterseinstufung ab null Jahren überdenken müssen." Die Altersangabe erwecke den falschen Eindruck, diese Spiele seien bereits für Kleinkinder empfohlen. Kleinkinder brauchen keine digitalen Angebote. Zudem forderte Mortler, Internetabhängigkeit endlich als eigenständiges Krankheitsbild anzuerkennen.

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Eine entscheidende Rolle komme außerdem den Erwachsenen zu. "Wenn wir internetmündige Kinder wollen, brauchen wir Eltern, Erzieher und Lehrer, die dies selbst sind und es auch vermitteln können", sagte Mortler. Doch rund die Hälfte der Eltern stellt keine Regeln zur Internet-Nutzung auf, wie eine Umfrage im Auftrag der Krankenkasse DAK-Gesundheit im November 2015 ergab. Für sie befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa 1000 Eltern. Demnach verbringt im Schnitt jedes vierte Kind im Alter zwischen 12 und 17 Jahren an einem gewöhnlichen Wochentag rund eine Stunde im Internet, bei 29 Prozent sind es zwei Stunden. Am Wochenende sei jeder Fünfte sechs Stunden oder länger im Netz. In knapp jeder dritten Familie werde nicht festgelegt, welche Inhalte sich Kinder und Jugendliche im Netz ansehen dürfen.

Eltern tun sich schwer mit Internet-Regeln und Kontrolle
Gut ein Fünftel der Eltern (22 Prozent) gaben an, ihr Kind fühle sich ruhelos, launisch, niedergeschlagen oder gereizt, wenn es versuche, das Internet weniger zu nutzen oder damit ganz aufzuhören. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters, sieht auf Grundlage der Umfrage bei knapp fünf Prozent ein erhöhtes Gefährdungspotenzial. "Wir können nicht sagen, ob sie schon eine Internet-Sucht entwickelt haben", schränkte er ein. "Aber sie sind stärker gefährdet."

Bei rund der Hälfte der Eltern verbringt das Kind der Studie zufolge mehr Zeit online als es sich vorgenommen hatte. Kinder von alleinerziehenden nutzen das Internet häufiger. Die populärsten Aktivitäten sind das Ansehen von Videos und Online-Spiele. Nach Einschätzung der Eltern verbringen jeweils rund 29 Prozent der Kinder damit mehr als die Hälfte ihrer Online-Zeit. Für 28 Prozent seien es Chats und Messenger. Für viele Eltern sei es sehr schwierig, Regeln aufzustellen. "Es gibt hier eine Lücke zwischen den Generationen. Anders als ihre Kinder sind die Eltern nicht in die Internetwelt hineingeboren. Ihnen fehlt daher oft die Kompetenz, Regeln zu entwickeln", sagt der Geschäftsführer des Gesamtverbandes für Suchthilfe, Theo Wessel.

Was ist Internetsucht?

Nicht jede exzessive Nutzung des Internets ist Experten zufolge eine Abhängigkeit, daher ist die Definition schwierig. In der Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wird unter Internetsucht eine unkontrollierte und exzessive Nutzung von Internet und Computerspielen sowie auch von anderen Anwendungen, sozialen Netzwerken und Cybersex verstanden. Die Sucht kann sich in einer Reihe von Verhaltensauffälligkeiten zeigen: Die Betroffenen verlieren die Kontrolle über die Zeitspannen, die sie im Internet verbringen, und zeigen Entzugserscheinungen wie Unruhe oder Gereiztheit. Sie fehlen häufiger am Arbeitsplatz oder in der Schule, bringen schlechtere Noten nach Hause und leiden unter Schlafproblemen. Die Gedanken kreisen unablässig um die Internetaktivitäten, Betroffene kapseln sich oft ab und sind sozial isoliert. Gerade bei Online-Rollenspielen legen sie sich oft eine zweite Identität in der virtuellen Welt zu, die zum Beispiel Probleme in der realen Welt kompensieren sollen. In Deutschland sind schätzungsweise 560.000 Menschen internetsüchtig.

Wer ist besonders gefährdet?
Nutzer von Online-Rollenspielen, Onlineshootern oder Strategiespielen sind gefährdeter als Spieler anderer Genres. Häufiger betroffen sind dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht zufolge auch impulsivere Menschen und jene mit einer geringeren sozialen Kompetenz. Gleiches gilt für Jugendliche, die aus Ein-Eltern-Familien kommen, Probleme mit Gleichaltrigen oder in der eigenen Schulklasse haben. Menschen mit pathologischer Internetnutzung leiden nach bisherigen Erkenntnissen oft auch unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, ADHS oder Alkoholmissbrauch.

Warum werden Onlinespiele vor allem für Jugendliche zum Problem?
Zu viel Internet macht Jugendliche einsam. Sind sie mehr als sechs Stunden täglich online, ob über Mobiltelefon oder Computer, fällt es ihnen nach einer Studie der Universitätsmedizin Mainz schwerer, Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Sie kommunizieren weniger, vertrauen ihren Freunden kaum und fühlen sich von anderen stärker entfremdet. All dies begünstigt letztlich die soziales Ausgrenzung.

Ist Internetsucht als Krankheit anerkannt?
Nein. Bisher ist diese Form der Sucht nicht als offizielle Diagnose eingestuft. Es gibt auch noch keine einheitlichen anerkannten Methoden zur Erfassung der Störung. Hier besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

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Der Suchtbericht 2016 verzeichnet einen Rückgang des Alkohol- und Tabakkonsums. Die Entwicklung bei illegalen Drogen blieb stabil.
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