Junge am Computer
Expertenverband fordert, Computerspielsucht als Krankheit anzuerkennen
Immer mehr Patienten abhängig
Sucht nach Internet und Computerspielen steigt
Der Psychotherapeut Dr. Holger Feindel hat in den vergangenen Jahren immer mehr Patienten wegen Computerspielsucht behandelt.
"Während es zwischen 1999 und 2004 drei, vier Patienten im Jahren waren, haben wir eine kontinuierliche Steigerung bis hin zu hundert Patienten im letzten Jahr", so der Arzt vom Zentrum für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Suchtmedizin in München. Das Leben in der virtuellen Welt sei leichter als in der realen: "Wenn mich jemand nervt, kann ich ihn auf 'ignore' setzen, dann ist er weg. Das ist im normalen Leben so nicht möglich, und entsprechend ist es für unsere Betroffenen leichter, sich in so einer Welt zu bewegen als in unserer realen." Sie erlebten dort klarere Regeln und Strukturen als in der realen Welt und wüssten woran sie sind.

In einer vom Bundesgesundheitsministerium geförderten Untersuchung von 2011 wird das nicht klar umrissene Phänomen Internetsucht als eine Kombination verschiedener Verhaltensauffälligkeiten definiert. Dazu zählt, dass die Betroffenen die Kontrolle über die Zeitspannen verlieren, die sie im Internet verbringen, Entzugserscheinungen zeigen, das Netz als Flucht vor realen negativen Gefühlen benutzen und auch Nachteile in Kauf nehmen, etwa durch Fehlzeiten in Schule oder am Arbeitsplatz.

In der Regel sind Männer häufiger internetsüchtig als Frauen. Bei den ganz jungen Nutzern dreht sich das Verhältnis jedoch um. In der Gruppe der 14- bis 16-Jährigen sind 4,9 Prozent der Mädchen und nur 3,1 Prozent der Jungen internetabhängig. Bei den bis 24-Jährigen ist das Verhältnis gleich. Bei Frauen spielen mit 77 Prozent soziale Netzwerke wie Facebook oder SchülerVZ die Hauptrolle, während bei jungen Männern Computer-Spiele einen hohen Stellenwert einnehmen.

Internetabhängigkeit als Sucht anerkennen
Experten des Fachverbandes Medienabhängigkeit fordern die Anerkennung von Internetabhängigkeit als Suchterkrankung. Wer dauernd am "Tropf" des Internets hänge und am Computer spiele, sei suchtgefährdet, erklärte der Mediziner und Therapeut Bert te Wildt von der Uniklinik der Ruhr Universität Bochum 16. August 2012. Medienabhängigkeit müsse als behandlungsbedürftiges Problemverhalten anerkannt werden.

Unter dem Vorsitz des Bochumer Professors für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie entwickelte der Fachverband Mediensucht Behandlungsempfehlungen. Untersuchungen zufolge gebe es in Deutschland eine "ernstzunehmende Zahl" an Menschen, die eine Behandlung bräuchten, hieß es. Allein in der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen seien vier Prozent internetsüchtig.

Dabei sei krankhafter Medienkonsum nicht auf Jugendliche beschränkt und verschwinde auch nicht automatisch mit zunehmendem Alter. Eine Erhebung in einer stationären Sucht-Rehabilitation habe gezeigt, dass der Altersdurchschnitt in der untersuchten Patientengruppe mit 29,3 Jahren deutlich über dem Jugendalter liege.

Durch die nachgewiesene Nähe zu so genannten stoffgebundenen Suchterkrankungen empfiehlt der Fachverband eine Behandlung in Einrichtungen der etablierten Suchthilfe. Die Anerkennung als eigenständiges Krankheitsbild sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Ambulanzen im Suchtbereich eine finanzielle und juristische Grundlage für ihre Arbeit hätten, hieß es.

Der Fachverband Medienabhängigkeit wurde 2008 in Schwerin gegründet. In ihm haben sich Vertreter aus der Forschung sowie pädagogische und therapeutische Fachkräfte zusammengeschlossen.

Mediathek
VideoJungen werden zehnmal so häufig abhängig von Computerspielen wie Mädchen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), warnte am 3. Juli 2009 in Berlin am Rande einer Expertentagung vor den Folgen. Abhängige Jungen hätten schlechtere Noten in den Schulfächern Deutsch, Mathematik, Sport und Geschichte und schwänzten Unterricht fast doppelt soviel wie gleichaltrige Jungen. (Beitrag vom 3. Juli 2009)